Kommentar : Willkommenes Störsignal

Nr. 18 –

Norwegen, Angola und die Schweiz: Eine Staatengruppe geht den Ausstieg aus der Fossilenergie an. Raphael Albisser begrüsst dieses Zeichen gegen die Ignoranz.

Am Mittwoch ging in der kolumbianischen Karibikküstenstadt Santa Marta die erste «Konferenz zur Abkehr von fossilen Brennstoffen» zu Ende. Gesandte aus über fünfzig Ländern haben sich getroffen, um Wege aus der fossilen Abhängigkeit zu diskutieren – als inoffizielle Ergänzung zu den Uno-Klimagipfeln (COP), an denen in dieser Hinsicht seit Jahren Stillstand herrscht. Auch wenn die Konferenz kaum Verbindliches hervorbringen kann, stimmt sie NGOs und Klimawissenschaftler:innen zuversichtlich: Endlich ein Format, in dem handlungswillige Regierungen gemeinsam Wirkungsmacht entfalten wollen.

Auch Länder mit bedeutender Fossilindustrie waren dabei, etwa Norwegen, Angola, Kanada oder Australien. Daneben die Schweiz, die immerhin ihren Umweltbotschafter geschickt hat. Der Zeitpunkt des Treffens ist durchaus interessant. Während aufgrund des Krieges gegen den Iran unentwegt Meldungen von nervösen Energiemärkten eintreffen, gibt es zuweilen auch hoffnungsvolle Kommentare: Der aktuelle Öl- und Gaspreisschock werde die Welt endlich zum Umdenken bewegen, so der Gedanke.

Dahinter steckt leider sehr viel Wunschdenken, allein schon deshalb, weil fossile Konzerne und Rohstoffhändler ihre fürstlichen Krisengewinne in den langfristigen Erhalt ihrer Industrie investieren werden. Und selbst wenn zuletzt die Solarstromproduktion etwa in China oder Indien noch mal exorbitant angestiegen ist, gilt weiterhin die alte Einsicht: Kommen erneuerbare Quellen zum weltweiten Energiemix hinzu, verschwinden die alten nicht automatisch. Der Markt regelt das nicht – eher im Gegenteil, wie die Verbrauchszahlen der letzten Jahre zeigen. Soll also die fossile Infrastruktur verschwinden, muss sie zielgerichtet und gegen alle interessengeleiteten Widerstände zurückgebaut werden.

Es ist ein Abbild globalpolitischer Kräfteverhältnisse, dass an den Klimagipfeln der Uno diesbezüglich keine Fortschritte passieren. Auch im vergangenen November, bei der letzten COP im brasilianischen Belém, war in der Abschlusserklärung kein Verweis darauf zu finden. So ist es hochwillkommen, wenn sich nun eine Staatengruppe gefunden hat, die sich mit allen dringlichen Fragen rund um die Energiewende ganz praktisch auseinandersetzen will: mit der Überwindung ökonomischer Abhängigkeiten, mit der Drosselung des fossilen Verbrauchs sowohl angebots- wie nachfrageseitig, mit der Förderung internationaler Kooperation. Man will Ausstiegspfade entwickeln – ohne sogleich von einer bestens geölten Petroallianz ausgebremst zu werden. So zumindest die Idee des Gastgeberlands Kolumbien, das selbst ein wichtiger fossiler Player auf der Weltbühne ist. Sein scheidender linker Präsident Gustavo Petro möchte sich aber noch einmal als Klimaleader positionieren.

Natürlich: An schönen Worten mangelte es noch nie, auch nicht an den COPs. Dennoch ist der Effort von Santa Marta begrüssenswert: als fast schon trotziges Störsignal inmitten der gegenwärtig tiefen Krise des Multilateralismus. Und inmitten der demonstrativen Ignoranz, mit der die lautesten Staatsoberhäupter dem rasant voranschreitenden Klimadesaster derzeit begegnen. ●