Literatur : Deepfakes und Dichtung

Nr. 19 –

Ben Lerner ist mit dem Roman «Transkription» ein kleines Meisterwerk über Medien und ihre Macht geglückt.

Bei dieser Themenvielfalt würde man einen gewichtigen Wälzer oder eine sich über mehrere Staffeln erstreckende Serie erwarten: von der Wirkung digitaler Medien auf unser Kommunikationsverhalten über die Dynamik zeitgenössischer Beziehungen bis zu einer halbkafkaesken Vater-Sohn-Geschichte zwischen Kunst und Leben; von den Essstörungen reicher Kinder (auch hier grüsst Kafka mit dem «Hungerkünstler») über die gespenstische Realität der Covid-Pandemie bis zum Umgang mit assistiertem Suizid. Dem US-amerikanischen Autor Ben Lerner reichen dafür locker 150 Seiten.

In wenigen Sätzen entfaltet «Transkription» zunächst die amüsante Geschichte eines männlichen Ich-Erzählers in seinen Vierzigern, der aus Kalifornien an die US-Ostküste an seinen Studienort Providence reist, um seinen neunzigjährigen akademisch-künstlerischen Mentor Thomas vor dessen Tod noch einmal zu interviewen. Allerdings kommt er ohne Aufnahmegerät an, denn kurz vorher fällt das Mobiltelefon ins Hotelwaschbecken und gibt seinen Geist auf. Doch was passiert eigentlich mit diesem «Geist» in und durch die digitalen Medien?

In Mutters Bauch

Solche Fragen beschäftigen nicht nur den Ich-Erzähler, der – irritiert durch die «Leiche» seines Telefons, nach dem er immer wieder vergeblich greift – plötzlich von Erinnerungen heimgesucht wird: zum Beispiel daran, wie er als Student unter «akustischen Halluzinationen» litt, in Umweltgeräuschen wie dem Rascheln des Laubs oder den Pieptönen eines rückwärtsfahrenden Lastwagens menschliche Stimmen hörte.

Auch Thomas, der vom Greisenalter schon deutlich gezeichnet ist, scheint das Problem zu beschäftigen, wie Stimme und Geist zusammenwirken und wie Stimmen uns prägen. Er erinnert sich etwa daran, dass seine erste Lauterfahrung noch im Leib seiner Mutter in Deutschland Hitlers Stimme im Radio gewesen sei. Diese Stimme habe sich endlos immer höhergeschraubt, eine Art akustische Fehlerinnerung.

Der prominente Superintellektuelle nach dem Vorbild Alexander Kluges ist ein Medienmystiker, der sich in gelehrten Monologen eher assoziativ als kohärent argumentierend über «Boten und Engel» auslässt, über «kleine Wellen» in der Luft und (un)hörbare Stimmen. Auch die anderen Geschichten in den drei kurzen Teilen des Romans, die mit diesem Geisterinterview verflochten sind, thematisieren die Ambivalenz der Medien und ihre Macht über unsere Wahrnehmung.

Bereits in seinem 2019 erschienenen Roman «Die Topeka Schule» beschäftigte sich Lerner mit einer Bedingung, die man als «Implosion des kommunikativen Handelns» oder «Postfaktizität» bezeichnen kann, die konkret aber mit einer Frage verbunden ist: Wie können wir, eingesponnen in ein Netz aus Trollen, Bots, KI-Slop und einem digital reproduzierten Strom politischer Lügen, noch sinnvoll öffentlich sprechen?

Auch «Transkription» stellt diese Frage. Dabei klagt Lerner nicht wie andere Technologiekritiker:innen lautstark den neuen Faschismus von Maga-Bewegung und Silicon Valley an (dass dieser die gesamte Geschichte durchdringt, daran lässt der Text keinen Zweifel). Lerner greift zu leiseren, leichtfüssigeren, gleichzeitig aber nachdrücklicher wirkenden Mitteln: der Ironie und dem Erzählen.

So erfahren wir, dass der Ich-Erzähler sein Interview, obwohl es davon keine Aufzeichnung gibt, dennoch transkribiert und publiziert hat. Nach einer Konferenz zu Ehren des verstorbenen Thomas geht die Organisatorin mit dem Erzähler ins Gericht dafür, «dass du einen Grossteil dessen gefälscht hast, was viele von uns für sein, keine Ahnung, Vermächtnis gehalten haben. Ein Deepfake.» Doch wie eine mit dem Geist des Autors beseelte Stimme wahrhaftig beschaffen wäre, ob ein solches authentisches «Vermächtnis» überhaupt möglich wäre, bleibt offen.

Wessen Stimme hören wir?

Das Offene und Unbestimmte ist die Grundform von Lerners neuem Roman. Damit stellt er dem immer bereits Feststehenden des politischen Sprechens ein dichterisches Prinzip gegenüber. Es zeigt sich darin, wie Thomas die Fakten seines eigenen Lebens vergisst und durcheinanderbringt, es zeigt sich auch in den traumähnlich ineinander verschobenen und gespiegelten Figuren und Anekdoten.

Zusammengehalten wird dieser enorm vielschichtige Text von Lerners Erzählstimme, die mit virtuoser Stilsicherheit immer erkennbar sie selbst bleibt. Es ist eine Stimme, die eine unspektakuläre, schlanke Alltagssprache spricht. Die Lakonie lässt die Missverständnisse und die stockende Kommunikation der Figuren anschaulich hervortreten. In Andeutungen werden unter dem Deckel gehaltene Emotionen wie Scham, Wut oder heimliches Begehren erahnbar.

Die Verknappung erzeugt auch eine Komik, die sich nie gegen die Figuren richtet, sondern in der man sich als Leser:in selbst erkennt. So stellt sich am Schluss die Frage, wessen Stimme(n) wir eigentlich beim Lesen hören. Ist es eine Halluzination der Autorenstimme, die durch Autofiktionen und unterschiedliche Erzähler gefiltert spricht? Sind es die Stimmen seiner Figuren? Oder ist es die eigene Stimme, mit der man sich selbst im Kopf vorliest? ●

Buchcover von «Transkription»
▶ Ben Lerner: «Transkription». Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. 160 Seiten.