Bührle-Komplex : Ausstellung ohne Ausgang
Die neue Interimspräsentation der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich ist ein Rückschritt.
Es gibt zwei – komplett konträre – Reaktionen auf die Bilder des Waffenfabrikanten Emil Georg Bührle. Die einen empfinden sie als eine einzige Zumutung, gemäss ihnen sollten sie nicht mehr öffentlich gezeigt werden. Stehen sie vor der Sammlung im Kunsthaus Zürich, sehen sie nur Zerstörung, Leid und Tod: wegen der Waffensysteme, die Bührle dank guter Geschäfte mit den Nazis zum reichsten Schweizer machten; und genauso wegen der Tatsache, dass viele dieser Gemälde ohne Krieg, NS-Verfolgung und Holocaust gar nicht verkauft worden wären.
Die anderen wollen von all den kriegerischen und massenmörderischen Kontexten am liebsten nichts mehr hören. Sie möchten sich nur noch in die Bilder, in die «Meisterwerke des Impressionismus», vertiefen, ohne ständig mit belasteten Provenienzen und anderen kunstfremden Zusammenhängen behelligt zu werden.
Wütend mit Rotstift
Mit der neusten Präsentation – es ist nun schon die dritte seit Eröffnung des Neubaus vor knapp fünf Jahren – schafft es das Kunsthaus, beide Gruppen gleichermassen vor den Kopf zu stossen. Die als «Zwischenstand» überschriebene Ausstellung kombiniert eine uninspirierte Salonhängung der Bilder mit einer Dokumentation der Ausstellungsgeschichte in zwei separaten Räumen, die kritische Ansprüche kaum befriedigen kann.
An den Kunsthauswänden hängen also einmal mehr – diesmal dicht gedrängt, ohne sinnliche oder kunsthistorische Logik – die für die Öffentlichkeit bestimmten Bilder der Sammlung Bührle: all die Landschaften, Porträts, Stillleben, inklusive mehrerer erlegter Vögel, die dem Trophäenjäger Bührle offenbar gefielen. Leere Rechtecke markieren abwesende Werke, die ausgeliehen, lichtempfindlich oder bereits 2024 vorsorglich von der Bührle-Stiftung selbst abgehängt worden waren, weil sie als «NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut» gälten, wie ein Wandtext in gewundenen Worten erklärt. Mit den «Rechtsnachfolgern» werde nun über «gerechte und faire Lösungen» verhandelt.
Zum Arrangement gehört ausserdem ein Touchscreen, auf dem der Forschungsstand abgerufen werden kann. Zumindest rudimentär erforschbar ist hier auch die Privatsammlung, diejenigen Werke also, die sich im Privatbesitz der Familie Bührle und nicht als Dauerleihgabe im Kunsthaus befinden und deren Provenienzen potenziell noch problematischer sind.
Damit ist diese Ausstellung wieder näher an der ersten Schau zur Eröffnung der protzigen Kunsthauserweiterung 2021, die ja im Wesentlichen zur Unterbringung der Sammlung Bührle gebaut worden war. Die Kunst erscheint erneut getrennt von ihrer problematischen Geschichte – und wird doch ständig von ihr eingeholt. Vertieft man sich in die Dokumentation der Ausstellungsgeschichte, hält diese durchaus Fundstücke bereit. Etwa einen sehr wahrscheinlich von einem Mitglied der Bührle-Stiftung wütend mit Rotstift kommentierten Artikel aus der «New York Times», in dem bereits 1990 unter dem Titel «Von Waffen und Künsten» eine Ausstellung von 85 Bührle-Bildern in der Nationalgalerie von Washington scharf kritisiert wurde.
An einer weiteren Wand stehen wie kleine Mahnmale aufgereiht gut zwanzig Bücher: darunter der Bericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (2001), das «Schwarzbuch Bührle» (2015), Erich Kellers «Das kontaminierte Museum» (2021). Schon seit über zwei Jahrzehnten erzählen diese Bücher bittere Wahrheiten über die Sammlung. Dass diese Wahrheiten erst in den letzten Jahren breite Resonanz fanden, darf immer wieder erstaunen.
In ein bis zwei Jahren soll dann bereits wieder umgehängt werden. Und nach dem wegweisenden Untersuchungsbericht von Raphael Gross, der klare Mängel der stiftungseigenen Provenienzforschung offengelegt hat, wird die Sammlung nun ein weiteres Mal durchleuchtet. Derweil liess die Stiftung Bührle vergangenes Jahr schon mal kühn den Stiftungszweck anpassen: dahingehend, dass die Sammlung in Zukunft nicht mehr zwingend in Zürich gezeigt werden müsste. Die Stadt hat gegen diese Anpassung Beschwerde eingereicht. Dass die neue, schlauchartig eingerichtete Ausstellung keinen Ausgang (oder neutraler: keinen zweiten Eingang) hat, darf symbolisch verstanden werden: Das Kunsthaus steckt mit der Sammlung Bührle in einer Sackgasse.
Kaufrausch im besetzten Paris
Auch in «Wir und der Krieg», der neuen Ausstellung im Landesmuseum, ist Bührle und seinen lukrativen Kanonen ein Kapitel gewidmet. Es trägt den Titel «Waffen für Kunst» und illustriert Bührles gierigen, aber auch blinden Kunstkaufrausch im von den Nazis besetzten Paris knapp und treffend mit einem – wie sich herausstellen sollte – gefälschten Tizian, den der Waffenfabrikant per Sonderbewilligung in die Schweiz schmuggeln liess.
Nach dem Krieg war es Bührle ein grosses Anliegen, als Gönner der Zürcher Kunstgesellschaft gesellschaftliche Anerkennung und gewiss auch Ablenkung und Läuterung zu finden. Bis zu seinem Tod 1956 begleitete er intensiv die erste bauliche Erweiterung des Kunsthauses, die seinen Namen tragen sollte. Es bleibt die Aufgabe der kritischen Öffentlichkeit und der unabhängigen Forschung, solches Artwashing auch im neuen Erweiterungsbau hartnäckig zu durchkreuzen. ●