Gewerkschaften und Autoritarismus : «Die Rechte hat es geschafft, einen Glauben zu erzeugen»

Nr. 18 –

Wieso wählen Arbeiter:innen Parteien, deren Politik ihren Interessen widerspricht? Ein Gespräch mit dem deutschen Wirtschaftssoziologen Klaus Dörre.

Illustration von Andreas Gefe: Menschen unterwegs vor einem Wandbild welches Velokuriere zeigt, welche auf dem Boden sitzen

WOZ: Herr Dörre, Gewerkschaften werden üblicherweise mit dem Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen in Verbindung gebracht. Welche Rolle können sie im Kampf gegen den Autoritarismus spielen?

Klaus Dörre: Die Abgrenzung vom Autoritarismus gehört zur gewerkschaftlichen DNA: Im Selbstverständnis sind viele aktive Gewerkschafter:innen klar antifaschistisch orientiert. Diese Grundhaltung führt allerdings oft dazu, dass der Autoritarismus als äusserer Feind verortet wird, den man mit der Teilnahme an Demos und anderer Bündnisarbeit bekämpft. Sitzt der Gegner hingegen in den eigenen Reihen, finden die Gewerkschaften nur schwer einen Umgang damit. Dabei neigen Teile der Arbeiter:innenschaft, insbesondere im Produktions- und Industriebereich, klar zu Parteien der radikalen oder populistischen Rechten.

WOZ: Dass viele, vor allem männliche Arbeiter:innen mit Autoritarismus etwas anfangen können, zeigt auch ein Blick auf jüngste Wahlergebnisse in verschiedenen Ländern. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Klaus Dörre: Viele Industriearbeiter:innen fühlen sich nicht gehört und gesehen. Historisch betrachtet feierte die organisierte Arbeiter:innenbewegung ihre grössten Erfolge im nationalen Wohlfahrtsstaat: In dessen Rahmen konnte man sich als Arbeiter:in Sozialeigentum aneignen, also Sicherheit durch soziale Rechte erlangen statt wie zuvor nur durch Privateigentum – was wiederum zumindest in Ansätzen eine langfristige Lebensplanung ermöglichte. Aus Klassenindividuen wurden damit anerkannte Sozialbürger:innen, auch wenn die Ungleichheit, etwa jene zwischen den Geschlechtern oder jenen mit und ohne Pass, bestehen blieb. Mit der Globalisierung änderte sich dann die Ausgangslage.

Der Wirtschaftssoziologe

Klaus Dörre (68) ist emeritierter Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Jena und forscht seit mehreren Jahrzehnten zum Thema «Gewerkschaften und Autoritarismus». Einen Überblick dazu bietet sein Buch «In der Warteschlange. Arbeiter:innen und die radikale Rechte» (2023).

Zwischen Ende 2024 und Februar 2026 befragten Dörre und sein Team Führungskräfte und Arbeiter:innen in der deutschen Autoindustrie zu ihren Einstellungen. Die Studie ist Teil einer Acht-Länder-Untersuchung zu Gewerkschaften und neuem Autoritarismus.

Portaitfoto von Klaus Dörre
Angelika Osthues

WOZ: Inwiefern?

Klaus Dörre: Sie bewirkte, dass die Schutzhülle des Wohlfahrtsstaats Schritt für Schritt abgetragen wurde – mit den Produktionsarbeitenden als Verlierer:innen. Gerade in den kapitalistischen Zentren zahlten sie, gemessen an ihrer Ausgangssituation, den höchsten Preis. Hinzu kommt, dass ihre Zahl innerhalb der konventionellen Arbeiter:innenklasse schrumpft, auch wenn sie noch immer recht gross ist. Das Grundbewusstsein dieser Klassenfraktion ist defensiv: Arbeiter:in wirst du nur, wenn du musst – wer kann, geht ins Büro oder studiert. Diese empfundene Abwertung kann, so hat es die US-Soziologin Arlie Hochschild genannt, in eine Art Aussenseiterstolz umschlagen.

WOZ: Und aus diesem Stolz werden dann Ressentiments?

