Jesid:innen in Syrien : Die Heimkehr
Nach Jahren der Flucht das erste Neujahrsfest zu Hause: Besuch in einem Dorf bei Afrin.
Fawsi Hassan schiebt die weissen Plastikstühle zu einem Kreis zusammen. Unterhalb der grossen Terrasse seines Hauses zeichnen sich die Umrisse von Burdsch Abdalo ab, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Afrin im Nordwesten Syriens, umgeben von Olivenhainen, Obstbäumen und Wiesen, auf denen im Frühling roter Mohn und gelbe Senfblumen leuchten.
In dieser Gegend lebte einst ein grosser Teil der jesidischen Minderheit des Landes; ihre Schreine und Gräber sind bis heute Teil der Landschaft. Rund zwanzig bis dreissig Dörfer sind davon geblieben. So auch Burdsch Abdalo mit seinen 5000 Einwohner:innen, von denen etwas mehr als die Hälfte muslimische Kurd:innen sind und der Rest Jesid:innen wie Hassan. Der 69-jährige pensionierte Arzt mit dem weissen Schnurrbart, den im Dorf alle nur «den Doktor» nennen, erzählt nicht ohne Stolz, dass sein Haus von seinen Vorfahren errichtet wurde. Er ist im Dorf eine feste Instanz, auch dank seiner Frau Najwa.
Die pensionierte Lehrerin bringt eilig blau-weisse Porzellantassen herbei und stellt sie auf die geschmückte Tafel. Denn für Jesid:innen weltweit ist dieser Tag Mitte April kein gewöhnlicher: «Çarşema sor» – der Rote Mittwoch – markiert den Beginn des neuen Jahres. Nach religiöser Überlieferung vollendete Gott an diesem Tag die Schöpfung der Welt, und die Sonne berührte vor einem rot gefärbten Himmel erstmals die Erde. Bunt verzierte Eier, wie sie auch den Tisch der Hassans schmücken, symbolisieren diesen Neubeginn. Ihn wollten die Jesid:innen rund um Afrin feierlich begehen – mit Lautsprechern, Musik und Tanz.
«Aber wir mussten die Feier leider absagen», sagt Hassan. Die kurzfristig beantragte Genehmigung sei nicht rechtzeitig eingetroffen, die Sicherheitslage zu unsicher gewesen. Auf der Terrasse der Hassans wirkt die Stimmung trotzdem gelöst: In diesen Tagen kehren nach teils vielen Jahren wieder Jesid:innen und Kurd:innen aus anderen Landesteilen in die Region zurück, aus der sie während des fast vierzehnjährigen Bürgerkriegs fliehen mussten. Genaue Zahlen gibt es nicht, syrische Medien berichten von Konvois mit bislang mehr als 1400 Familien. Auch von den Gästen und Verwandten der Hassans, die an diesem Nachmittag Glückwünsche austauschen, sind einige erst kürzlich heimgekommen.
Hintergrund ist das Ende Januar geschlossene Abkommen zwischen der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus und der de facto kurdisch dominierten Selbstverwaltung im Nordosten, auch Rojava genannt. Ihm vorausgegangen waren monatelange zähe Verhandlungen über die Zukunft der Region, die letztlich scheiterten. Anfang Jahr hatte Damaskus eine Offensive gegen die bewaffneten Einheiten der Selbstverwaltung – die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) – gestartet. Von der Stadt Aleppo ausgehend, eroberte die Regierungsarmee grosse Gebiete bis in den äussersten Nordosten. Ein zentraler Punkt des Vertrags – der seither einen fragilen Frieden in Nord- und Nordostsyrien sichert – war die Rückkehr aller Vertriebenen gewesen, auch nach Afrin.
Afrin selbst war seit Beginn des Arabischen Frühlings 2011 und dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien immer wieder Schauplatz wechselnder Kontrolle und blutiger Auseinandersetzungen gewesen – eine Dynamik, die auch mit dem Sturz des Regimes von Baschar al-Assad im Dezember 2024 nicht vollständig beendet wurde. Nach dem Rückzug der Assad-Truppen ab 2012 hatten zunächst die kurdisch geprägten Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) die Kontrolle über die Region übernommen. Im Rahmen des politischen Projekts Rojava wurde Afrin später zu einem von drei Kantonen ausgerufen.
Sich nicht vertreiben lassen
Innerhalb der jesidischen Bevölkerung fand diese Entwicklung vielfach Anklang. Unter dem Assad-Regime wurde sie – ähnlich wie die kurdischen Syrer:innen – systematisch benachteiligt und unterdrückt. Ihre Religion war etwa nicht offiziell anerkannt, stattdessen wurden Jesid:innen häufig als Muslim:innen geführt und mussten in Schulen am islamischen Religionsunterricht teilnehmen. Mit dem 2014 verabschiedeten und 2016 überarbeiteten Gesellschaftsvertrag der Selbstverwaltung änderte sich das: Religiöse und kulturelle Rechte wurden formell zugestanden, und es entstanden Organisationen zur Pflege der jesidischen Identität. Eigene, klar abgegrenzte Milizen innerhalb des SDF-Bündnisses bildeten Jesid:innen jedoch nicht, anders als etwa die assyrische Minderheit.
Er blicke heute dennoch ambivalent auf diese Zeit, erzählt Doktor Hassan auf seiner Terrasse. «Die Partei», wie er und viele andere in der Region die politische Führung der Selbstverwaltung nennen, habe diese Rechte nicht nur aus uneigennützigen Gründen gewährt, glaubt er: «Sie wollten uns Jesid:innen auf ihre Seite ziehen.» Auch um ihrem politischen Projekt internationale Anerkennung zu verschaffen.
