Venezuela nach Maduro : Delcy Rodríguez sichert ihre Macht

Nr. 19 –

Der Einfluss der USA ist begrenzt, auch wenn die meisten korrupten Weggefährten des entführten Präsidenten Nicolás Maduro verschwinden.

Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez auf einem Lastwagen an einer Kundgebung am 30. April in Caracas
Umgänglich und zielstrebig: Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez (auf dem Wagen in der Mitte) am 30. April in Caracas. Javier Campos, Reuters

«We are running Venezuela», behauptet US-Präsident Donald Trump, «wir regieren Venezuela.» Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, die unter Nicolás Maduro Vizepräsidentin war, erscheint in dieser Darstellung wie eine Angestellte des Weissen Hauses, und dessen Sprecherin Anna Kelly sagt: «Wir kommen mit ihr sehr gut zurecht.»

Am frühen Morgen des 3. Januar hatte ein Kommando der US-Armee den Militärkomplex in Venezuelas Hauptstadt Caracas überfallen, in dem Maduro schlief. Über hundert Menschen wurden getötet, der Präsident und seine Frau Cilia Flores in die USA entführt. Beide sitzen seither in einem New Yorker Gefängnis und warten auf einen Prozess wegen angeblichen Drogenhandels. Noch am selben Tag übernahm Rodríguez verfassungsgemäss die Amtsgeschäfte im Regierungspalast. In ihrer ersten Rede vor dem Parlament sprach sie Klartext: Der US-Überfall sei die «völkerrechtswidrige Entführung» eines Staatsoberhaupts.

Seither hat die Übergangspräsidentin diplomatische Beziehungen mit den USA aufgenommen. Sie hat die staatliche Erdölindustrie für private Investitionen geöffnet, und auch in Minen sollen ausländische Konzerne investieren dürfen. Venezuela verfügt nicht nur über die weltweit grössten bekannten Erdölreserven, sondern auch über bedeutende Lager von Gold, Bauxit, Eisenerz, Kohle, Nickel und Coltan. All das wäre unter Maduro nicht vorstellbar gewesen. So gab es schnell Gerüchte, Rodríguez sei von den USA vorab in die geplante Entführung Maduros eingeweiht gewesen und handle nun nach Anweisungen aus Washington.

Ordnung und Erdöl

Es ist tatsächlich erstaunlich, dass sich Trump mit Maduros Vizepräsidentin arrangiert und die Oppositionsführerin María Corina Machado übergangen hat, obwohl die ihm so sehr zu Füssen lag, dass sie ihm ihre Medaille als Friedensnobelpreisgewinnerin geschenkt hat. Doch ein Umsturz zugunsten der rechten Opposition hätte sehr viel mehr Material und Menschenleben auf beiden Seiten gekostet als der zweistündige Überfall vom 3. Januar. Und er hätte ein Land im Chaos hinterlassen. Trump aber wollte Ordnung und Erdöl.

Um die Politik von Rodríguez zu verstehen, ist die Unterstellung nicht nötig, sie sei eine Komplizin der USA. Die Übergangspräsidentin tut, was sie auch als Vizepräsidentin gerne getan hätte. Nur konnte sie es unter Maduro nicht. Dieser hatte die heute 56-jährige Arbeitsrechtlerin 2018 von der Aussenministerin zur Vizepräsidentin befördert. Er wollte sie nicht als mögliche Nachfolgerin; er brauchte sie als gewiefte Managerin. Venezuelas Wirtschaft steckte in einer tiefen Rezession, die Inflationsrate lag zeitweise im sechsstelligen (!) Bereich. Rodríguez galt in Wirtschaftsangelegenheiten als beschlagen und effektiv.

Sie hat es tatsächlich geschafft, die Inflation auf unter 500 Prozent zu drücken, die Versorgungslage der Bevölkerung zu verbessern, und auch die Erdölindustrie kam langsam wieder auf die Beine. Die Produktion war von gut 3,4 Millionen Fass pro Tag 1997 bis 2020 auf unter 600 000 Fass gesunken. Ende 2025 lag sie wieder bei über einer Million.

Rodríguez schaffte das mit der vorsichtigen Einführung kapitalistischer Mechanismen. China war dabei ihr Vorbild: Der Staat kontrolliert die Politik, aber in der Wirtschaft herrscht der freie Markt. Sie wusste, dass der wirtschaftliche Niedergang Venezuelas nicht nur an Sanktionen der USA lag, auch hausgemachte Schlamperei und Korruption spielten eine Rolle. Die Korruptesten von allen waren Freunde und Weggefährten Maduros und galten als unantastbar.

