Durch den Monat mit Ece Temelkuran (Teil 1) : Warum konnten Sie in Zagreb wieder schlafen?
Die Heimat verlassen zu müssen, sei eine sehr lehrreiche Erfahrung, sagt die Autorin Ece Temelkuran. Und erzählt, wie sie wieder zur politischen Dichterin wurde.
WOZ: Ece Temelkuran, Ihr neues Buch, «Nation of Strangers. Unsere Heimat sind wir», handelt von politischer und persönlicher Heimatlosigkeit. Beim Lesen hat es mich überrascht. Können Sie sich vorstellen, warum?
Ece Temelkuran: Weil ich eine ungewohnte Seite von mir zeige?
WOZ: Genau. Die öffentliche Ece Temelkuran ist eine international gefeierte Autorin, die von Podium zu Podium reist. Die private hingegen trauert über den Verlust ihrer Heimat und ist voller Zweifel, ob die Flucht die richtige Entscheidung war.
Ece Temelkuran: In den letzten zehn Jahren habe ich eine persönliche Krise durchlebt. In Krisen kristallisieren sich Dinge heraus, sie haben die Eigenschaft, neue Realitäten sichtbar zu machen. Von jemandem zu einem Niemand zu werden, weil man sein Zuhause verliert, ist eine sehr lehrreiche Erfahrung. Sie ist demütigend – und zugleich macht sie demütig. So habe ich gelernt, das Unnötige loszulassen, und ich habe Klarheit darüber gewonnen, wer ich bin.
Deshalb hatte ich den Mut, im Buch auch die schwierigeren Seiten und die Trostlosigkeit meines Lebens zu zeigen. Es gibt die Instagram- und die Bühnenrealität, die die Leute sehen, aber auch eine andere. Dieses Buch war für mich vor allem der Versuch, diese beiden miteinander zu verbinden. Ausserdem wollte ich den Menschen zeigen, dass gerade die Realität, die man für traurig hält, in Wahrheit auch etwas Poetisches hat – und dass man darin die Kraft findet, Mensch zu sein.
WOZ: Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie entschieden haben, das Buch zu schreiben?
Ece Temelkuran: Nein, das war ein langer und schmerzhafter Prozess. Es begann mit dem Gefühl, dass es da etwas gibt, was ich unbedingt erzählen will. Für mein Buch habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die wie ich fern ihrer Heimat leben. Wir sind die Mehrheit, aber uns fehlt eine gemeinsame Sprache.
Zugleich war ich überzeugt, dass sich das kaum in Worte fassen lässt. Es schien mir unmöglich, über all die Verluste, Ängste und das Ausgeliefertsein zu sprechen. Doch da war auch diese Ahnung: Wenn ich es nicht erzähle, gehe ich daran zugrunde. Um Worte dafür zu finden, blieb mir nur ein sehr intimer, fast flüsternder Ton.
WOZ: Haben Sie dafür ein literarisches Vorbild?
Ece Temelkuran: Nâzım Hikmet, der Gigant der modernen türkischen Lyrik. Er war während des Schreibens wahrscheinlich die wichtigste Stimme in meinem Kopf. Seine Art, über Exil, Liebe und Gerechtigkeit zu schreiben, hat mich stark beeinflusst. Seine Poesie ist gleichzeitig politisch und zutiefst menschlich. Das hat mich geprägt – das Gefühl, dass man das Persönliche und das Politische nicht trennen kann. Bei Hikmet gibt es keine Distanz. Keine Maske. Ich glaube, er hat mir geholfen, meinen Ton zu finden – einen sehr direkten und ehrlichen.
WOZ: Sie haben achtzehn Bücher veröffentlicht, die meisten davon Romane. Das neue Buch ist Ihr bisher persönlichstes. War es schwierig, sich derart zu öffnen?
Manche warnten mich: «Sei vorsichtig, das ist heikel.» Besonders Frauen haben Angst davor, ihre Verletzlichkeit zu zeigen, weil sie ohnehin oft unterschätzt werden. Ich habe diese Angst verloren – die Angst, nicht ernst genommen zu werden. In der Türkei war ich eine prominente Autorin. Dann habe ich über Nacht alles verloren.
WOZ: Ihr Buch ist in Briefform verfasst, gerichtet an unbekannte «Fremde». Der Text bewegt sich zwischen Reflexion, intimer Erzählung und Analyse, verbindet autobiografische Schonungslosigkeit mit einer poetischen Sprache. Eine Vielstimmigkeit, die auch überfordern kann.
Manche warnten mich: Dieses Buch bin einfach ich. So denke ich, so sehe ich die Welt, so verarbeite ich Erfahrungen. Es ist mein geistiges Leben, das ich hier zeige. Auch wenn ich als Journalistin gearbeitet habe, bin ich im Grunde meines Herzens eine politische Dichterin. Schon als Kind habe ich poetische Texte geschrieben und bis zu meinem 24. Lebensjahr auch Gedichte veröffentlicht. Danach wurde der Journalismus zu meiner Berufung. Es ist ein mächtiger Beruf, der mich vereinnahmte.
WOZ: Sie haben die Türkei 2016 nach dem gescheiterten Putschversuch verlassen, um einer Verhaftung zu entgehen. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb, Ihrem ersten Ziel, konnten Sie erstmals nach Jahren wieder durchschlafen. Warum?
Manche warnten mich: Die Handlanger faschistischer Regimes erscheinen gern mitten in der Nacht. Eine Festnahme birgt somit das Risiko, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden – je nachdem, was man gerade beim Schlafen trägt. Im November 2016 ging ich nach Zagreb, wo eine Freundin von mir lebte und ich eine kleine Wohnung hatte. Ich dachte, ich würde nur wenige Tage bleiben. Aus diesem Grund hatte ich nur wenige Kleider mitgenommen.
Doch dann legte ich mich ins Bett, ohne über meinen Schlafanzug nachdenken zu müssen. Ich hatte keine Lust mehr, schlecht zu schlafen und Vergewaltigungs- oder Todesdrohungen von Regimeanhänger:innen lesen zu müssen. Also rief ich meine Mutter in Istanbul an und sagte ihr: «Mama, ich komme nicht wieder heim.» Sie sagte: «Ja, du bist in Gefahr. Bleib, wo du bist, flieg nicht zurück.» Danach schwiegen wir. ●
Ece Temelkuran (52) hat in Istanbul für die regierungskritischen Zeitungen «Cumhuriyet» und «Birgün» gearbeitet, bei Letzterer war sie auch Chefredaktorin. Für die WOZ schrieb sie 2016/17 die Kolumne «Türkisches Tagebuch». Sie lebt als Schriftstellerin in Berlin.