Kommentar : Umsteuern mit Zückerchen
Mobilitätsbons statt Flugreisen – die neue Umverkehr-Initiative ist eine gute Sache, findet Bettina Dyttrich.
Letzte Woche begann die Unterschriftensammlung, und am 1. Mai war sie schon sehr präsent: die Mobilitätsbon-Initiative von Umverkehr. Sie fordert eine Abgabe auf den Flugverkehr – aber eben nicht nur. Die Initiative verknüpft diese Abgabe mit einem verkehrs- und sozialpolitischen Instrument: dem Mobilitätsbon. Mindestens zwei Drittel der Einnahmen sollen in Form von Gutscheinen für Zug und Bus an die Bevölkerung rückverteilt werden. Wer wenig oder gar nicht fliegt, profitiert; wer viel fliegt, zahlt drauf. Umverkehr möchte die Umsetzung so ausgestalten, dass neunzig Prozent der Bevölkerung profitieren.
Der Rest der Einnahmen soll für den Klimaschutz im Verkehr, besonders «zur Förderung des grenzüberschreitenden Personenverkehrs auf der Schiene», verwendet werden, unter anderem für Nachtzugverbindungen.
Der Mobilitätsbon ist eine klassische Lenkungsabgabe mit Rückverteilung, ähnlich wie die etablierte CO₂-Abgabe auf fossile Brennstoffe. Dort profitiert, wer wenig Wohnfläche braucht, sparsam oder nicht fossil heizt. Lenkungsabgaben sind ein sozialverträgliches Steuerinstrument, doch leider ist das viel zu wenig bekannt. Das ist wohl auch der Grund, warum Umverkehr das Wort nicht braucht. Wie stark der Steuerungseffekt einer Lenkungsabgabe tatsächlich ist, lässt sich zwar schwer evaluieren – vor allem wenn ein grosser Teil der Bevölkerung gar nicht weiss, wie sie funktioniert. Doch die Fossillobby hält den Effekt offensichtlich für relevant. Sonst würde sie nicht seit über dreissig Jahren so viel Energie investieren, um eine CO₂-Abgabe auf Treibstoffe zu verhindern.
Dass eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Flugverkehrsabgabe offen ist, zeigen mehrere repräsentative Umfragen. 2025 gab Umverkehr eine solche in Auftrag. Das Ergebnis: Sechzig Prozent befürworten das Anliegen der Initiative. Diese Woche wurden nun die Ergebnisse einer anderen Umfrage, in Auftrag gegeben vom Luftverkehrsverband Aviationsuisse, publik. In dieser erhält die Förderung des öffentlichen Verkehrs geringere Zustimmung als andere aus einer hypothetischen neuen Abgabe finanzierte Massnahmen, etwa «klimafreundliche Treibstoffe» oder «Innovationen innerhalb der Luftfahrt».
Auch gemäss dieser Umfrage wären 74 Prozent bereit, beim Fliegen eine Abgabe zu bezahlen. Sonst sind die Ergebnisse jedoch ein Loblied auf die Schweizer Luftfahrt: 55 Prozent sind stolz auf sie, 67 Prozent sehen sie «eher als Chance». Die Ergebnisse sind ein Hinweis darauf, dass ein Auftraggeber über das Design einer Umfrage die Resultate ein Stück weit beeinflussen kann. Leider zeigen sie auch, dass eine Mehrheit das Ausmass der Klimakatastrophe nicht verstanden hat. In dieser vom Konsumkapitalismus geprägten Gesellschaft hat Umverkehr wahrscheinlich recht, klassisch ökonomisch auf einen Anreiz zu setzen: auf das Zückerchen Mobilitätsbon. ●