Film : Das geheime Geschlecht

Nr. 19 –

Mit ganzem Körper gespielt: Sandra Hüller ist unglaublich glaubwürdig in Markus Schleinzers Historienfilm «Rose».

Filmstill: Sandra Hüller in «Rose»
«Obwohl als Weibs-Person geboren», soll sich die «Leutebetrügerin» unter falschem Namen «als Manns-Bild betragen» haben: Sandra Hüller in «Rose». Filmcoopi Zürich

Was fällt zuerst auf, die Sprache oder das Bild? Lassen sich diese Dinge überhaupt trennen, lässt sich ein Bild frei von Sprache betrachten? Der Film beginnt mit einer Serie von Einstellungen, die ein brennendes Feld und eine unfriedlich daliegende Menge an Knochengerippen zeigen. Kann man diese Bilder betrachten, ohne dass sich schon bestimmte einsilbige Wörter wie Kugeln ihren Weg in den Kopf bahnen? Es folgt der Filmtitel – «Rose», weiss auf schwarz wie der ganze Film –, dann eine Landschaft, jetzt ohne Rauch und Knochen, und schliesslich, noch kaum erkennbar, eine Gestalt, die da unbeweglich vor einer Baumreihe steht, als ob sie dieser selbst gerade erst entwachsen wäre. Ein Mann, eine Frau? Lässt sich ein Körper frei von Geschlecht betrachten?

Eine Sprecherin beginnt vom «grossen Krieg» zu erzählen, «der das Land Jahrzehnte lang erschüttern sollte», und von Rose, die beschloss, «dem Soldatendasein den Rücken zu kehren». Die Dissonanz kommt daher, dass Bilder eben nicht für sich sprechen. Jetzt nämlich kündet ein Text die «wahrhaftige Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin» an, die, «obwohl als eine Weibs-Person geboren», unter falschem Namen «als Manns-Bild sich betragen und viel üble Schandtat» begangen habe.

Die Freiheit in der Hose

Was wir sehen: einen jungen Mann in Uniform, wie sie von Soldaten im Dreissigjährigen Krieg getragen wurde, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Mitteleuropa verwüstete. Seine rechte Gesichtshälfte ist von einer Narbe durchzogen, da, wo ihm eine Kugel ins Gesicht gedrungen ist. Was wir auch sehen: wie die unverwechselbare Schauspielerin Sandra Hüller auf selbiger Kugel herumkaut, die sie, der Soldat, an einer Kette um den Hals trägt. Es ist nicht sein einziges Souvenir aus dem Krieg; nicht einmal das einzige zum Umhängen. Wichtiger ist jetzt allerdings das Dokument, das er mit sich führt und das seinen Besitzer als Erben des verlassenen Gutshofs am Rand des Dorfes ausweist, in dem Rose fortan leben möchte. Man glaubt dem Fremden, gibt ihm erst den Hof, und dann, als man sieht, wie hart er arbeitet, auch eine Frau. Suzanna (Caro Braun) merkt zuerst nichts. «Von allen Dingen», vertröstet er sie in der Hochzeitsnacht, schätze er am meisten «ihre Reinheit», die er sich lange bewahren wolle. Später merkt es Suzanna natürlich doch, aber da ist den beiden bereits ein Kind zur Welt gekommen.

Welche Täuschung ist die grössere, die der Sprache oder die des Bildes? Oder ist es jene der Wirklichkeit? Diese ist es nämlich angeblich, an der sich Rose mit ihrem Entscheid, «in die Hose zu steigen», vergangen haben soll. Nicht, wie sie sagt, weil sie ein Mann sein wollte, sondern weil da «mehr Freiheit» war und weil sie dachte, «es geht».

Der strenge Richter (Sven-Eric Bechtolf) wird ihr ihren Irrtum vorrechnen: «Gemeinschaft gibt es nur mit Regeln, und Regeln werden von Tatsachen bestimmt.» Von Tatsachen wie dem «männlichen Geburtsglied», das sich zwischen Roses Beinen nicht habe finden lassen («wohl aber ein Loch»). So wie gegen die Wirklichkeit habe sie sich auch gegen die Notwendigkeit gestellt, «den Vorgaben ihres Körpers Folge zu leisten», und sich so über das Gesetz erhoben, das ein Leben in Gemeinschaft erst möglich mache. Viel der üblen Schandtat, ohne Frage.

Die Täuschung ist echt

Sandra Hüller, so erzählt sie in Interviews, hat an der Rolle von Rose unter anderem das Widersprüchliche gereizt wie auch die Möglichkeit, ihre eher schweigsame Figur mit dem ganzen Körper zu spielen. An der Berlinale wurde sie dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, der seit 2021 genderneutral für die beste schauspielerische Leistung vergeben wird. Wie es ihr gelingt, diese Figur glaubwürdig darzustellen, die ihrerseits die eigene Performanz um jeden Preis glaubwürdig und geheim halten muss, samt all den kleinen sichtbaren Ausbrüchen ihrer inneren Anstrengung, ist – unglaublich. Was man ihr glaubt: dass Rose kein Mann sein will. Dass die Kränkung, als ihr Suzanna die Schwangerschaft eröffnet, fast gross genug ist, um ihr Geheimnis preiszugeben. Dass sie die Traumata des Krieges in sich trägt, in dem auch sie zum Täter wurde, weil sie sich, um als Soldat glaubwürdig zu bleiben, an Vergewaltigungen beteiligen musste.

Bei einem Film, der so in die Wirkung seiner Sprache und seiner Bilder investiert ist, gleichzeitig den Blick aber immer wieder auf deren Unzulänglichkeiten lenkt, müssen wohl irgendwann Bruchstellen als Zeichen dieser inneren Anstrengung zutage treten. Die Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele, die den realen Fall von Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel (1687–1721) historisch und literarisch aufgearbeitet hat, wirft Regisseur Markus Schleinzer in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» nebst der Aneignung einzelner Motive vor, «weit unter seinen Möglichkeiten» zu bleiben, indem er Fragen nach den genderqueeren Aspekten der Erzählung kaum berücksichtigt.

Der Einwand ist nicht unberechtigt, auch wenn Schleinzer angibt, verschiedenste Inspirationsquellen zu einer eigenen Geschichte kondensiert zu haben, die schlicht andere Akzente setzt. Auch werden diese Fragen statt offen gelassen eher in einer Art Schwebezustand zwischen ihrem Auftritt als Gedanken und ihrer sprachlichen Ausformulierung gehalten. Was wiederum zur These frei nach Judith Butler passt, dass Ausgesprochenes und Ambiguität schlecht zusammengehen. ●

▶ «Rose». Regie: Markus Schleinzer. Österreich / Deutschland 2026. Jetzt im Kino.