Durch die zwanziger Jahre mit Alice Galizia : Ist es wirklich nötig, über Taylor Swift zu schreiben?
Alice Galizia schreibt schon lange für die WOZ, hat aber erst jetzt eine feste Stelle. Wegen der Medienkrise, sagt sie – wütend auf die WOZ war sie manchmal trotzdem.
WOZ: Alice, neu bist du fix dabei im Kulturressort, dafür wechselt unser bisheriger Popkritiker David Hunziker ins Gesellschaftsressort. Wird Pop auch dein Thema sein?
Alice Galizia: Ja, auf jeden Fall. Ich habe sowieso viel über Pop geschrieben, fange also nicht bei null an. Aber es ist natürlich etwas anderes, für ein Dossier zuständig zu sein und so stärker mitzuentscheiden, was in die Zeitung kommt. David ist zum Glück weiterhin Teil der Redaktion, wir können uns also austauschen. Aber ich habe schon Respekt vor dieser Aufgabe.
WOZ: Respekt wovor?
Alice Galizia: Es gibt in der Schweiz nur noch wenige Medien, die ernsthaft über Kultur berichten. Die meisten grossen haben die Berichterstattung stark runtergefahren. Die Entscheidungen, worüber wir schreiben oder eben nicht, haben im Verhältnis also viel Gewicht. Das fühlt sich nach einiger Verantwortung an, es ist auch ein bisschen einsam, in einen fast luftleeren Raum hineinzuschreiben.
Diese Entwicklung ist unglaublich schnell passiert: In den nuller Jahren, also ungefähr zehn Jahre bevor ich damit angefangen habe, war es noch eine realistische Karrierevorstellung, journalistisch über Musik zu schreiben. Bei mir wars dann schon eher ein nostalgischer Wunschtraum. Oder ein utopischer, je nachdem.
WOZ: Angesichts dieser Ausgangslage: Worüber wirst du schreiben?
Alice Galizia: Ich finde es wichtig, sich zu grossen Popphänomenen wie Rosalía, Charli xcx oder Taylor Swift zu verhalten, und mache das auch gern. Schon nur, um herauszufinden, wieso ich etwas gut finde oder nicht oder was die Gründe für einen Hype sind.
Gerade als linke Zeitung geht es aber auch darum, jenseits des Mainstreams eigene Themen zu setzen und Perspektiven zu entwickeln. Dass die Kulturberichterstattung derzeit so stark wegbricht, hat auch einen Einfluss auf die alternative Schweizer Pop- und Indieszene, der es sowieso nicht gerade glänzend geht. Die will ich im Blick haben, samt den Clubs und Lokalen, wo sie stattfindet, und den ökonomischen Bedingungen, unter denen die Leute arbeiten.
WOZ: Musst du wirklich über Taylor Swift schreiben?
Alice Galizia: Man könnte sich legitimerweise schon dagegen entscheiden. Dafür spricht, dass sich an ihr viel erzählen lässt: über die USA, den total absurden Musikmarkt und über Fankultur, über Country, Pop und Politik. Ich habe das vor zwei Jahren mal versucht, war hinterher aber ehrlich gesagt nicht sehr zufrieden mit dem Text.
WOZ: Wieso?
Alice Galizia: Ich kannte sie nicht gut und musste mich richtig in ihr Universum reinfuchsen. Am Ende war ich dann so fest drin, dass ich manche Fragen gar nicht mehr gestellt habe: Warum galt sie als so politisch, obwohl ihre Statements schon immer so schwach und generisch waren? Wie kommt es, dass so viele Popkritiker:innen ihrem Narrativ erliegen? So wie ich ja auch! Und wieso ist ihre Inszenierung so unfassbar bieder?
WOZ: Deine ersten Texte sind 2018 in der WOZ erschienen, als du einen Stage in der Kulturredaktion gemacht hast. Nach acht Jahren als Freie und drei Stellvertretungen folgt nun die feste Anstellung. Das ist eine lange Zeit – und war sicher nicht nur einfach für dich?
Alice Galizia: Ich will wirklich nicht jammern, weil ich während dieser Zeit auch ganz viele andere gute Sachen machen konnte, so ohne Festanstellung. Aber journalistisch zu schreiben, ist mein bisher allerliebster Job auf der Welt, von daher: Ja, es war frustrierend, und ich war auch manchmal wütend auf die WOZ, wenn es nach einer weiteren Stellvertretung wieder keine Anschlusslösung gab.
Grundsätzlich ist es leider wirklich keine gute Zeit, Journalistin werden zu wollen: Überall wird abgebaut, es werden sehr wenige Stellen ausgeschrieben, auf die sich dann Hunderte bewerben. Viele gute Journalist:innen gehen in irgendwelche Marketing- und Promojobs. Und dass es nach Praktika gute Anschlusslösungen gibt, ist auch anderswo kaum mehr üblich.
WOZ: Du bist in dieser Gesprächsreihe die Erste aus dem Kulturressort. Das ist irgendwie typisch: Die Kultur kommt am Schluss, so wie das ja auch bisher im Zeitungslayout zum Ausdruck kam. Hast du die Erfahrung gemacht, dass die Kultur bei der WOZ zweitrangig ist?
Alice Galizia: Die WOZ hat ihre Kulturberichterstattung im letzten Jahrzehnt ja immerhin ausgebaut, von daher … Aber ja, es kommt an den Gesamtredaktionssitzungen bei manchen schon hie und da die Überzeugung durch, vorne im Politikteil stünden die relevanten Geschichten und hinten unser schönes Zeugs. Es ist schon in Ordnung, wenn es einen nicht interessiert. Aber manchmal erstaunt mich die Ignoranz gegenüber der Kunst im Allgemeinen schon, gerade bei Linken. Weil sie doch etwas ist, das einen Wert haben kann, ohne in einem kapitalistischen Sinn verwertbar zu sein.
Das fand ich auch so schief an den Diskussionen, die während Corona über die Systemrelevanz des Kultursektors geführt wurden, weil sie so am Punkt vorbeizielten: Es geht tatsächlich nicht ums nackte Überleben, sondern um das geile Leben und wie das aussehen könnte. Das ist der Witz am Ganzen. ●
Alice Galizia (33) ist ab Mai Mitglied der Redaktion und schreibt neben Pop auch über Comics, Kulturpolitik und was sich in ihrer Heimatstadt Bern so tut.