Klaus Dörre: Viele haben das Gefühl, in der Warteschlange des Lebens nicht mehr weiterzukommen. Und plötzlich erleben sie, wie jene, «die man nicht gerufen hat» und die «nur» wegen eines Krieges oder für ein besseres Leben kommen, einfach an ihr vorbeiziehen. In unseren Befragungen beschweren sich die Leute über bröckelnde Infrastruktur, geschlossene Schulen und eingestellte Buslinien: Für nichts sei mehr Geld da, man selbst schaue in die Röhre, während jene, die nichts einbezahlt hätten, «alles» erhielten. Die Leute können Ihnen sogar sagen, wie viel ein Geflüchteter im Schnitt vom Staat bekommt. So wird ein Aussen konstruiert, das keinen Anspruch aufs sogenannte Volksvermögen hat – und ein Innen mit berechtigten Ansprüchen. An diesem Punkt setzt die radikale Rechte dann an.

WOZ: Wie sieht ihre Strategie aus?

Klaus Dörre: Der Neuen Rechten ist es gelungen, den Verteilungskonflikt zwischen oben und unten in einen zwischen innen und aussen umzudeuten. Dieses Aussen, das nichts bekommen soll, können «faule» Bürgergeldbezügerinnen sein, aber auch Einwanderer «aus muslimischen Kulturkreisen» – da sind sie inhaltlich flexibel. Wir haben Automobilarbeiter:innen in Sachsen interviewt. Manche von ihnen finden, das Bürgergeld müsse weg, weil es die Faulen bediene – und sagen gleichzeitig, der eigene Partner könne ohne nicht überleben. Die Rechte hat es also geschafft, einen Glauben zu erzeugen. Nach dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci muss dieser Punkt erreicht werden, damit die eigenen Ideen massenhaft ausstrahlen – und das ist der radikalen Rechten in Italien ebenso gelungen wie Donald Trump und der AfD.

WOZ: Das steht im Widerspruch zur Politik dieser Parteien: nicht für die Arbeiter:innen, sondern fürs Kapital. Wie passt das zusammen?

Klaus Dörre: Ja, die AfD etwa ist eine marktradikale Partei: Sie lehnt Subventionen ab und will den Mindestlohn beseitigen, verspricht zwar bessere Gesundheitsstandards, sagt aber nicht, woher das Geld kommen soll, und hält gleichzeitig sklavisch an der Schuldenbremse fest. Programmatisch ist das zwar ungeheuer widersprüchlich – was aber überhaupt keine Rolle spielt. Denn konfrontiert man jene, die sie wählen, damit, sagen sie, dafür hätten sie die betreffende Partei nicht gewählt. In unseren Befragungen treffen wir oft auf Leute, die ihre Erfahrungen durch ein «betriebswirtschaftliches» Deutungsmuster filtern.

WOZ: Was bedeutet das?

Klaus Dörre: Die Argumentation geht so: «Ich habe lange gearbeitet, um auf einen höheren Stundenlohn zu kommen. Jetzt wird der Mindestlohn angehoben, und Leute bekommen mehr Geld als ich früher, ohne sich hocharbeiten zu müssen.» Nun könnte man schlussfolgern, dass die Löhne für alle steigen müssen. Aber die «Betriebswirte» glauben, das gefährde nicht nur den eigenen Arbeitsplatz, sondern auch den Betrieb oder gleich die ganze Wirtschaft. Wir können also nicht davon ausgehen, dass Klassenerfahrungen im Selbstlauf nach links führen, vielmehr werden sie durch gesellschaftlich erzeugte Deutungsmuster hindurch interpretiert. Und diese Muster wiederum bedient die extreme Rechte erfolgreich. Anders als in den 1920er Jahren ist Faschismus heute nicht mehr Sozialismus plus Hypernationalismus, getrieben von Antisemitismus. Letzteren gibt es nach wie vor, aber die Formel für den Protofaschismus der Gegenwart ist Hyperliberalismus plus Hypernationalismus. Getrieben ist er von Ressentiments gegen Nicht-Leistungsbereite oder -Integrationswillige. Die AfD radikalisiert den Neoliberalismus und fügt ihm eine autoritäre Komponente hinzu.

