Musikalische Reiseführer : Ragazzi dell’ Europa
Hat die Nostalgie in Sachen europäischer Pop auf dem Buchmarkt eine Funktion? Oder ist das Boomer-Folklore?
Was war das für ein Geschrei zu Hause, als der langhaarige Schlagzeuger der Solothurner Hardrockband Krokus auf einmal für Gianna Nannini trommelte. Er nannte sich Freddy Steady, bürgerlich hiess er Frutig, 1982 trat er mit der italienischen Rocksängerin in der Vorabendsendung «Karussell» im Schweizer Fernsehen auf. Im gleichen «Karussell» sah ich im Jahr davor zum ersten Mal das Duo DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft), die in schwarzem Leder «Der Mussolini» sangen, was den Moderator zu einer kritischen Bemerkung veranlasste. Auch mein älterer Bruder belehrte mich, dass Mussolini im Fall ein Faschist gewesen sei.
Ich war elf und schaute auf das Leder, hörte die breiten Synthis und die gebieterischen Beats selbst in den Worten: «Wir tanzen Mussolini!» Danach wurden die Drums elektronisch, auch auf Französisch: Alle tanzten ab 1984 zu «Marcia Baila» von Les Rita Mitsouko, «Marcia elle danse» – dass es ein Totentanz war, merkten wir nicht.
Alles so verdunkelt hier, die Achtziger waren keine reine Spassparty. Alle drei Songs in drei Sprachen wurden vom deutschen Produzenten Conny Plank auf dem Land zwischen Köln und Bonn aufgenommen (Planks Verdienste für Krautrock, etwa für die Band Can, waren bereits legendär). Westeuropa lag von einer Popwarte aus gesehen im Rheinland.
Eurovision Song Contest als Karneval
Ein Blick in die Hitparaden spätestens seit Streaming zeigt: Das ist längst vorbei. Es gibt nur in Ausnahmefällen europäische Artists, die über ihre Heimatländer hinaus erfolgreich sind. Die Territorien, wie man im Popgeschäft sagt, haben sich weitgehend renationalisiert. Europäische Superstars mit nachhaltigen Karrieren, die auch ausserhalb ihres Kerngebiets Arenen und Stadien füllen, sind sowieso verschwunden.
Der Eurovision Song Contest liefert dazu jährlich den Beweis wie seine Parodie: Wie sehr es da um klassische Territorien und auch versuchte Ausschlüsse geht, muss nicht weiter erläutert werden. Und dennoch zeigen Freakerfolge wie «Europapa» des Niederländers Joost Klein, worum es einst gegangen ist. Klein sang vor zwei Jahren über eine Sehnsucht, die die Realität gerade nicht erfüllte. Der ESC ist so gesehen Karneval für einen oder zwei Tage, danach ist alles wieder wie vorher.
Für eine Kindheit und darüber hinaus gehörte nichtenglische Popmusik lange dazu. Der Generation der Eltern waren Chansons und Canzoni vertraut gewesen, in weniger bürgerlichen Kreisen auch deutsche Schlager – Letztere waren in den Hitparaden bis weit in die siebziger Jahre oder montags im abendlichen «Wunschkonzert» auf Schweizer Radio DRS 1 nicht zu überhören. Mehrere Generationen sind in der langen Nachkriegszeit so aufgewachsen. Tempi passati. Doch nun gibt es ein Erfolgsgenre, das Abhilfe schafft: das Popreisebuch für Italien und Frankreich.
Den Stiefel runter und wieder hoch
An der Spitze dieser neuen Sparte steht der Musikjournalist Eric Pfeil, der mit «Hotel Celentano» bereits den dritten Popreiseführer in Folge vorlegt. Hat er sich bei «Azzurro» und «Ciao Amore, ciao» auf die Geschichten hinter den Liedern der leichten Musik, der «musica leggera», beschränkt, nimmt Pfeil nun den Begriff «Popreiseführer» beim Wort. Er fährt mit seiner Frau den Stiefel runter und wieder hoch und erzählt bei jedem Halt von den Musiker:innen, die da herkommen oder vor Ort gearbeitet haben. Und weil Musik rasch an ihre Grenzen kommt, treten nun auch Grössen des Films, des Schauspiels und der Literatur auf. Wir lesen also in Turin auch über den Horrorfilmgott Dario Argento oder den Schriftsteller Cesare Pavese, nach dem Comer See nicht nur über Adriano Celentano, sondern auch über seine Filmpartnerin Ornella Muti.
Muti war der einzige Seitensprung Celentanos, wie Pfeil bekräftigt und sich gleich entschuldigt für den Klatsch: «Wir wollen ja volkstümlich bleiben.» Das ist nur halb humorig, wie der ältliche Fischerhut, den Pfeil auf Promobildern trägt. Jedes Bild, jeder Text vermittelt auch die nostalgische Fremdenführerposition. Karten verzeichnen zwischendrin herrlich altmodisch die popkulturellen Sehenswürdigkeiten. Und Pfeil verhehlt nicht, dass man mittlerweile selbst in Italien schlecht essen kann und dass die globalen Ladenketten die Illusion der einzigartigen Innenstädte herausfordern. Er ist ein Schwärmer, der schreiben kann, beides weiss und ironisch bricht.
