Literatur : Im Wartestand des Lebens
Ein Campingplatz am Meer zwischen Pinienwäldern. Die Jahre mit vielen Besucher:innen, die «das gespielte Paradies suchten», sind vorbei. Die Schranke am Eingang bleibt unten. Im Pool schimmert das Wasser vor sich hin. Viel passiert hier nicht, es stürmt auf der See, oder die Nadeln fallen von den Pinien. Es scheint, als würde die Zeit pausieren. In diesem Stillstand finden sich die übrig gebliebenen Bewohner:innen wieder.
«Schatten der Pinus», der Debütroman der Bündner Lyrikerin Martina Caluori, versammelt Figuren im Wartestand des Lebens. Sie tragen ihre eigenen Verletzungen mit sich: eine strikt religiöse Erziehung, familiären Verlust, das Zerbrechen einer Ehe, eine gewaltsame Jugend – und suchen an diesem sonderlichen Ort nach einem Umgang damit.
Caluoris Roman erzählt nicht laut von den Dramen, die ihre Figuren durchleben, sondern setzt sich leise mit dem Verarbeiten auseinander. Er bewegt sich weniger entlang einer Handlung als in gedanklichen Schleifen der Erinnerung und fragt, wie es möglich ist, Dinge hinter sich zu lassen, sie zu erinnern, zersplitterte Erinnerungsströme zusammenzubringen: «Es geht nicht nur um das, was geschehen ist, sondern auch darum, wie etwas bleibt.» Was hervorsticht, ist der Einsatz von Mehrsprachigkeit, der mit den Erinnerungen einer Figur verknüpft ist. Deutsch, Englisch, Italienisch, Rätoromanisch fliessen ineinander: «Der tosende Lärm, das unaufhörliche Dröhnen des Wassers, das alles mit sich riss. fango della terra, deep below, cantico cosmico, a timeless flow, puolvra, puolvra tres il tschêl, wurzeln continue to grow.» «Schatten der Pinus» spielt in diesen Stellen gefühlvoll mit Musikalität und lässt dabei Sprache an den Grenzen des Sagbaren kratzen.
Nach der Lektüre bleibt eine eigentümliche Ruhe. In der Erzählung geschieht nicht viel, aber das muss es auch nicht, denn ihr Gegenstand ist die Schwebe: In «Schatten der Pinus» entsteht eine Vermengung des Jetzt und der Vergangenheit, in der Trauer bleiben darf. Der Roman löst sie nicht auf – er macht sie bewohnbar. ●