Literatur : Mit ganzer Kraft für Liebe und Revolution

Nr. 18 –

Ein Band mit Briefen von Anna Kuliscioff ermöglicht endlich auch auf Deutsch die Entdeckung einer aussergewöhnlichen Sozialistin.

In Italien ist sie nicht vergessen, die Ärztin, Sozialistin und Feministin Anna Kuliscioff (1854–1925). Auf dem Domplatz in Mailand ist an einem Gebäude eine Bronzetafel zu entdecken mit der Inschrift: «Von 1892 bis 1925 lebten in diesem Haus Filippo Turati und Anna Kuliscioff. Sie verbreiteten einen festen sozialistischen Glauben in Italien.»

Der Glaube an politische Veränderung zeichnete Anna Kuliscioff ebenso aus wie der eiserne Wille, diese zu erreichen. Geboren wurde sie als Anna Rosenstein auf der Krim als Tochter eines jüdischen Getreidehändlers. Da sie als Jüdin im Russischen Reich nicht studieren durfte, schrieb sie sich mit achtzehn Jahren an der Universität Zürich ein. Das Studium vernachlässigte sie jedoch bald zugunsten ihres politischen Engagements. Als Anarchistin und Ehefrau eines russischen Revolutionärs kehrte sie zunächst in die Heimat zurück, tauchte jedoch 1876 unter – mit einem falschen Pass und dem selbsterfundenen Namen Kuliscioff, wobei «Kuli» für asiatische Tagelöhner steht.

Aufsehenerregender Prozess

Der Name ist Programm. Anna Kuliscioff arbeitete unermüdlich für die soziale Revolution – und für die Rechte der Frauen. Sie hielt Vorträge, schrieb Pamphlete, gab Zeitschriften heraus und nahm an Aktionen teil, die sie oft ins Gefängnis brachten. Etwa 1878 in Florenz, wo sie erst nach einem aufsehenerregenden Prozess im Januar 1880 wieder freikam und aus Italien ausgewiesen wurde.

Aus den folgenden Jahren im Schweizer Exil stammen die ersten Briefe, die Michelle Steinbeck und Marina Galli für ihren Band «Ich will dich sehen mit deinem Verbrechergesicht. Liebesbriefe einer Revolutionärin» ausgewählt und übersetzt haben. Sie richten sich an Kuliscioffs Geliebten Andrea Costa, mit dem sie gemeinsam kämpfte und die 1881 geborene Tochter Andreina hatte, den sie aber immer seltener sah.

Ihre Briefe zeigen die Empfindsamkeit einer Frau, die sich vernachlässigt fühlt und darunter leidet, die aber streiten kann und trotz allem die Kraft hat, ein Medizinstudium in Bern aufzunehmen. «Zweimal die Woche gehe ich um 6.30 Uhr an die Universität, alle anderen Tage um 7.30 Uhr, und das bis sechs Uhr abends. Ich lerne bis elf Uhr abends, doch ich werde nicht müde, so sehr folge ich mit lebhaftem Interesse dem Stoff, der jetzt gelehrt wird» (29. Oktober 1883).

Im Winter 1883/84 brach die Tuberkulose aus, mit der sich Anna Kuliscioff im Gefängnis in Florenz angesteckt hatte. Sie wechselte an die Universität Neapel in der Hoffnung, dass ihr das wärmere Klima guttun würde. Wieder musste sie von vorne beginnen, oft fehlte ihr das Nötigste zum Leben, und sie flehte Andrea Costa an, ihr Geld zu schicken. Bald ist aber in den Briefen wieder von der Lust am Forschen die Rede. Als erste Frau in Neapel schloss sie ihr Studium mit einer Dissertation ab. Darin wies sie nach, dass eine bakterielle Infektion die Ursache von Kindbettfieber ist.

Viele Informationen über Kuliscioffs Leben und Wirken finden sich im Buch nicht in den Briefen selbst, sondern in der Einführung der Herausgeberinnen sowie in deren akribischen und unbedingt lesenswerten Anmerkungen. Denn diese betten die «Liebesbriefe einer Revolutionärin» in die Zeitgeschichte ein und ergänzen sie so zu einer Biografie, angereichert mit spannenden Fotos und Dokumenten.

Eine stabile Beziehung ging Anna Kuliscioff 1886 mit dem Sozialisten Filippo Turati ein. Sie zog zu ihm nach Mailand und setzte bald ihre ganze Kraft für die politische Arbeit ein. Von ihren anarchistischen Anfängen war sie inzwischen abgerückt, unterschied sich von Turati aber in ihrem stärkeren Engagement für die Gleichberechtigung. Als seine Partei das Frauenwahlrecht als zweitrangig behandelte, polemisierte sie 1910 in ihrer gemeinsamen Zeitschrift «Critica Sociale»: «Sind die Frauen etwa nicht Arbeiterinnen, Bäuerinnen, Angestellte …? Entsprechen die mütterliche Funktion und Opferbereitschaft, die der Armee und den Werkstätten Söhne bescheren, etwa nicht – mindestens! – dem Militärdienst?»

Zeugin des Aufstiegs Mussolinis

Da Anna Kuliscioff auf keinen Fall «Eigentum eines Mannes» sein wollte, lehnte sie eine Heirat stets ab. Ihre Briefe zeigen sie aber auch als grosse Liebende: Am 1. Januar 1899 schrieb sie Turati ins Gefängnis: «Richtig und vollständig frei werde ich erst sein, wenn du es bist. Du kannst diese tiefe Zärtlichkeit und grenzenlose Liebe spüren, die während all dieser Monate ohne dich mein einziger Halt waren, nicht wahr?»

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es soziale Fortschritte, aber zugleich begannen die Kampfbünde von Benito Mussolini, mit Gewalt gegen die Arbeiterschaft vorzugehen. Spätestens nach dem «Marsch auf Rom» im Oktober 1922 war absehbar, dass die Faschisten die Macht übernehmen würden. Es ist erschütternd zu lesen, wie Anna Kuliscioff in ihren letzten Lebensjahren noch den Aufstieg des Faschismus erleben musste. «Ach, wie abscheulich, wie demütigend, wie trostlos, in so einem finsteren Moment der Geschichte unseres armen Landes leben oder vielmehr vegetieren zu müssen!» So schrieb sie am 17. November 1922 – drei Jahre vor ihrem Tod. ●

Buchcover von «‹Ich will dich sehen mit deinem ­Verbrechergesicht›. Liebesbriefe einer Revolutionärin»
▶ Anna Kuliscioff: «‹Ich will dich sehen mit deinem ­Verbrechergesicht›. Liebesbriefe einer Revolutionärin». Heraus­gegeben und übersetzt von Michelle Steinbeck und ­Marina Galli. Paranoia City Verlag. Zürich 2026. ­­280 Seiten.