Gaza : Wider den Scholastizid
Was lässt sich von der zerstörten Bücherwelt im Kriegsgebiet noch retten?
Im Gazakrieg wurden vor allem durch israelische Luftangriffe die meisten öffentlichen Bibliotheken, privaten Buchsammlungen und etliche Buchhandlungen erheblich oder so gut wie vollständig zerstört. Darunter sind neben Universitäts- und Gemeindebibliotheken auch zahlreiche Büchereien in Schulen, Moscheen und Wohlfahrtsorganisationen. Das Ausmass der Verwüstungen deutet auf ein systematisches Vorgehen der israelischen Armee hin. Palästinenser:innen und die Vereinten Nationen sprechen von einem «Scholastizid», der gezielten Schädigung von Bildungseinrichtungen.
Die grösste Büchersammlung mit rund einer Viertelmillion arabischen und 60 000 englischsprachigen Bänden beherbergte die Islamische Universität in Gaza, die die Israelis für eine Hochburg der Hamas hielten. Die Zentralbibliothek der Universität wurde mehrmals angegriffen, bei der letzten Attacke wurden offensichtlich die Buchbestände in jedem der sechs Stockwerke des Gebäudes zerstört. Überreste der Sammlung wurden laut Augenzeug:innen von Binnenflüchtlingen, die in der Bauruine Zuflucht suchten, in der Not als Heizmaterial verwendet. Manche wurden auch aus dem Schutt gerettet.
Zündelnder Soldat
Anfang Februar berichtete der Bibliotheksleiter Mamduh Firwana auf der Facebook-Seite der Universität, dass in der ersten Wiederaufbauphase ausschliesslich auf digitale Bücher zurückgegriffen werden müsse. Auch die Bibliotheken der Al-Azhar- und der Al-Aksa-Universität in Gaza-Stadt mit mehreren Hunderttausend Büchern wurden ähnlich systematisch vernichtet. Dass in Letzterer Bücherbestände durch Armeeangehörige eigenhändig in Brand gesetzt wurden, zeigt ein im Mai 2024 im Internet veröffentlichtes Video, auf dem ein israelischer Soldat mit einem Buch in der Hand vor einem brennenden Bücherregal sitzt. Der Vorfall erregte zwar Aufsehen, blieb aber, soweit bekannt, ohne Konsequenzen.
Die Verheerungen verschonten auch Kulturdenkmäler nicht. Ein israelisches Bombardement machte grosse Teile der Omari-Moschee in Gaza, die als die älteste im Küstenstreifen gilt, zunichte. Dabei wurde auch ihre Büchersammlung fast vollständig vernichtet. Die Bibliothek war schon im Ersten Weltkrieg bei Kämpfen zwischen Briten und Osmanen stark zerstört und später mühsam wiederaufgebaut worden. Nun bemüht sich ein Freiwilligenteam der palästinensischen Stiftung Eyes on Heritage um die Rettung einiger Tausend der zuletzt dort beherbergten rund 20 000 Bücher, Manuskripte und Dokumente.
Gegründet hat die Stiftung vor einem Jahrzehnt der Historiker und Büchersammler Abd al-Latif Abu Hashem aus Rafah. Weil im Gazastreifen Büchersammlungen immer wieder Ziel israelischer Luftangriffe waren, begann er 2022, mithilfe des British Council die wertvollsten Stücke der Bibliothek zu digitalisieren. So wurden noch vor dem Krieg 147 Digitalisate ins Internet gestellt – mehrere der Originalwerke sollen mittlerweile verloren sein. Darunter befinden sich einzigartige religiöse Werke lokaler Rechtsgelehrter, die Abu Hashem digitalisieren liess, weil er sie als Zeugnisse einer langen Tradition der Gazaer Gelehrsamkeit bewahren wollte.
Unter den Digitalisaten sind auch nirgendwo sonst erhaltene Ausgaben der lokalen juristischen Zeitschrift «Al-Hukuk» (Das Recht) aus der britischen Mandatszeit, die seltene Einblicke in die Rechtsgeschichte des Gazastreifens gewähren. Ein ebenfalls aus dieser Zeit stammendes Gästebuch der Bibliothek belegt, wie wichtig diese Einrichtung für die damalige Elite war.
Werbung auf Instagram
Abu Hashem musste 2025 die Stadt Rafah verlassen, die kurz darauf fast vollständig zerstört wurde. Seine Forschungen über die Omari-Sammlung setzt er derzeit im französischen Aix-en-Provence fort. In einem Interview berichtete er kürzlich, dass er eine eigene Bibliothek mit 20 000 Büchern besass, über deren Schicksal ihm nichts bekannt sei. Mit den geretteten Büchern der Omari-Moschee hofft er, deren Sammlung nach und nach wiederaufbauen zu können.
Im Gazastreifen ist auch sonst die Entschlossenheit, die verlorene Bücherwelt wiederauferstehen zu lassen, allenthalben spürbar. Ein Beispiel dafür ist die Initiative «Phoenix-Bibliothek» der beiden jungen Literaten Omar Hamad und Ibrahim al-Masri. Hamad hat seine Büchersammlung auf seiner Odyssee als Binnenflüchtling stets in mehreren Koffern mitgeschleppt.
Nun hat er es sich mit seinem Freund nicht nur zur Aufgabe gemacht, Überreste zerbombter Bibliotheken zu retten, ehe sie endgültig verloren gehen. In Gaza-Stadt haben die beiden mithilfe eines Crowdfundingprojekts inzwischen auch mehrere Räume mit den geborgenen Büchern eingerichtet. Aus der Sammlung, für die Hamad mit wachsender Popularität auf Instagram wirbt, soll Gazas erste wieder funktionierende Leihbibliothek entstehen – die grosse Stadtbibliothek ist israelischen Luftangriffen zum Opfer gefallen. ●