Weniger wegen Rojava als politischer Utopie, sondern vor allem durch ihren Beitrag im Kampf gegen den «Islamischen Staat» (IS) gewannen die SDF international an Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dass syrische Jesid:innen nicht in gleichem Ausmass dem Schicksal ihrer Glaubensgeschwister im Irak ausgesetzt waren – wo der IS 2014 einen Völkermord an den Jesid:innen verübte und Tausende Frauen und Kinder verschleppte, viele davon nach Syrien –, wird neben den jeweiligen Frontverläufen von Analyst:innen auch darauf zurückgeführt.
Im Frühjahr 2018 flohen dann laut den Vereinten Nationen rund 170 000 Menschen aus der Region Afrin. Auslöser war nicht der IS, sondern eine türkische Militäroffensive. Ankara hatte gemeinsam mit verbündeten Milizen der Syrischen Nationalen Armee (SNA) die Operation «Olivenzweig» gestartet und die Region in der Folge de facto unter ihre Kontrolle gebracht. Menschenrechtsorganisationen berichteten in dieser Zeit von brutaler Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, der Zerstörung von Olivenhainen und Angriffen auf jesidische Stätten.
Wer floh, suchte vielfach Zuflucht in Gebieten nördlich von Aleppo, in dessen kurdisch geprägten Stadtteilen – oder im Ausland. Fast jeder Gast der Hassans berichtet an diesem Tag von einem Verwandten in Deutschland, wo die in Europa mit Abstand grösste Community lebt. Auch ein Sohn der Hassans wohnt mittlerweile dort. Das Paar selbst hatte bis etwa 2014 im nahen Aleppo gelebt und gearbeitet und war später wegen des Krieges ins Dorf von Hassans Familie gezogen. Mit Beginn der Operation «Olivenzweig» verliessen sie Burdsch Abdalo ebenfalls, kehrten nach zwei Wochen allerdings zurück. Sie hätten sich nicht vertreiben lassen wollen, sagt Hassan. Gemeinsam mit anderen Jesid:innen habe er das Gespräch mit den neuen örtlichen Machthabern gesucht: «Wir haben ihnen klargemacht, dass wir eine lebendige Gemeinschaft sind», erinnert er sich. Doch die Lage blieb angespannt.
Bis heute hat sich daran wenig geändert. Fährt man durch Afrin, sieht man noch immer an vielen Wänden und Gebäuden aufgemalte türkische Flaggen, daneben teils verlassene, teils noch genutzte Militärposten. Wie gross der Einfluss der Türkei in der Region tatsächlich noch ist, bleibt schwer zu überblicken. Fest steht jedoch: Die Milizen der SNA – inzwischen formal in die regulären Strukturen der syrischen Übergangsregierung integriert – sind weiterhin präsent.
Dies trägt nach Ansicht Hassans dazu bei, dass sich viele Bewohner:innen noch immer nicht in ihre Dörfer zurückzukehren trauen. Zur Furcht der in Syrien verbliebenen Jesid:innen haben zusätzlich die Kämpfe zu Jahresbeginn beigetragen: Einer noch immer unklaren Anzahl von Gefangenen gelang in den Wirren der Gefechte die Flucht aus den IS-Gefängnissen und -Lagern des Nordostens. Damit wächst die Sorge, dass verbliebene Zellen des 2019 zwar militärisch weitgehend besiegten, aber weiterhin in Syrien aktiven IS wieder an Stärke gewinnen und erneut Minderheiten wie Kurd:innen und Jesid:innen ins Visier nehmen könnten.
«Gott wird diese Menschen richten»
Wenige Meter vom Haus der Hassans entfernt bittet Scheich Sahr al-Din Hassan, im Gästezimmer Platz zu nehmen. Acht Jahre ist es her, dass der Jeside sein Zuhause aus Angst vor den herannahenden türkischen Truppen verliess. Zunächst habe er im Norden Aleppos Zuflucht gefunden, dann im äussersten Nordosten der Stadt, zuletzt in einem der kurdisch geprägten Stadtteile. Nun ist der 53-Jährige, der aus einer Familie religiöser Gelehrter stammt, nach Burdsch Abdalo zurückgekehrt. «Für mich gibt es keinen besseren Ort», sagt er. «Selbst wenn man mir einen ehemaligen Palast von Assad anböte, würde ich dieses Haus wählen.»
Die Freude über die Rückkehr sei jedoch verhalten gewesen, berichtet Scheich Hassan. Stromkabel seien abgerissen, Abwasserleitungen mutwillig beschädigt worden – wer während seiner Abwesenheit im Haus gelebt und es verwüstet habe, wisse er nicht. Bei seiner Ankunft sei bereits niemand mehr da gewesen. «Gott wird diese Menschen eines Tages richten», klagt er. Auch die Ruine des Hauses seiner Vorfahren auf dem Gelände, das im Dorf als eine Art religiöser Ort gilt, sei beschädigt worden. Immerhin habe seine Familie ein Dach über dem Kopf. Andernorts, so heisst es im Dorf, weigerten sich die neuen Bewohner:innen, aus den Häusern der Vertriebenen und nun Zurückgekehrten auszuziehen, oder verlangten eine hohe Ablösesumme. Ein schwelender Konflikt, wie er derzeit in vielen Teilen Syriens existiert.
Ihr Neujahrswunsch, ihre Hoffnung für die Zukunft der syrischen Jesid:innen? Da sind sich der Scheich und der Doktor einig: endlich Frieden – und die Verankerung jesidischer Rechte in einer neuen, gesamtsyrischen Verfassung. ●
Mitarbeit: Yaser Shahrour.