Best Western : Gute Gründe, wegzugehen

Nr. 19 –

Dorothee Elmiger trifft einen Drittweltisten aus Tennessee

Über den Ort seiner Kindheit sagt er, auf der einen Seite der Interstate habe es eine Raststätte gegeben, auf der anderen Seite zwei Tankstellen, ein Drive-in und ein «Best Western». «Und hinter dem ‹Best Western› noch ein Relikt aus dem amerikanischen 20. Jahrhundert – eine ‹Econo Lodge›.»

Sonntagnachmittag, wir sitzen bei mir im Wohnzimmer, sprechen über Formen des politischen Widerstands, über Militanz. Über die in Europa oft gestellte Frage, weshalb die Leute hier nicht zu radikaleren Mitteln griffen. «Wenn du in dieser Kolumne figurierst, wie soll ich dich dann nennen?» Er überlegt. Es komme darauf an, was er sage.

Wir kennen uns seit einigen Jahren, oft standen wir schon zusammen auf irgendwelchen Feuertreppen herum, sassen in Kneipen, in Küchen von Freund:innen. Mit neunzehn reiste er nach Syrien. «Die Frage ‹Wenn ich 1936 gelebt hätte, wäre ich dann nach Spanien gegangen?› will man immer mit Ja beantworten können», wird er irgendwann an diesem Sonntag sagen.

Seine frühste Kindheitserinnerung, damals, in Tennessee, seien die Bilder der Bomben, die auf Bagdad fallen. «Ich war fünf, sechs Jahre alt. Dann wurde ich älter, und es ging einfach immer weiter. Das war ein so offensichtlicher Angriff auf so was wie Würde und menschliches Leben. Ich war alt genug zu kapieren, dass ich eine amerikanische Person war und dass das in meinem Namen geschah.»

Seine Politisierung sei typisch gewesen: «Zu einer radikalen politischen Haltung gelangst du in diesem Land eigentlich nur, wenn du als Teenager schwierig und schlecht angepasst bist. Es gibt hier keine sozialistischen Ferienlager. Interessierst du dich für radikale Politik, bist du sowieso schon ein Freak.» Er sei meist einfach Teil von dem gewesen, was gerade passiert sei. Ein Dilettant. «Weil es hier keine Institutionen, kein Forum für linke Bewegungen gibt, schliessen sich die Leute im Lauf ihres Lebens immer wieder anderen Gruppierungen an. Jede Generation muss aufs Neue lernen, wie das geht, politische Arbeit.»

Er bricht die Schule ab, arbeitet für Kost und Logis, kehrt nach Tennessee zurück. «In der ersten Nacht wurde mir mein Auto mit all meinen Sachen geklaut. Ich war pleite, arbeitete in einer Küche in Nashville, schlief bei jemandem auf dem Fussboden. Ich fing an, mich für Menschen ohne Papiere zu engagieren, zum ersten Mal war ich umgeben von vielen politischen Leuten. Dann hörte ich irgendwann von diesem feministischen, multikonfessionellen, demokratischen Projekt in Syrien. Ich spülte Geschirr, stand in der Küche, nachts schlief ich auf dem Boden, mein Leben war im Eimer. Ich hatte gute Gründe, wegzugehen.»

Er habe eine Art Verpflichtung empfunden: Der IS habe sich in den US-Gefängnissen im Irak formiert. Und er habe gehofft, in Syrien etwas zu lernen, was brauchbar sein könnte: «Einen Begriff des politisch Möglichen zu entwickeln.» Er sei jung gewesen. «They were foolish, teenage ideas.»

Klar, sagt er, wäre der Versuch, die gegenwärtige amerikanische Politik mit allen Mitteln zu stoppen, moralisch richtig. Aber militanter Widerstand werde hier stets schonungslos zurückgeschlagen. Sowieso habe ihn die Zeit in Syrien zu einem Drittweltisten gemacht.

Er lacht. «Und ich karikiere jetzt – aber ich denke nicht, dass die Arbeiterklasse in der imperialen Metropole der Ort ist, auf den wir unsere gesamte Aufmerksamkeit richten sollten, wenn es um revolutionäres Potenzial geht.» ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.