Als das Volkshaus abbrannte
Kiepenheuer & Witsch bewirbt «La vie en rose» von Christoph Sator, «Frankreich in 100 Chansons», unverblümt mit dem Zusatz «nach dem Erfolgsmodell der Italienbücher von Eric Pfeil», die alle ebenfalls beim grossen Kölner Verlag erschienen sind. Sator schreibt weniger über die konkreten Chansons, sondern porträtiert vielmehr die Künstlerinnen. Das ist ein Liebhaberbuch eines politischen Korrespondenten, die musikalische Sensibilität ist bei Sator nicht die gleiche wie bei Pfeil.
Wenn Sator über Manu Chaos Band Mano Negra schreibt, heisst es: «Ihre wilde Musik aus Rock, Rumba und Ska nennen sie Patchanka: ein Kunstwort aus Patchwork und Punk. Danach tingeln sie zwei Jahre mit Güterzügen und Cargoschiffen durch Südamerika. Mitte der Neunziger ist Schluss.» Er war wohl nicht dabei, als die Band 1992 im Zürcher Volkshaus die Bude abbrannte und nachher mit den Fans auf das benachbarte Kanzleiareal stürmte. Und wenn er über Frauen schreibt, muss man sich manchmal mit gutem Willen denken, dass er eine historische Mehrheitsmeinung beschreibt und nicht sein aktuelles Weltbild: «Brigitte Macron, deren Alleinstellungsmerkmal darin besteht, dass sie 25 Jahre älter ist als ihr Mann.» Sator benennt durchaus die Chauvis des Chansons, aber bisweilen bleibt ein Zucken nicht aus.
Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte der Reclam-Verlag «Voyage, Voyage. Eine Reise durch französische Popmusik» von André Bosse, der wie Pfeil Musikjournalist ist. Bosses Impuls: Im Sommerurlaub in französischen Plattenläden gemerkt, wie viel Tolles er noch nicht kennt. Nach sechs anschaulichen Thesen, was Franzpop vom Rest unterscheidet, liest sich sein Buch wie ein Nachschlagewerk, das sich formal wiederholt.
Die Themen dieser drei Bücher sind verwandt, die Schreibstile nicht. Aber die grosse verbindende Frage bleibt: Ist diese Häufung allein der Nostalgie geschuldet, weil es die Nachbarländer heute alle schwer haben, in ein gemeinsames europäisches Popbewusstsein vorzudringen? Und: Wäre das schlecht?
Teil der europäischen Identität
Hier sollte man die Nostalgie vor ihrem schlechten Ruf in Schutz nehmen. Mit dem Kulturtheoretiker Mark Fisher könnte man sagen: Die Nostalgie verweist auf ein Manko in der Gegenwart, sie kann ein Anlass sein, sich die Zukunft anders vorzustellen. Und vielleicht springt da ein Funke, der ein Umdenken einleitet. Die Popreisebücher schwelgen zwar in vergangenen Zeiten, und dies in einem Moment, in dem die europäische Idee so bedroht ist wie schon lange nicht mehr, sei es, weil rechte Autokraten sie aus geopolitischen Gründen in Verruf bringen wollen, sei es, weil Brüssel vielen im Alltag primär als Verwaltungsmonster vorkommt. Doch die Bücher von Pfeil, Sator und Bosse erinnern an die Idee, dass Europa voller Differenzen ist, die es zu geniessen gilt – grenzüberschreitender Pop als Teil der europäischen Identität.
Schöner wäre es, man könnte darüber zeitgenössische Bücher schreiben. Kann sein, dass es dazu erste Beispiele gibt. Aber Zaho de Sagazan ist noch nicht da, wo Gianna Nannini so lange war. Die italienische Retrorockband Måneskin wurde mit englischsprachigen Liedern kurz auch in den USA erfolgreich und «pausiert» seit zwei Jahren. Und der frankofone kongolesische Sänger Gims ist in Westafrika und Frankreich ein Superstar, in Deutschland spielt er immerhin in guten Tausenderhallen. In zehn Jahren wissen wir mehr, ob sie weiterwachsen konnten. Wir wissen dann auch, ob es eine Alternative zum Plattformkapitalismus der Streaminganbieter gibt, die diesen gesamteuropäischen Markt zerstört haben. Im Streaming gewinnt nur die absolute Spitze.
Vielleicht hilft zum Schluss auch da die Nostalgie. Denn auch wir haben es ein Stück weit in der Hand, weniger Künstler:innen zu hören, aber diese dafür öfter – im Stream, auf Tonträger, beim Konzert. Ausser der frühkindlichen Beatles-, Stones- und Beach-Boys-Erziehung bleibt mir wenig so körperlich in Erinnerung, wie zehnmal hintereinander mit der Cousine «Ça plane pour moi» von Plastic Bertrand im Auto zu hören. Die hatten schon 1976 einen Kassettenrekorder im Citroën. Auch da half, dass ich den sexistischen Text nicht verstand. Aber ich sang da etwa so gut Fake-Französisch wie Fake-Englisch – «sa pläng bur ma» klang fast noch besser als «Etsbina hart deisneit». ●