Theater : Alice Weidel ausschaffen?

Nr. 18 –

Bühnenfoto des Theaterstück «Die weisse Madonna von Einsiedeln»: drei Schauspieler:innen mit Mikrofonen
Zweideutigkeiten und menschliche Widersprüche: «Die weisse Madonna von Einsiedeln» am Theater Basel. Lucia Hunziker

Die verschmierte Farbpfütze, die Heiligenscheine, die vollgesogenen Handtücher, das Geröll: Am Schluss verschwindet das ganze Gemetzel hinter einer auf den Vorhang projizierten Alpenidylle – ein gelungenes Bild für das Selbstverständnis der Schweiz.

Fatima Moumouni und Laurin Buser knöpfen sich am Theater Basel den Mythos vom unschuldigen Bergvölkchen vor, das sich gegen Wölfe verteidigen muss. In ihrem Stück «Die weisse Madonna von Einsiedeln» wird ein Restaurator (Kay Kysela) engagiert, um im Pilgerstädtchen die beschädigte schwarze Madonna instandzusetzen. Ebenfalls in Einsiedeln wohnt bekanntlich die AfD-Politikerin Alice Weidel, die im Stück das Dorf in Aufruhr versetzt, weil sie ihre Frau küsst. Überlagert werden diese beiden Handlungsstränge vom Dorfkollektiv, das in fieberhaften Sequenzen als Chor auftritt, begleitet von schaurigen Orgelklängen (Livemusik: Marianna Angel).

Diese Versuchsanordnung dient dazu, kritisch auf Religion, Rassismus und mediale Aufmerksamkeitsökonomie zu blicken. Im Kern gehts um Ambiguitäten und menschliche Widersprüche, was sich besonders in der Figur Weidels zeigt: Diese wird in Einsiedeln nicht wegen ihrer menschenfeindlichen Politik zur Aussätzigen, sondern weil sie homosexuell ist. Und was bedeutet es für eine Linke, wenn sie sich mit Christlich-Konservativen zusammenschliesst, um Alice Weidel auszuschaffen, wenn auch aus anderen Motiven? Das sind interessante Ausgangspunkte, doch das Stück bleibt in der fragenden Haltung hängen, statt die Themen wirklich ganz durchzuspielen.

Das liegt wohl auch daran, dass sich Moumouni und Buser thematisch etwas gar viel vorgenommen haben. Was das ursprünglich aus dem Spoken-Word-Bereich kommende Duo hier auf die Bühne bringt, ist ein Zerrspiegel der Gegenwart, sprachlich lustvoll mit Klamauk und bitterbösem schwarzem Humor. Gelacht wird viel. Bloss kann eine überdrehte Nachahmung der Realität nur bedingt Wirkung entfalten, wenn diese Realität selbst immer absurder wird. ●

▶ «Die weisse Madonna von Einsiedeln» in: Basel Theater Basel, nächste Vorstellungen: 2., 20. und 30. Mai 2026, 6. und 13. Juni 2026, jeweils 20 Uhr.