Migrationspolitik : Ein Land als Abladeplatz
Donald Trump will einst evakuierte Afghan:innen nun in den Kongo umsiedeln. Auch die Familie von Sajed Behsadi.
Es gibt Orte, die ausserhalb der Zeit existieren. Camp al-Sailija in Katar ist so ein Ort. Ein Labyrinth aus klimatisierten Containern und staubigen Hangars, mitten in der Wüste, weit weg von den glitzernden Skylines von Doha. Für über tausend Afghan:innen ist dieses Camp seit August 2021 kein Transitort mehr, sondern ein Wartesaal der Hölle. Sie sind die «Übriggebliebenen» der chaotischen Evakuierung aus Kabul nach der Machtübernahme der Taliban 2021 – Menschen, die den USA geglaubt hatten, als von «Partnerschaft» und «Sicherheit» die Rede war.
Im Jahr 2026 ist das Wort eines US-Präsidenten nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem ein Visumsantrag gedruckt wird. Die Nachricht, die in diesen Wochen durch die Gänge von al-Sailija hallt, klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber bittere, geopolitische Realität: Donald Trump will die afghanischen «Ortskräfte», die seit fast fünf Jahren in Katar festsitzen, in die Demokratische Republik Kongo ausschaffen.
Der Plan ist das Ergebnis eines zynischen Deals mit dem afrikanischen Land. Während die Trump-Regierung in den USA selbst mit Massendeportationen (Operation PARRIS) und dem Entzug des Schutzstatus (Temporary Protection Status, TPS) für Afghan:innen Ernst macht, wird im Ausland nach Orten für jene gesucht, die man zwar einst evakuiert hat, aber nicht im Land haben will. Der Kongo, gezeichnet von Jahrzehnten des Krieges und einer gewaltigen internen Vertreibungskrise, soll Washington nun als Abladeplatz für jene Afghan:innen dienen, die das Pech hatten, den falschen Rettern zu vertrauen. Berichten zufolge handelt es sich bei einem Grossteil der Menschen in al-Sailija um Familienmitglieder – Frauen und Kinder – der einstigen afghanischen Verbündeten.
Der grösste Schmerz
Einer, der diesen Verrat am eigenen Leib spürt, ist Sajed Behsadi. In Kabul war Behsadi, der eigentlich anders heisst, ein bekannter Journalist, der mit vielen internationalen Medien zusammenarbeitete. Er begleitete Kolleg:innen aus den USA oder Australien in gefährliche Kampfgebiete, interviewte Generäle und Politiker:innen und klärte die Welt über den Krieg in Afghanistan auf, während er sich vor allem bei den militant-islamistischen Taliban unbeliebt machte.
Heute steuert Behsadi einen Mittelklassewagen durch die Strassen einer kanadischen Grossstadt. Wie viele andere evakuierte Afghan:innen ist er Uber-Fahrer. Einst für grosse Recherchen bekannt und eine Inspiration für den journalistischen Nachwuchs, sitzt er nun vor dem Lenkrad, während das Smartphone am Armaturenbrett die nächste Fahrt ankündigt. «In Afghanistan war ich eine Stimme für die Stimmlosen», sagt er mit müde klingender Stimme. «Hier bin ich nur eine Nummer im System.»
Behsadi ist von Depressionen geplagt, gezeichnet vom Trauma des Exils und der Tatenlosigkeit, zu der er verdammt wurde. Doch der Grund für seinen grössten Schmerz liegt 12 000 Kilometer entfernt, in jenen Containern in Katar. Ein Teil seiner Familie sitzt dort noch immer fest. Es sind Menschen, die für die alte Armee, die Polizei und den Geheimdienst arbeiteten – jene Institutionen, die von den USA aufgebaut und dann wie Spielzeug im Sandkasten zurückgelassen wurden, nachdem Trump zum ersten Mal an die Macht gekommen war, den «longest war» hatte beenden wollen und deshalb in Katar einen Deal mit den Taliban unterzeichnet hatte.
«Trump ist unberechenbar und kümmert sich nicht um das Schicksal ehemaliger Verbündeter», sagt Behsadi bitter. Er weiss, dass seine Verwandten im Kongo keine Zukunft hätten. «Was sollen die Menschen im Kongo denn machen? Dort ist die politische Lage extrem instabil. Und in Afghanistan herrschen die Taliban, die vielen von uns nicht verzeihen wollen», fügt er hinzu.
Umkehrung der Realität
Der Deal mit dem Kongo reiht sich in eine Serie von Abkommen ein, die Washington mit Staaten wie Ruanda, Uganda oder Ghana geschlossen hat. Kritiker:innen sehen es als Outsourcingvariante der Fremdenfeindlichkeit: Man zahlt Millionen, damit andere Länder das «Problem» übernehmen. Für die Trump-Regierung ist das eine «positive resolution», wie es aus dem State Department heisst. Man sorge für die Sicherheit der Amerikaner:innen, während man die Afghan:innen an einen «sicheren Drittort» bringe. Doch wie sicher ist ein Land, in dem laut Uno-Angaben über acht Millionen Menschen auf der Flucht sind – für Menschen, die die Sprache nicht sprechen und die dort ohne jegliches soziales Netz landen würden?
In al-Sailija herrscht offenbar Panik. Berichte über Suizidversuche häufen sich. Frauen erleiden Fehlgeburten aufgrund des extremen psychischen Stresses. Die Kinder, von denen viele im Camp geboren wurden oder dort aufwuchsen, kennen nichts als Stacheldraht und die ständige Angst vor der Deportation. Seit dem Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen den Iran fliegen zudem regelmässig Raketen über das Camp. Die Menschen sind buchstäblich zwischen allen Fronten gefangen.
Besonders schockierend ist für Behsadi die Art, wie die US-Behörden, allen voran die Einwanderungsbehörde ICE, mittlerweile gegen Afghan:innen vorgehen – auch gegen jene, die bereits in den USA sind: «Willkür und Repressionen gehören zum Alltag. Viele meiner Freunde wurden verhaftet. Andere trauen sich kaum noch, ein Wort über das brutale Vorgehen der Behörden zu sagen.» Behsadi bezieht sich auf Berichte über nächtliche Razzien, bei denen ehemalige Mitstreiter der US-Truppen aus ihren Betten geholt werden, weil ihr vorläufiger Schutzstatus abgelaufen war. Nicht wenigen von ihnen drohen fadenscheinige Antiterrorprozesse, obwohl sie einst am «War on Terror» der USA beteiligt waren.
Für Behsadi ist das eine Umkehrung der Realität: Die Held:innen von gestern werden zu den «kriminellen Illegalen» von heute umgedeutet. Wer als «Partner im Kampf gegen den Terror» gefeiert wurde, gilt nun als Sicherheitsrisiko.
Ein wenig Hoffnung gebe es trotzdem. «In den USA werden Trumps Pläne zum Glück immer mehr kritisiert», sagt Sajed Behsadi. Menschenrechtsorganisationen, Veteranenverbände und Teile der demokratischen Opposition versuchen, die Ausschaffungen juristisch zu stoppen. Doch die Zeit arbeitet gegen sie. Das Camp in Doha soll bald geschlossen werden. ●