Theater : Recherchen, die physisch spürbar werden
In «Campobello» kreuzen sich Geschichten von Entmenschlichung und Widerständigkeit in Sizilien und der Schweiz.
Sie sind Daniela und Abou, aber auch Simona und Amadou – und sie sind suspekt: «Als wäre es ein ungewöhnliches Ereignis: Eine Italienerin und ein Afrikaner sitzen gemeinsam auf der Piazza und plaudern.»
Das sagt die Schauspielerin Daniela Macaluso. Sie steht in kurzer Jeans und einem offenen Hemd auf der Bühne des Theaters Winkelwiese in Zürich, gemeinsam mit dem Filmemacher Abou Bakar Sidibé. Auch auf der Bühne: ein Plastikstuhl, ein Abfallsack und quadratische Bauelemente, die während des Stücks verschoben, um- und abgebaut werden. Mal werden sie zum Kühlschrank, mal zur Olivenkiste, dann zur Trennwand – und immer wieder zur Leinwand, auf die Bakar Sidibé Aufnahmen projiziert, die er teils live während der Aufführung aufnimmt, teils bereits aufgenommen hat.
Verhafteter Mafioso
«Campobello» heisst das Stück, das die sizilianische Schauspielerin und der malische Filmemacher gemeinsam mit der Schweizer Theatermacherin Eva-Maria Bertschy, die mehrere Jahre mit Milo Rau arbeitete, realisiert haben. Und was sie für zwei Stunden auf dieser kleinen Bühne an inhaltlicher Fülle, politischer Brisanz, schauspielerischer Intensität und dramaturgischer Originalität zeigen, ist schlicht umwerfend (und ja, auch erschlagend und niederschmetternd).
Das Stück spielt in der gleichnamigen Kleinstadt im Südwesten Siziliens. Seit vielen Jahren leben hier illegalisierte afrikanische Wanderarbeiter unter unwürdigsten Bedingungen und pflücken Oliven. Während diese meist unsichtbar gemachten Menschen ab und zu mit skandalisierten Geschichten in den Medien landen, sorgte vor drei Jahren eine weitere Geschichte um Campobello für Furore: Im Januar 2023 wurde der meistgesuchte Mafiaboss Europas in seiner Heimatstadt verhaftet, wo er vier Jahre lang unbehelligt gelebt hatte.
Nach langjährigen Recherchen vor Ort mit lokalen Aktivist:innen zeigen Bertschy, Macaluso und Bakar Sidibé in «Campobello» den Zusammenhang zwischen verschiedensten Geschichten auf: dem Kampf der zumeist männlichen Arbeiter:innen für ein würdevolles Leben und gegen Rassismus, dem Leben des Mafioso, dem Drogenhandel und -konsum, der Korruption in der sizilianischen Verwaltung und im Olivengeschäft sowie der Liebesgeschichte zwischen Simona und Amadou. Sie schlagen den Bogen in die Schweiz, wo sich Arbeiter aus Campobello in armseligen Baracken den «Arsch abfroren», und zeigen so fast nebenbei die parallele Existenz von Rassismus, Entmenschlichung und Entrechtung in Sizilien und der Schweiz auf. Die Geschichte wiederholt sich.
Leichtfüssig tänzelnd
Simonas Vater ging Ende der achtziger Jahre als Saisonnier in die Schweiz arbeiten. Erst Anfang der Neunziger durfte er seine mittlerweile fünfjährige Tochter nachholen. Als er bei einem Arbeitsunfall starb, verlor die Familie ihre Aufenthaltsbewilligung und musste zurück.
So erzählt es Schauspielerin Daniela Macaluso, die im Stück zwischen den Rollen der Theatermacherin Daniela, die vor Ort recherchiert, und Simona, einer Frau aus Campobello, wechselt. Während eines Fussballspiels ohne Ball, bei dem Macaluso als Simona und Abou Bakar Sidibé als Amadou leichtfüssig über die Bühne tänzeln, verlieben sich die beiden. Doch die Liebe zum aus Gambia stammenden Olivenpflücker und Aktivisten kostet Simona nicht nur Freundschaften, sondern auch ihren Job im Restaurant.
Das Paar bleibt ein Fremdkörper: Das Leben der Sizilianer:innen verläuft getrennt von dem der Olivenpflückenden, die sich auf dem brachliegenden Gelände einer Zementfabrik ein selbstverwaltetes Camp eingerichtet haben. Die Bewohner:innen von Campobello bezeichnen es abschätzig als «Ghetto», schliesslich wird es gewaltvoll zerstört.
Als dritte Figur verkörpert Macaluso einen alten Sizilianer, der zu seiner Frau spricht – von der nicht klar ist, ob es sie wirklich gibt. Da sitzt Macaluso mit dem Rücken zum Publikum im Plastikstuhl, singt Toto Cutugno – «Sono un italiano, un italiano vero» – und plaudert mit tiefer Stimme und langsamen, ausladenden Gesten aus dem Nähkästchen. Ein genialer dramaturgischer Kniff: Dieser alte Nachbar liefert, ohne didaktisch zu werden, für den Kontext wichtige Zusatzinformationen. Ausserdem ist es eine Freude, Macaluso bei ihrer Verwandlung in den alten Mann zuzuschauen.
Radikale Befragung
Mit grosser Sorgfalt und durchdachtem dramaturgischem Bogen haben die Theaterschaffenden ihr Material inszeniert. Das macht «Campobello» zu mehr als nur einer auf die Bühne gebrachten Recherche, die auch in einer Zeitung hätte erscheinen können. Und es zeigt die Stärke, die im sogenannten Recherchetheater oder politischen Investigativtheater liegt: Auf der Bühne bekommen komplexe Zusammenhänge Körper, Stimme, Gesicht, Schweiss, Tränen – also eine unmittelbare, physische Präsenz, der man sich nicht entziehen kann.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt, wo gesellschaftskritische Recherchen im Journalismus weggespart werden, auch das Investigativtheater unter Beschuss kommt. So steht es im Verdacht, der linken Bubble zu dienen. Doch im Grunde macht das Recherchetheater – das wird bei «Campobello» offensichtlich – nichts anderes als das, was das Theater seit jeher ausgezeichnet hat: die Wirklichkeit radikal künstlerisch zu befragen. ●
▶ «Campobello»: Zürich, Theater Winkelwiese, Donnerstag, 7. Mai 2026, 20 Uhr, und Sonntag, 10. Mai 2026, 16 Uhr. Mit Eva-Maria Bertschy, Abou Bakar Sidibé und der Autorin Melinda Nadj Abonji im Gespräch.
▶ Bern, Schlachthaus Theater, Mittwoch bis Freitag, 20. bis 22. Mai 2026, jeweils 20 Uhr.