Rechter Kulturkampf : Wenn die Vielfalt rausgeworfen wird

Nr. 18 –

Wegen der politisch motivierten Entlassung des Leiters des Verlags Grasset brodelt es im französischen Literaturbetrieb – und weit darüber hinaus.

Am Ende protestierte sogar die Familie. «Das politische Engagement des neuen Besitzers ist entgegengesetzt zu jenem von Louis Hachette», klagte jüngst der achtzigjährige Gérald de Roquemaurel, ein Nachfahre des Gründers der heute mit Abstand grössten Verlagsgruppe Frankreichs. Sein Urahn Louis Hachette (1800–1864) habe gegen die Rechtsextremen der eigenen Zeit gekämpft: gegen reaktionäre Royalisten. Doch heute sei Hachettes Erbe «entstellt und sogar verraten». Denn seit Ende 2023 ist eben gerade ein Rechtsextremer Hauptaktionär der Hachette-Gruppe: der Milliardär und Tycoon Vincent Bolloré.

Seit dem 14. April sorgt der Bretone für nicht nachlassende Stürme der Empörung: An jenem Tag wurde die Entlassung von Olivier Nora bekannt. Dieser hatte 26 Jahre lang die Hachette-Filiale Grasset geleitet, den nach Gallimard renommiertesten französischen Literaturverlag. Dem Neffen des illustren Historikers Pierre Nora wurde aus vagen Gründen gekündigt. Wären Spindoktoren involviert gewesen, hätte es wohl geheissen: «strategische Differenzen». So jedoch rapportierte «Libération» einen weniger zitierfähigen Befehl Bollorés: «Ich kann nicht mehr mit diesem Arsch, werft ihn mir raus.»

Der Expräsident als Mittelsmann

So oder so war allen klar, dass der weitherum geschätzte und sogar geliebte Nora gehen musste, weil er sich nicht in sein Programm dreinreden liess. Selbst nicht durch Bollorés Busenfreund Nicolas Sarkozy – der mehrfach verurteilte Expräsident spielt zwischen zwei Gerichtsverhandlungen gern den Berater und den Mittelsmann für den Propagator der «Union der Rechten» (die er während seiner Zeit im Élysée zwischen 2007 und 2012 mit Anleihen beim Programm des heutigen Rassemblement National eifrig gefördert hatte). Nichts sähen Bolloré und Sarkozy lieber als einen Schulterschluss der Bürgerlichen mit den Rechtsextremen.

Die Französ:innen werden zunehmend mit dieser Idee warm, den Sprung wagen sie dann aber doch (noch) nicht. So setzt der Tycoon auf Kulturkampf, um die Köpfe zu gewinnen – und macht zu diesem Zweck sein Medienimperium mobil. Der Fernsehsender I-Télé (heute: CNews), der Radiosender Europe 1, das Sonntagsblatt «Le Journal du Dimanche», zumindest zu Teilen auch die Canal+-Gruppe wurden schon länger auf Linie gebracht. Jetzt sind die Verlage an der Reihe. Nach Fayard im vergangenen Jahr ist nun Grasset dran, möglicherweise folgt danach Stock. Die Methode ist stets dieselbe: Die widerständigsten, oft auch fähigsten Mitarbeiter:innen werden entlassen oder weggeekelt, die redaktionelle Linie wird auf radikal, genauer: auf katholisch-identitär getrimmt. Bei Fayard, einst renommiert für sein geisteswissenschaftliches Programm, werden jetzt rechtsextreme Politiker wie Jordan Bardella, Éric Zemmour und Philippe de Villiers verlegt.

Revision des Urheberrechts?

Was aus Grasset wird, steht in den Sternen. Über 200 Autor:innen haben angekündigt, ihre Bücher künftig anderswo zu publizieren. Ein breiteres Kollektiv macht sich stark für die Revision des französischen Urheberrechts (im Normalfall besitzen Verlage bis nach Ablauf einer Frist von siebzig Jahren nach dem Tod der Autor:innen die Rechte an den veröffentlichten Schriften) sowie für die Schaffung einer «Gewissensklausel»: Wechselt das Aktionariat oder die Ausrichtung, sollen die Schriftsteller:innen unter akzeptablen Konditionen gehen können – samt ihren Werken.

Ist Bolloré diesmal zu weit gegangen? Hundert Hachette-Mitarbeiter:innen haben – aus Angst vor Repressalien anonym – einen Hilferuf in Form eines Klagebriefs veröffentlicht. Über 200 konkurrierende Verleger:innen, allen voran Antoine Gallimard, erklärten ihre Solidarität mit Nora – und verliehen ihrer Sorge um die verlegerische Vielfalt Ausdruck. Dasselbe taten unabhängige Buchhändlerinnen und prominente Geisteswissenschaftler – ja sogar Präsident Emmanuel Macron formulierte entsprechende Befürchtungen, so ziemlich als Einziger im rechten Lager. Aber die Bereitschaft vieler Französ:innen, ihre Freiheiten Stück um Stück an die Rechtsextremen zu opfern, sollte man nicht unterschätzen. ●