Care-Arbeit : «Sie können das Ganze tragen»
Die psychiatrische Spitex ist wenig bekannt. Als emotionale Stütze im Alltag ist ihre Arbeit für Patient:innen unerlässlich. Begleitung bei zwei Terminen in Aarau.
Als Valentin Jost* im Empfangsbereich der Spitex Region Aarau eintrifft, legt er gleich ohne Punkt und Komma los. Der Mann Ende fünfzig berichtet vom Untersuch wegen einer Blasenentzündung, dass er zu bluten angefangen und eine Einlage erhalten habe, und prompt sei während des Untersuchs die Maschine ausgestiegen, das sei ihm nicht zum ersten Mal passiert, es müsse wohl an seiner Energie liegen. Während der folgenden anderthalb Stunden geht es auf einem Spaziergang durch Aarau in ähnlicher Intensität weiter.
Es ist ein sogenannter Lauftermin. Jürg Zürcher, Pflegefachmann in der psychiatrischen Abteilung der Spitex Region Aarau, begleitet seinen Klienten Valentin Jost, sie unterhalten sich im Gehen. Das Gespräch fliesst locker und scheinbar ziellos dahin. Doch die Beziehung, die sie dabei aufbauen und vertiefen, ist für die Versorgung von Jost entscheidend.
Die Form des Treffens kommt dem Patienten in seiner aktuellen Verfassung entgegen. Er ist manisch-depressiv, gerade erlebt er eine manische Phase, ist ständig in Bewegung. Auf dem Rundgang durch die Stadt jagen sich die Themen: Schlafprobleme, Medikamentenwirkungen, schwierige Schulerlebnisse, Kontakte mit Sozialbehörden und Krankenkasse, seine Berufskarriere, Erlebnisse mit Betreuungs- und Bezugspersonen, ein Klinikaufenthalt. Jürg Zürcher hört aufmerksam zu, geht auf alles ein, fragt nach, relativiert, macht hie und da einen wohlwollenden Scherz. Mit seiner zugewandten, verbindlichen Art gibt er seinem Klienten einen sicheren Boden. In seinem Zustand drohen Jost solche Sicherheiten schnell wegzubrechen.
Die beiden besprechen regelmässig, ob es wieder Zeit wäre, in die Klinik zu wechseln. An diesem sonnigen Nachmittag kommen sie zum Schluss, dass man noch zuwarten kann.
Standfester Sparringpartner
Valentin Jost sagt von sich: «Ich bin ein Kollateralschaden der Gesellschaft.» Einst war er verheiratet, voll berufstätig und in seiner Freizeit unter anderem als Sportkampfrichter aktiv. Vor elf Jahren schlitterte er in ein Burn-out. Seine administrativen Verpflichtungen entglitten ihm, er forderte einen Teilbeistand an, der sich darum kümmerte. «Das war die Alternative zum Suizid», sagt er. Zeitweise wog er 170 Kilo, eine Magenverkleinerung funktionierte nicht recht, er hatte drei Herzoperationen. Die aktuelle Blasenentzündung ist die vierte in einem Jahr.
Jost hat einen Platz in einem betreuten Wohnheim, für ihn zuständig sind: eine Psychiaterin, ein Psychologe, diverse Ärzt:innen. Spitex-Mann Jürg Zürcher ist der Einzige, der neben dem Klienten den Überblick hat. Seit ihm Jost kurz vor Weihnachten 2025 zugeteilt wurde, ackert sich der Pflegefachmann durch Akten und Zusammenhänge. Sämtliche Mails, die Jost schreibt, gehen im CC auch an Zürcher. Während des Lauftermins kann dieser jedes Detail einordnen, das sein Klient erwähnt.
