Der Grosse Raub : Virales Wehklagen
Enis Maci über den Schauer, der ein Model befällt
Immer muss ich daran denken, seit einem Jahr mit klarer Bestimmtheit, doch vorher schon dachte ich auf eine vage Art daran, ohne wirklich zu wissen, was es war; scheinbar gleich vergessen, hing es doch nach, wie der sprachlose Albtraum eines Säuglings, wie eine sehr kleine Sache, die für ein grosses Unrecht steht, bloss war das Unrecht ganz alltäglich, die Sache umso imposanter: Die Rede ist, natürlich, vom Grossen Raub. Was einmal deines war, gehört nun einem anderen, den du noch dafür bezahlst, dass du es nutzen darfst, das Deine. Die Rede ist vom Ältesten: den Schulden der Prostituierten beim Zuhälter, den ausgedachten Schulden, die sie überhaupt zur Prostituierten machen. Die Rede ist vom Schauer, der ein Model befällt. Mehrbettzimmer, Fashion Week. Kabelknäuel in der Steckerleiste, und die Mädchen beugen sich übers Telefon, wo jetzt dein Gesicht erscheint, in einem Werbefilm, den du niemals drehtest. Das die Gegenwart bestimmende Medium wird bis auf Weiteres der Deepfake-Porno bleiben. Wem gehört mein Abbild, und wem meine Ehefrau? Die Rede ist von den Renovierungen, die in der Mietwohnung vorzunehmen du so töricht warst. Vom Kleingedruckten im Abo, von Fotos, Tagebucheinträgen, die zu Trainingsdaten, von Millionen, die so enteignet werden. Die Rede ist von Gärten, errichtet auf dem Grundstück eines anderen. Vom ekelhaften Verhältnis zwischen Eigentum und Eigenem und Eigenartigem.
Die Rede ist von der amerikanischen Musikerin Murphy Campbell, Interpretin appalachischer Volksweisen, doppelt gemeinfreier Lieder also: Sie haben nie jemandem gehört, und hätten sie es doch einmal getan, dann wäre das so lange her, dass es nicht länger gälte. Doch dann – nutzt das Unternehmen Timeless Sounds Campbells Youtube-Videos, um auf deren Grundlage mittels KI Musik zu generieren, die es wiederum von einer Firma namens Videa vertreiben lässt, die ihrerseits Urheberrechte auf die gefakete Musik anmeldet, aber auch auf jene Inhalte, mit denen die KI-Engine trainiert wurde, das heisst: auf Campbells Videos selbst, deren Einnahmen die Firma nun an ihrer statt einstreicht. «Videa is making money on Youtube off of my own videos and me playing my own banjo in my own backyard.» Die Wehklage geht viral, Youtube stellt ihre Rechte wieder her. Viel hätten die Copyright-Trolle an Campbell allein nicht verdient. An Zehntausenden wie ihr allerdings schon.
Eins der Lieder, die Videa beansprucht, ist «In the Pines», Weise ungeklärter Herkunft, gesungen seit mindestens 1870 und bis heute, von Campbell, Cobain, Dylan, Dalton, Parton, Callahan. «In the pines, in the pines / where the sun never shines / shivered where the cold winds blow». Und jede, die es singt, dieses Lied, das niemandem gehört, glaubt, es handle von etwas anderem. Vom Vater, der seinen Kopf bei einem Eisenbahnunglück verliert, das vielleicht auch ein Suizid war? Oder ist der nämliche Zug eine Lore, stirbt der Vater in den Bergwerken Georgias? Oder ist es seine Tochter, deren geschändeter Leichnam in den Baumkronen hängt? Oder traf sie, längst Erwachsene, ihren Liebhaber im Wald, derweil der Zug ihres Gatten Leib zerriss? Zwischen erster Tonaufnahme dieses Songs und Bau der Transcontinental Railroad liegt so viel Zeit wie zwischen dieser Kolumne und allererster Chatnachricht. Welches sind die Lieder, die man einmal vom Grossen Raub singen wird? Und wem werden sie gehören? An dieser Stelle bald mehr. ●
Enis Maci (33) ist Autorin und lebt in Berlin.