Technofaschismus : Karp und wie er die Welt sieht
Das Manifest des Palantir-Chefs sollte für jede Regierung, die mit dem Überwachungskonzern zusammenarbeitet, ein Alarmzeichen sein.
Der Streit um das Wesen und das Überleben der Demokratie ist mit dem 18. April in eine neue Phase eingetreten. An diesem Tag postete die US-amerikanische Firma Palantir, die ihr Geld mit der Verbindung von Daten, Überwachung und Krieg macht, ein Manifest, das die liberale Demokratie in wesentlichen Zügen für obsolet erklärt. «Wir müssen der seichten Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus widerstehen», so einer der Schlüsselsätze dieses ziemlich einzigartigen Dokuments für zukünftige Historiker:innen. Die neue autoritäre Architektur nimmt gerade in ihrer scheinbaren Inkohärenz eine immer selbstbewusstere Form an.
Dass ein Unternehmen solch ein direkt politisches Programm veröffentlicht, gab es in dieser Art noch nie. Dass ein Unternehmen wie Palantir, das in entscheidenden und höchst sensiblen Feldern wie Polizei, Militär, Sicherheit und Überwachung staatliche Aufgaben übernimmt und ersetzt, so explizit die Unausweichlichkeit des Krieges beschwört, die Ungleichheit der Kulturen postuliert, den Pluralismus verdammt und eine allgemeine Pflicht zum Dienst für die nationale Sache formuliert, sollte für jede Regierung, die mit Palantir zusammenarbeiten will, ein Alarmsignal sein.
Oder sind wir schon ein paar Schritte weiter? Wenn sich hier entweder eine Form von Technofaschismus formiert oder zumindest ein immer mächtigerer militärisch-informationeller Komplex, der zu immer höheren Militärausgaben führt und Gesellschaften auf das Ziel von grossen Kriegen hin umbaut, weil er diese Kriege braucht, um sich selbst zu rechtfertigen – was ist dann die beste Antwort darauf?
Carl Schmitt auf Steroiden
Die Reaktionen vonseiten der aktiven Politik jedenfalls waren verhalten. Es scheint fast so, als hätten sich viele gerade politisch Handelnde damit abgefunden, dass Techmilliardäre wie der Palantir-CEO Alex Karp, der hinter diesem Manifest steckt, eben wirre Menschen mit grandiosen oder auch grausamen Vorstellungen sind, die sie so meinen oder nicht. Hauptsache, sie bauen einem gute Produkte, etwa um – wie die ICE in den USA – Migrant:innen zu jagen oder wie die israelische Armee in Gaza die Totalzerstörung eines Landes zu betreiben. Palantir war hier bei der «Optimierung der ‹kill chain›» beteiligt. Das Unternehmen hat seinen Umsatz 2025 mehr als verdoppelt und ist heute weit über 300 Milliarden US-Dollar wert.
Inhaltlich ist das Manifest, das Palantir auf Elon Musks Plattform X veröffentlichte, eine polemische Zuspitzung einiger wesentlicher Thesen aus dem Buch «The Technological Republic», in dem Karp und sein Ko-Autor und Palantir-Mitarbeiter Nicholas Zamiska 2025 die Mission ihrer Firma mit dem Überleben der US-amerikanischen Nation verbanden: Es herrscht Krieg, so die Botschaft, es herrscht immer Krieg, das ist das Wesen der Welt, in der die Starken überleben und dominieren; Palantir liefert dafür nicht nur die Software, sondern auch die richtige Mentalität.
Zum Beispiel, Appell Nummer eins: Das Silicon Valley hat den USA gegenüber eine «moralische Schuld» – deshalb müssen «wir» (Wer ist «wir»? Karp? Die USA? Du und ich? Das Silicon Valley?) uns gegen die «Tyrannei der Apps» auflehnen, wir müssen auch die Grenzen von Soft Power erkennen und endlich hart werden, der Regierung bei der Bekämpfung von Gewaltkriminalität helfen und die Entwicklung von KI-Waffen vorantreiben, damit es nicht «unsere Gegner» tun. Und Gegner, auch wenn sie nicht namentlich genannt werden, gibt es überall. Carl Schmitt auf Steroiden.
Demokratie wirkt dabei eher störend. Sie ist weich («Psychologisierung der modernen Politik» ist der Ekelbegriff, den Karp verwendet). Sie setzt die falschen Anreize («Staatsdiener müssen nicht unsere Priester sein», lautet ein rätselhafter Satz Karps). Sie verdammt zu schnell die Falschen («Jede Neugier oder echtes Interesse am Wert dessen, was er geschaffen hat, wird im Wesentlichen abgetan oder lugt höchstens unter einer dünnen Schicht Verachtung hervor», heisst es mit Blick speziell auf Elon Musk). «Die Vorsicht im öffentlichen Leben, die wir unwissentlich fördern», so Karp, «ist zersetzend.» Dem gilt es zu widerstehen.
Programmatik im Tweet-Format
Nun ist es einerseits ein Problem, die Rhetorik des Silicon Valley allzu ernst zu nehmen. Sam Altman etwa, der CEO von Open AI, vom «New Yorker» gerade mal wieder als famoser Lügner entlarvt, hat sich Gruselprognose für Gruselprognose Risikokapital für seine Firma erschlichen. Die besondere mentale Disposition von Menschen wie Altman und auch Karp zeigt sich dann, wenn Altman wiederholt die Auslöschung oder weitgehende Ablösung der Menschheit prophezeit und sich dann wundert, wenn die Menschen sich wehren, wie neulich geschehen, als jemand einen Brandsatz auf sein Anwesen in San Francisco warf.
