Film : Lina und der Schock des Wassers

Nr. 20 –

Filmstill aus «Las corrientes»: Isabel Aimé González Sola als Lina mit zwei weiteren Frauen
Bemüht sich, weiterhin irgendwie zu funktionieren: Isabel Aimé González Sola (rechts) als Lina in «Las corrientes». Cineworx

Mit der Welt stimmt etwas nicht. Als ob im Gewebe der Realität irgendwo eine Naht aufgegangen und alles ein wenig verrutscht wäre. So wie in der griechischen Mythologie das Schicksal von drei spinnenden Göttinnen verkörpert wird, sind auf der Stickerei im Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts, die etwas in Lina (Isabel Aimé González Sola) endgültig verschoben hat, drei Weberinnen abgebildet. Kurz davor hat sie die Auszeichnung, wegen der die Modedesignerin aus Argentinien nach Genf gereist ist, in einer öffentlichen Toilette achtlos in den Mülleimer befördert. Jetzt sehen wir aus der Distanz, wie Lina auf einem Steg, scheinbar ohne zu zögern, über das Geländer klettert und in den eiskalten Genfersee springt.

Solch eine Überdosierung des Realen bleibt nicht ohne Nachwirkungen: Zurück in Buenos Aires, entwickelt Lina ein starkes Unbehagen gegenüber jeder Form von Wasser – immerhin die Grundlage allen Lebens. Trotzdem, und nicht ohne Risse in der Fassade, bemüht sie sich, weiterhin irgendwie zu funktionieren, nicht zuletzt, um den impliziten Erwartungen ihres Mannes und ihrer Tochter gerecht zu werden. Diesen ist Linas Veränderung zwar nicht entgangen, besorgt zeigen sie sich aber weiterhin vor allem um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse.

Die nicht ganz risikofreie Entscheidung der argentinisch-schweizerischen Regisseurin Milagros Mumenthaler («Abrir puertas y ventanas»), ihren dritten Spielfilm gänzlich aus der Perspektive einer von sich und der Welt entfremdeten Protagonistin zu erzählen, macht «Las corrientes» zu einer vielleicht nicht besonders zugänglichen, aber umso faszinierenderen Seherfahrung. Auch wenn die Psychologie einordnende Begriffe wie «Derealisation» oder «Depersonalisation» bereithielte: Mumenthaler bleibt dem subjektiven Empfinden ihrer Hauptfigur nicht nur treu, sondern vermag es auch, ähnlich jenem romantischen Gemälde im Film, das mit wenigen prägnanten Pinselstrichen die Explosion einer Lokomotive zeigt, dieses direkt auf das Publikum zu übertragen. ●

▶ «Las corrientes». Regie und Drehbuch: Milagros Mumenthaler. Schweiz/ Argentinien 2025. Jetzt im Kino.