WOZ: Weil wir die ganze Zeit von der Klasse sprechen: Wen würden Sie heute eigentlich überhaupt zur Arbeiter:innenklasse zählen?

Klaus Dörre: Aus meiner Sicht müssen wir von Klassen sprechen, im Plural also. Die neue Arbeiter:innenklasse ist akademisch qualifiziert, aber ohne Kontrollmacht über Personen: etwa Lehrer oder Assistenzärztinnen. Diese Leute sind sehr progressiv, am sensibelsten für ökologische und soziale Fragen. Die konventionelle Arbeiter:innenklasse hingegen reicht vom Industriearbeiter im Automobilkonzern bis zur Kassiererin im Supermarkt, der Kitabetreuerin oder Pflegerin – alles Leute mit höchstens mittleren Abschlüssen. Während die Mitglieder der konventionellen Arbeiter:innenklasse maximal die Arbeitsprozesse überblicken, haben jene der neuen Überblick über ganze Lieferketten und Produktionsprozesse. Und dann gibt es noch eine untere Klasse: Menschen, die keine Chance haben, in reguläre Arbeit reinzukommen, illegale Migrant:innen etwa.

WOZ: Sie haben ausgeführt, wie die extreme Rechte Arbeiter:innen adressiert. Ein Phänomen, das in Deutschland offenbar verbreitet ist, das wir in der Schweiz aber nicht kennen: dass sie gezielt Arbeit in den Betrieben macht, etwa durch die AfD-nahe Pseudogewerkschaft Zentrum. Wie ernst muss man das nehmen?

Klaus Dörre: Sehr ernst. Die radikale Rechte agiert mit einer Doppelstrategie: Sie delegitimiert demokratische Gewerkschaften von aussen und destabilisiert sie von innen. Für Ersteres sorgen Organisationen wie Zentrum – ein Verein, entstanden in der Autoindustrie und bestehend aus Personen mit tiefer Verankerung in der militanten Neonaziszene. Sie versuchen, folgendes Deutungsmuster zu etablieren: Die Gewerkschaften haben sich gegen den deutschen Arbeiter verschworen und missachten dessen Qualitätsarbeit. Gleichzeitig vermeiden sie offen rassistisches Auftreten, haben auch Menschen mit Migrationsgeschichte auf ihren Betriebsratslisten. Sie versammeln Anhänger:innen der radikalen Rechten aller Länder, von den türkischen Grauen Wölfen bis zu kroatischen Rechtsradikalen: eine rechtsextreme Internationale.

WOZ: Und wie sieht die Destabilisierung von innen aus?

Klaus Dörre: Bei den Arbeiter:innen bekommt die AfD im Verhältnis zu allen anderen Parteien die meisten Stimmen. Und deren Sympathisant:innen tauchen auch in den Betriebsräten auf. Gerade in Ostdeutschland ist es in gewissen Branchen schwierig, eine Kandidat:innenliste zusammenzubekommen – und wenn dann jemand bereit ist, wird er nicht nach seinem Wahlverhalten gefragt. Wir beobachten, dass die Orientierung in Richtung radikale Rechte tief bis in den aktiven Kern der Gewerkschaften hineinreicht. Dieses interne Problem ist viel schwieriger zu handhaben als die Delegitimierung von aussen: Wie mit jemandem umgehen, der ein vorbildlicher Betriebsrat ist, sein Kreuz aber bei der AfD macht? In Südwestsachsen haben wir praktisch keinen Betriebsrat getroffen, der sich offensiv gegen die AfD äussert, weil sie in der Region hegemonial ist. Quantitativ betrachtet ist das Zentrum eher klein – aber es erreicht spektakuläre Einzelerfolge.

WOZ: Und wie gehen sie dabei vor?

