Theater : Auf der Suche nach der Zauberformel

Nr. 19 –

Während das Zürcher Schauspielhaus um die Gunst des Publikums ringt, fehlt den Bühnen Bern das Geld.

Das Schauspielhaus Zürich ist zurzeit der Prügelknabe der Medien: Im ersten Jahr unter der Intendanz von Pınar Karabulut und Rafael Sanchez waren die Besucher:innenzahlen so tief, dass einige Aufführungen vor halb vollen Rängen stattfanden und Stücke früher abgesetzt wurden. Ein vor kurzem in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erschienener Artikel behauptete, die Auslastung liege bei nur siebzehn Prozent – was das Schauspielhaus umgehend dementierte.

Als positives Gegenbeispiel wird dann jeweils gerne das Schauspiel des Vierspartenhauses Bühnen Bern genannt. Tatsächlich gehört das Berner Schauspiel gemeinsam mit Luzern mit einer Auslastung von über achtzig Prozent zurzeit zu den bestbesuchten Theatern der Schweiz. Warum es bei den einen läuft und bei den anderen nicht, darüber wird seit Wochen ausgiebig diskutiert.

Geister beschwören

Sie hätten bekanntlich die Zauberformel gefunden, witzelte die Chefdramaturgin Felicitas Zürcher denn auch an der Pressekonferenz in Bern vergangene Woche, an der die Verantwortlichen aller vier Sparten des Hauses ihr Programm für die Spielzeit 2026/27 präsentierten. Verraten werde sie diese Formel allerdings natürlich nicht.

Das neue Schauspielprogramm ist – ähnlich wie das bisherige – eine Mischung aus Wiederaufnahmen zeitgenössisch inszenierter Klassiker wie Shakespeares «Hamlet» oder Molières «Menschenfeind» – Letzterer von der Berner Autorin Meral Kureyshi bearbeitet, die nächste Saison auch Hausautorin ist – sowie aus Schweizer Stoffen, die sich mit politisch und gesellschaftlich Relevantem beschäftigen: «Spind’l … Sp’ich’r – Still’» ist ein Stück von Alexander Stutz, das sich mit der Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen auseinandersetzt, «Ewige Sonne», das auf zwei Romanen des Waadtländer Autors Charles Ferdinand Ramuz basiert, thematisiert die Klimaerhitzung, und «Chrüsimüsi» tritt in den Kosmos der glücklicherweise wiederentdeckten Basler Autorin Adelheid Duvanel ein.

Goethe und Christie

Auch das Schauspielhaus Zürich will in der kommenden Saison Klassiker wie Goethe und Schiller, aber auch Agatha Christie «aus zeitgemässen, progressiven Perspektiven inszenieren», wie dem vergangene Woche veröffentlichten Mediendossier zu entnehmen ist. Da die kommende Spielzeit die 100. nach dem historischen Umbau des Pfauens ist (und die 26., seit der Schiffbau Teil des Schauspielhauses wurde), wird sich das Haus auch selbst befragen. «Geister beschwören, Geschichten verschlingen» lautet entsprechend das Motto, das auf dem Mediendossier prangt.

Während sich das Schauspielhaus Zürich die Gunst des Publikums zurückerspielen muss, kämpfen die Bühnen Bern mit fehlenden Geldern: Bereits auf Anfang 2024 waren die Subventionen um jährlich 470 000 Franken gekürzt worden. Das Haus reagierte damals für die Spielzeit 2025/26 mit der Umstellung vom Repertoire- auf den Stagionebetrieb: Das heisst, Produktionen werden über eine kürzere Zeit nacheinander gespielt, was weniger Umbauarbeiten bedeutet.

Als Folge davon hat der Betrieb zehn Technikstellen abgebaut. Nun fehlen jedoch genau diese Arbeitskräfte, was dazu führt, dass einzelne Produktionen weniger oft aufgeführt werden können. Trotz grosser Nachfrage beim Berner Publikum gibt es kommende Saison über alle vier Sparten dreissig Aufführungen weniger als in der aktuellen Saison.

Rasen oder Wandern

Florian Scholz, der Intendant der Bühnen Bern, sagte an der Medienkonferenz denn auch, sie würden die Maschine, in der sie sässen, im Grunde gerne im Tempo eines Ferraris fahren, aber weil das Geld fehle, könne man nicht Vollgas geben. Ein fast schon wagemutiger Vergleich, dieser Ferrari, in der selbsternannten Velohauptstadt.

Da passt das Bild, dessen sich der Berner Schauspieldirektor Roger Vontobel im Februar in der NZZ bediente, fast besser: Er verglich einen Theaterbesuch mit dem Besteigen eines Zweitausenders, bei dem man gemeinsam am Bahnhof loswandern müsse.

Ob Bern oder Zürich, wandernd oder geisterbeschwörend: In der kommenden Spielzeit gilt es, auf den Theaterbühnen neue Formeln zu entwickeln. ●