Der sechzigjährige Pflegefachmann hat schon viel gesehen. Zürcher begann einst als Hilfspfleger in der Alterspsychiatrie. Er liess sich zum Psychiatriepfleger ausbilden, war zur Zeit von Platzspitz und Letten in der Drogenarbeit tätig, betreute ein Krankenzimmer für Obdachlose, später ein Wohnhaus für psychisch Kranke, arbeitete in Kliniken und einer anderen psychiatrischen Spitex, bevor er nach Aarau kam. Sein Erfahrungsschatz gibt ihm Sicherheit und Ruhe, um für Jost mit seiner ausufernden Energie ein standfester Sparringpartner zu sein. Jüngere, weniger erfahrene Ansprechpersonen in seinem Umfeld, sagt Jost, «sind mit mir überfordert, das merke ich».
Auf dem Spaziergang sind noch keine zehn Minuten vergangen, da sagt Jost zu Zürcher: «Sie helfen mir im Moment am meisten von allen. Sie können das Ganze tragen. Ich würde das gerne ausbauen, mehr Termine mit Ihnen haben.» Zurzeit sieht Jost seine Bezugsperson zweimal wöchentlich für anderthalb Stunden.
Mehr zahle die Krankenkasse bei diesem Patienten nicht, erklärt Zürcher später. Und mehr würde er auch nicht stemmen wollen, fügt er an. Sein Kalender ist dicht getaktet: Nach jedem Termin hat er eine Viertelstunde zur Verfügung, um das Treffen zu protokollieren. Pro Monat ist pro Klient:in rund eine zusätzliche Stunde für unvorhergesehene Arbeiten eingeplant. Jemand wie Jost, der aufgrund der vielen involvierten Stellen und des regen Mailverkehrs viel Aufwand generiert, sprengt diesen Rahmen.
Wertfreier Kontakt
Die psychiatrische Abteilung der Spitex Region Aarau betreut rund 140 Menschen. Im Team gibt es Fachpersonen für Suchterkrankungen, Traumabehandlung, Essstörungen, Depressionen, ADHS und Persönlichkeitsstörungen. «Der Bedarf ist hoch», sagt Teamleiterin Alina Siegfried. «Die klassische Wohnpsychiatrie gibt es nicht mehr, nur noch betreutes Wohnen, daher sind viele Menschen mit psychischen Erkrankungen daheim.» Verbrachten Betroffene früher Jahre in einer Klinik, sollen die Menschen heute möglichst wieder in die Gesellschaft integriert statt abgesondert werden. Ihre Spitex-Mitarbeiter:innen und sie könnten helfen, Krisen und Zusammenbrüche zu minimieren, sagt die 29-Jährige. «Wir halten die Situation mit aus. Wir geben Struktur, so gut es geht.» Sie beraten die Betroffenen und tauschen sich mit anderen involvierten Fachpersonen aus, sofern die Klient:innen sie von der Schweigepflicht entbinden. Sie sind aber nicht befugt, weitere Massnahmen einzuleiten.
«Das kann frustrierend sein», sagt Siegfried, «weil wir von anderen Stellen abhängig sind und manchmal in der gewünschten Frist nichts passiert.» So kann es sein, dass eine Klientin lange auf ein benötigtes Bett wartet. Oder dass von einer Gefährdungsmeldung bis zur Erstabklärung viel Zeit vergeht, in der ein Klient eine schwierige Situation aushalten muss. Zugleich stärkt es aber auch die Beziehung zu den Klient:innen, wenn die Rolle der Spitex rein begleitend ist. Es ist ein stabiler, wertfreier Kontakt ohne Druck. «So können wir Vertrauen aufbauen, sodass jemand auch die tiefsten Abgründe benennen darf», sagt Siegfried. Die Pflegefachfrau mit viel Erfahrung bei Ess- und Persönlichkeitsstörungen macht gerade eine weitere Ausbildung zu motivierender Gesprächsführung.