Klaus Dörre: Das Zentrum ist nicht tariffähig, also nicht berechtigt, Verhandlungen über Gesamtarbeitsverträge zu führen; auch darf es keine Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber abschliessen. Die AfD setzt aber darauf, dass ihre Mandatsträger:innen auch für Betriebsräte kandidieren – in der Hoffnung, dass der Wähler:inneneinfluss aus der Gesellschaft sich dort niederschlägt. Sie wollen, dass das Zentrum so stark an Bedeutung gewinnt, dass es tariffähig und somit zur Gewerkschaft wird. Dieses Vorgehen würde die Einheitsgewerkschaft faktisch zerstören, weil sie in permanenter Konkurrenz zur radikalen Rechten stünde, man bei Tarifkonflikten stets damit rechnen müsste, dass sich das Zentrum mit dem Arbeitgeber verbündet. Zwar ist es erfreulich, dass es der radikalen Rechten bisher nicht gelungen ist, die Zustimmung für die AfD in betrieblichen Erfolg umzumünzen. Nicht bald eine Strategiedebatte über den Umgang mit dem Problem zu führen und es weiterhin zu verharmlosen, wäre dennoch ein schwerer Fehler.

WOZ: Ist diese Doppelstrategie der AfD etwas, das man auch von anderen Ländern oder aus der Geschichte kennt?

Klaus Dörre: Historische Vorbilder reichen bis zum deutschen und italienischen Faschismus zurück. Die NSDAP etwa gründete Vorfeldorganisationen wie die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation, die sich mitunter an Streiks beteiligten – um nach der Machtergreifung die Gewerkschaften dann ganz zu zerschlagen. Heute ist die Strategie von Land zu Land unterschiedlich. Die Zerschlagung oder zumindest Schwächung der Gewerkschaften war übrigens auch schon ein Programm des Neoliberalismus – und zum Teil erntet die Rechte die Folgen: Erst die Schwächung der Arbeiter:innenbewegungen hat eine Repräsentationslücke entstehen lassen, in die die radikale Rechte vordringt.

WOZ: Sie haben die NSDAP erwähnt, die ihre eigene Vorfeldorganisation eliminiert und die demokratischen Gewerkschaften zerschlagen hat. Was lässt sich daraus lernen?

Klaus Dörre: Dass man aufhören muss zu meinen, man mache die Rechtsextremen stärker, wenn man zu viel über sie rede. Und man muss die Kategorie Klasse wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Denn mit ihrer Vernachlässigung wird der Boden bereitet, um die soziale Frage national zu thematisieren – auch wenn Klassengegensätze nur dann progressiv wirken, wenn man sie mit anderen Konfliktachsen wie Gender, Migration, Race und Ökologie verbindet. Eine dritte Schlussfolgerung ist, dass man absteigende soziale Grossgruppen wie die Industrie- und Produktionsarbeiter:innen nicht vernachlässigen darf – was insbesondere für die Sozialdemokratie gilt. Es ist richtig, sich für neue Gruppen zu öffnen, aber zugleich muss man sichergehen, dabei nicht die eigene Stammklientel zu vergessen. Stellen Sie sich vor, Sie führen als Arbeiter einen hochanspruchsvollen Produktionsprozess aus – und bekommen den Stempel, das sei nicht modern, Ihnen gehöre nicht die Zukunft. Das ist zutiefst problematisch. Es stellt sich also die Frage, wie linke und progressive Kräfte diese Leute ansprechen können.

WOZ: Darauf müssten ja vor allem auch Gewerkschaften eine Antwort finden. Was braucht es, um diese Arbeiter:innen zurückzuholen, ohne in die Nationalismusfalle zu tappen?

Klaus Dörre: Da hätte ich gleich mehrere Vorschläge!

WOZ: Ich bin gespannt!

Klaus Dörre: Sicher müssen die Gewerkschaften einen Perspektivenwechsel vornehmen: nicht bloss auf jene Arbeiter:innen schauen, die rechtsextrem wählen, sondern vielmehr auf die, die das nicht tun, was die Mehrheit ist. Überzeugte rechtsradikale Wähler:innen erreicht man ohnehin nicht mehr. Bei unseren Befragungen haben wir viele linke Arbeiter:innen getroffen, insbesondere Frauen – in der Debatte kommen die aber praktisch nicht vor. Die entscheidende Frage ist: Was brauchen die, die sich in Büro und Betrieb dem Rechtsruck widersetzen? Im Industriebereich etwa arbeiten Leute im Schichtsystem, sie haben kaum Zeit für gewerkschaftliche Bildungsveranstaltungen und die Teilnahme an Mobilisierungen. Die brauchen eine Bildungsarbeit, die näher an ihre Arbeitsrealitäten heranrückt. Dafür wiederum ist ein Brückenschlag zwischen akademischem Milieu und Gewerkschaften nötig. Ich bin sicher, dass sich linke Studierende an Bildungsangeboten für Arbeiter:innen beteiligen würden.