Fast unbemerkt hat die ebenso umgängliche wie zielstrebige Politikerin ihren Machtbereich ständig ausgeweitet. Als Vizepräsidentin war sie zugleich Chefin des Inlandgeheimdienstes Sebin, einer Schlüsselstelle für die Kontrolle des Landes. 2020 wurde sie zudem Präsidentin der Zentralbank, 2024 Erdölministerin. Nun, da ihr ehemaliger Chef in einem Gefängnis in den USA sitzt, kann sie trotzdem nicht schalten und walten, wie sie will. Noch immer liegt vor der Küste Venezuelas eine Streitmacht der US-Marine. Die Drohung, noch einmal militärisch zuzuschlagen, wurde von Trump nie zurückgenommen. Noch immer werden Öltanker, die das Land verlassen, zwanghaft über US-Häfen umgeleitet, um das Geschäft unter Kontrolle zu haben. Rodríguez regiert gewissermassen mit einer Pistole an der Schläfe.

25 Millionen Dollar Kopfgeld

Genauso diskret, wie sie als Vizepräsidentin Einfluss gewann, konsolidiert sie nun ihre Macht. Die Männer, die Maduros Herrschaft absicherten, werden einer nach dem anderen kaltgestellt. In den vier Monaten an der Spitze des Staates hat sie siebzehn Minister und die gesamte Armeespitze ausgetauscht. Drei mutmasslich korrupte und mit Maduro eng verbandelte, schwerreiche Geschäftsleute wurden verhaftet. Verwandte von Maduro, die auf Regierungsposten sassen, wurden gefeuert.

Als Ersten traf es Alex Saab, einen windigen Unternehmer, der mit Erdöl Geschäfte machte und gleichzeitig Industrieminister war. Er wurde am 16. Januar entlassen und zwei Wochen später wegen Verdacht auf Korruption verhaftet. Auch Maduros Generalstaatsanwalt, Tarek William Saab (mit dem anderen Saab nicht verwandt), verlor seinen Posten. Er hatte jeden ins Gefängnis gebracht, der Maduro hätte gefährlich werden können. Der prominenteste der Entlassenen ist Vladimir Padrino López, der seit 2014 Verteidigungsminister war. Kaum einer war so mächtig wie er. Er wurde mit dem unbedeutenden Posten des Agrarministers abgefunden. Der neue Verteidigungsminister, Gustavo González López, war vorher Chef des Inlandsgeheimdienstes, Rodríguez als Vizepräsidentin seine Vorgesetzte.

Nur ein Minister ist noch mächtiger, als es Padrino López jemals war: Innenminister Diosdado Cabello, Maduros Scharfmacher, der die Polizei sowie die informellen Paramilitärs kontrolliert und für Repression gegen die Opposition direkt verantwortlich ist. Er war schon ein Weggefährte von Maduros Vorgänger Hugo Chávez, gehörte 1992 bei dessen gescheitertem Putschversuch zu den Verschwörern. Vor dem Überfall am 3. Januar galt er als möglicher Nachfolger Maduros.

Auch gegen Cabello gibt es Korruptionsvorwürfe; er soll sich mit Immobiliengeschäften dreistellige Millionenbeträge angeeignet haben. Er blieb von der Entlassungswelle der Übergangspräsidentin bislang verschont, seine Tochter Daniella wurde von Rodríguez zur Tourismusministerin ernannt. Der Vater sagt, er habe «absolutes Vertrauen in die Fähigkeiten, die Arbeitsmoral und die Überzeugungen der Genossin Delcy». Die US-Regierung hat ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf Cabello ausgesetzt.

Es ist unklar, ob Rodríguez Cabello nicht antastet, weil er zu mächtig ist, oder ob sie ihn braucht. Vielleicht ist so ein Mann ganz nützlich, wenn man nach dreissig Jahren Staatssozialismus die Wirtschaft für den Kapitalismus öffnen will. Cabello weiss, wie man die Bevölkerung dabei unter Kontrolle halten kann. Dass er noch immer im Amt ist, zeigt jedenfalls den begrenzten Einfluss der US-Regierung. Trump kann nicht im Ernst behaupten, er regiere Venezuela, wenn er gleichzeitig ein Kopfgeld auf dessen Innenminister aussetzt. ●