Die WOZ kann Siegfried zu einem Haustermin begleiten. Eine junge Frau öffnet die Tür zu einer luftig eingerichteten Wohnung. Dass die Journalistin eintreten darf, ist nicht selbstverständlich: Ronja Florek* lässt nicht gerne Unbekannte in ihre vier Wände. Nur weil sie ihrer Bezugsperson vertraut und die Öffentlichkeitsarbeit der Spitex unterstützen möchte, hat sie zugestimmt. Es wird vereinbart, dass die schweren Themen heute ausgespart bleiben. Florek leidet unter einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, einer Essstörung und einer wiederkehrenden Depression.
Der jungen Frau liegt etwas auf dem Magen. Es ist eine für sie komplexe soziale Situation. Als eine Arbeitskollegin sie fragte, ob sie ihr bei privaten Administrativaufgaben helfen würde, sagte Florek zu. Sie ist in solchen Dingen versiert, aber eigentlich fehlt ihr gerade die Energie dafür. Zudem hat die Kollegin sie «zum Dank» zum Familienessen eingeladen, Florek fühlt sich aber nicht wohl unter Menschen, die sie noch nicht kennt. Jetzt grübelt sie ständig darüber nach, was sie tun soll.
Siegfried stellt erst mal nur Fragen: «Wie geht es Ihnen mit dieser Situation?», «Was wäre ein Lösungsansatz?», «Was würde Ihnen guttun?». Aus den Antworten wird klar: Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und gleich hoch oder höher zu gewichten als diejenigen der anderen, ist für Florek eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Etwas ohne äusseren Grund abzulehnen oder abzusagen, «nur» weil sie es nicht möchte, kann sie kaum rechtfertigen. Das heisst: Sie braucht triftige Argumente. «Ich habe noch keinen guten Grund, es nicht zu machen», sagt Florek. Die Lösung des Problems wird nun vorerst vertagt.
Maximale Nähe
Die Atmosphäre ist herzlich, die beiden lachen, aber Siegfried spricht auch Dinge an, die für ihre Klientin schwierig sind. Nach einem Termin ist Florek oft geschafft. «Es kommt vor, dass ich danach weinen kann, weil etwas ausgelöst wurde, oder ich liege erschöpft auf dem Sofa», sagt sie. «Aber am nächsten Morgen geht es mir besser als vor dem Termin.»
Während die psychiatrische Spitex im Fall von Valentin Jost neben der emotionalen Arbeit auch ein Fixpunkt in einem sich wandelnden psychologisch-medizinischen Netzwerk ist, steht bei Ronja Florek ein Vertrauensverhältnis im Zentrum, das niemand anders auf diese Weise bieten könnte. Denn die psychiatrische Spitex unterstützt Menschen in ihrem vertrauten Umfeld, Ort und Setting richten sich nach ihren Bedürfnissen. Das ermöglicht maximale Nähe.
Florek hat in anderthalb Jahren eine belastbare Beziehung zu ihrer Spitex-Fachfrau aufgebaut. Siegfried erinnert sich an einen speziellen Termin. Als Florek an diesem Tag die Wohnungstür öffnete, erkannte Siegfried, dass etwas überhaupt nicht stimmte. In der Regel geht sie zurückhaltend vor und lässt die Klientin entscheiden, wie viel sie preisgeben will. «Doch in diesem Moment sagte ich zu ihr: ‹Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, Sie sehen heute gar nicht gut aus.›» Damit habe sie quasi die Tür eingetreten und Florek ermöglicht, die Maske fallen zu lassen, was ihr sehr schwerfalle und nur selten gelinge. Dann erstellte Siegfried mit der jungen Frau einen Krisenplan. Kurz darauf ging diese in eine psychiatrische Klinik.
«Ich weiss nicht, was ich ohne die Unterstützung der Spitex gemacht hätte», sagt Florek. Es ist ein seltener Moment im Gespräch, in dem sie ihre Beherrschung kurz loslässt, Gefühle zeigt. Ihre Augen werden wässrig. ●
* Namen geändert.