WOZ: Und die anderen Vorschläge?

Klaus Dörre: Gespräche auf Augenhöhe, kein fertiges Weltbild überstülpen, nicht in Gruppen-, sondern in Einzelgesprächen überzeugen. Zohran Mamdanis Wahlkampf in New York, der Haustürwahlkampf der Linkspartei in Deutschland – beides lief nach einem Prinzip aus dem gewerkschaftlichen Organizing. Die Gewerkschaften sollten sich Pilotbetriebe aussuchen, wo sie dann eine Gesprächsoffensive starten, zuerst an einem Ort mit guter gewerkschaftlicher Organisierung. Reine Stellvertreterpolitik bringt nichts mehr, stattdessen sollten die Beschäftigten in die Entwicklung betrieblicher Forderungen einbezogen werden. Das wiederum erfordert einen völlig anderen Führungsstil – eine Demokratisierung nach innen. In unseren Befragungen äussern viele den Eindruck, ihre Fachkompetenz, etwa in der Klimapolitik, sei zu wenig gefragt. Die Leute sind Expert:innen für E-Mobilität, montieren freiwillig Solarpanels auf ihre Dächer und betreiben Ökolandwirtschaft im eigenen Garten – von oben verordnete Klimapolitik empfinden sie aber zu Recht als autoritär und lebensfremd. Die Auseinandersetzung mit der radikalen Rechten muss bei Themen stattfinden, die nicht so stark polarisieren – und dafür müssen sich die aktiven Gewerkschafter:innen auch in Sachfragen Fachwissen aneignen, den Leuten etwa erklären können, warum sich die Energiewende nicht mit Atomkraft stemmen lässt.

WOZ: Sie sprechen gern von verbindender Klassenpolitik. Sollten Gewerkschaften einen breiteren politischen Ansatz verfolgen, der über die Arbeit in den Betrieben hinausgeht?

Klaus Dörre: Sinnvoll finde ich einen Cost-of-Living-Ansatz: Grundbedürfnisse wie Wohnen, Bildung, Gesundheit, Mobilität und Sorge müssen abgesichert sein. Es braucht einen Kampf um öffentliche Güter, damit auch Leute mit kleinen Portemonnaies ein gutes Leben führen können. Da gibt es eine Fülle an gewerkschaftlichen Anknüpfungspunkten: Wer etwa für einen guten ÖV eintritt, muss auch für dessen Finanzierung sorgen. Das wiederum geht in die Forderung nach einer Rückverteilung gesellschaftlichen Reichtums über. Heute glaubt niemand ernsthaft, man könnte den Elon Musks dieser Welt ins Portemonnaie greifen – man muss daran arbeiten, dass das wieder zum Glauben wird. Eine Reichensteuer, wie sie der französische Ökonom Gabriel Zucman vorschlägt, sollte zum grossen Klassenprojekt werden.

WOZ: Sind Sie optimistisch?

Klaus Dörre: Gemessen an dem, was nötig ist, sind Gewerkschaften heute so unverzichtbar wie bei ihrer Entstehung. In der digitalen Ökonomie etwa sind wir ja wieder dort, wo wir im Frühkapitalismus waren: bei der militanten Bekämpfung von Gewerkschaften. Der Kampf dagegen ist nötiger denn je. Aber die Gewerkschaften müssen ihre Bindungen in die zivilgesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Basisstrukturen neu justieren, die Vertretungssysteme passen nicht mehr zur sozialen Realität. Werden sie aber als wirksam erfahren, kann das herrschende Ohnmachtsgefühl überwunden werden. ●