«Worte haben Konsequenzen», war sein vollkommen unironisch gemeinter Satz dazu, und er war gegen die Medien gerichtet, die es gewagt hatten, über den KI-Pinocchio die Wahrheit zu sagen. Und auch Karps Text ist von einer gewissen Unseriosität geprägt. Er ist sprunghaft («Die Entmachtung Deutschlands und Japans nach dem Krieg muss rückgängig gemacht werden» war eine der überraschenden Forderungen). Er ist sowohl Auftragsbeschreibung für Palantir (Krieg!) wie politische Philosophie (Krieg!). Er ist von ausgemachter Verachtung getragen: «Einige Kulturen haben wichtige Fortschritte hervorgebracht», so urteilt Karp, andere dagegen «sind dysfunktional und rückschrittlich geblieben».
Das alles ist politische Programmatik im Tweet-Format der knalligen Einzeiler. Karps Manifest erinnert an den Palantir-Mitgründer Peter Thiel, der sich auch für einen Denker hält und dabei nur wirr Worte und Gedanken aneinanderklebt. Andererseits, und das ist vielleicht ein liberales Grundproblem, kommt es ziemlich eindeutig nicht darauf an, wie stichhaltig bestimmte Argumente sind. Und Karp und Palantir geht es um mehr als nur intellektuelle Nebelkerzen, verbunden mit einer groben Portion Narzissmus.
Das zentrale Ziel ist neben der Ausweitung der Überwachung oder der Militarisierung der Technologie die Neugestaltung der politischen Handlungsfähigkeit selbst. Genau betrachtet ist Palantirs Projekt in sich schlüssig und basiert auf einer klaren Reihe von Annahmen über Konflikte, Technologie und Regierungsführung. Gerade diese Ambition, kombiniert mit materiellen Ressourcen und institutionellen Verflechtungen, macht es so gefährlich. Das Unternehmen schlägt nicht bloss eine Reihe von Werkzeugen vor; es vertritt eine umfassende Weltanschauung, eine «Kosmologie», in der die eigene Rolle sowohl notwendig als auch fast wohlgefällig erscheint.
Karps Manifest muss damit wie sein Buch «The Technological Republic» als Grundlagendokument einer neuen Phase in der Entwicklung der kapitalistischen Macht gelesen werden, in der die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen Politik und Wirtschaft weiter verwischt werden. Es formuliert eine Zukunftsvision, in der demokratische Beratungsprozesse technokratischen Entscheidungsprozessen untergeordnet werden und in der die Infrastrukturen der Überwachung und Kriegsführung unter der Kontrolle einer kleinen Elite gebündelt werden.
Am klarsten hatte das bislang der US-Milliardär Marc Andreessen in seinem «Techno-Optimist Manifesto» von 2023 ausformuliert, in dem er die Macht der Technologie feierte und damit auch die Technologisierung der Macht vorantrieb und forderte – in Verbindung mit dem freien Markt sei so jedes menschliche Problem zu lösen. Wenn da nicht die «Feinde» wären, wie Andreessen es nennt, denn Krieg im Grossen duldet keine Demokratie im Kleinen: «Unsere Feinde sind nicht schlechte Menschen», proklamierte er, «es sind schlechte Ideen.»
Eine neue demokratische Praxis?
Die entscheidende Frage für eine demokratische Zukunft wird sein, ob man die technoautoritären Milliardäre auf dieser Ebene bekämpft, der Ebene der Ideen und der Ideologie, oder auf jener der Infrastruktur, also auch der Innovation und der Erneuerung des Bestehenden. Die Defensivtaktik jedenfalls hat bislang nicht sonderlich gut funktioniert.
Der kanadische Historiker Quinn Slobodian hat gerade zusammen mit Ben Tarnoff im Buch «Muskism» diese Herausforderung beschrieben: Hier entsteht ein System, in dem Staaten und Menschen gleichermassen von privat kontrollierter technologischer Infrastruktur abhängig werden und das dann selbst grundlegende Funktionen ausführt. Ein System, in dem Macht von demokratischen Institutionen abgezogen und Netzwerken zugeführt wird, die von Ingenieur-Overlords kontrolliert werden, die angeblich die Regierung «optimieren» können, ohne all die mühsamen Konsensbildungsprozesse und die Bürokratie.
Widerstand auf dieser Ebene erfordert andere Kenntnisse und Anstrengungen, etwa ein tiefgreifendes Verständnis neuer Technologien: nicht nur der Gefahren, sondern auch der Möglichkeiten. Kann etwa die Demokratie mit KI verbessert werden, wie es die taiwanesische Digitalpionierin Audrey Tang gerade in ihrem Projekt zu Civic AI vorgeschlagen hat? Oder können wir demokratische Prozesse und demokratische Verwaltung mit KI nicht nur verbessern, sondern so verändern, dass eine neue demokratische Praxis daraus entsteht?
Wenn das Manifest von Palantir zu etwas gut war, dann vielleicht dazu: den Geist und den Willen derjenigen zu schärfen, die das Wissen und auch die Mittel haben, die Demokratie zu verteidigen, indem sie sie erneuern. ●
Der Journalist und Autor Georg Diez war «Spiegel»- Kolumnist und ist Fellow der Max-Planck-Gesellschaft und bei Project Together, wo er sich mit Themen der demokratischen Innovation beschäftigt.