Literatur : «Rettung» aus der Banlieue?
«Madame Moustache», so nennen die Schüler:innen des Lycée in einer Pariser Banlieue ihre strenge Literaturlehrerin. Kayden aber gefällt der blond gefärbte feine Schnauz, so wie ihr überhaupt alles gefällt an der Lehrerin, die eigentlich Garance Fontaine heisst. Immer wenn Madame Fontaine den Raum betritt, regt sich etwas in Kaydens Bauch. Machen die anderen ihre Spässe, würde sie die Lehrerin am liebsten beschützen.
Und auch diese scheint ein Auge auf Kayden geworfen zu haben und gibt sich besonders Mühe, die Schülerin, die für ihr Leben gerne schreibt, zu fördern und zu unterstützen. Sie ist überzeugt: Kayden wird es als erste Schülerin seit fünf Jahren vom Lycée an die renommierte Eliteuni Sciences Po schaffen. Bald schreiben sich die beiden auch privat – aus den Ferien, zu Silvester. Kayden geht plötzlich gern zur Schule, verbringt mehr Zeit mit Lernen und Schreiben als mit ihren Freund:innen.
Doch worum geht es Madame Fontaine wirklich? Erwidert sie Kaydens Gefühle? Oder ist sie am Ende auch nur eine «babtou fragile», eine fragile Weisse, die Kayden «retten» möchte? Und will Kayden überhaupt «in die Elite integriert» werden?
Fatima Daas’ zweiter Roman «Spiel das Spiel» handelt wie schon ihr preisgekrönter und kürzlich verfilmter Erstling «Die jüngste Tochter» vom Aufwachsen als queeres Kind algerischer Einwander:innen in der Pariser Banlieue. In klarer, fast leiser Sprache verhandelt sie Themen wie Rassismus, Tokenismus, Laizität, White Fragility und Machtmissbrauch, mit denen die Schüler:innen mal mehr, mal weniger subtil konfrontiert sind.
Fatima Daas erweist sich dabei als liebevolle Beobachterin der Migrakids, die von der Mehrheitsgesellschaft systematisch diskriminiert und vernachlässigt werden, während einzelne Vorzeigebeispiele beweisen sollen, dass es in der französischen Meritokratie so etwas wie Chancengleichheit gibt. Gerade in seiner Schlichtheit entfaltet Daas’ Erzählstil Dringlichkeit und verlangt zugleich, auch mal zwischen den Zeilen zu lesen. ●