Griechische Industrie : Graswurzeln zwischen Fabrikruinen
Seit Jahren besetzen Arbeiter eine Seifenfabrik in Thessaloniki. Das Werk lebt von Europas linker Bewegung. Aber reicht Solidarität aus, um es am Laufen zu halten?
Die Tür zum luftdichten Raum ist verriegelt. Zu sensibel sei der Inhalt, Viren könnten hineingelangen und das Produkt verderben, erklärt Dimitris Koumatsioulis. Er ist einer der Arbeiter von Viome, einer selbstverwalteten Fabrik in Thessaloniki.
Als er schliesslich die metallene Tür aufmacht, schwebt einem ein Duft entgegen, als sei das Tor zu einer riesigen Blumenwiese geöffnet worden. «Lavendel, Seidelbast, Meerfenchel», zählt er stolz auf und zeigt auf die gelben und grünen Seifenblöcke, die sich auf Holzregalen reihen. Leise summt ein Lufttrockner. Etwa drei Wochen braucht es, bis er der Seife so viel Flüssigkeit entzogen hat, dass sie verpackt werden kann.
Viel haben Koumatsioulis und seine Kollegen auf sich genommen, um hier, am Rand der Stadt, Reinigungsmittel produzieren zu können. 2011 ging Philkeram Johnson, der Mutterkonzern ihres Betriebs, infolge der Finanz- und Eurokrise bankrott. Zudem war die Eigentümerin der Tochterfirma Viome geflohen, es lief ein Insolvenzverfahren, und der Belegschaft fehlten drei Monatslöhne. Statt jede:r für sich nach einem Job zu suchen, bauten 42 der 70 Arbeiter:innen eine Genossenschaft auf, um auf eigene Faust weiterzuproduzieren. Sie erklärten das Gelände für besetzt. «Damals war die Krise allgegenwärtig, wir hätten ohnehin keine Jobs gefunden», sagt der 58-jährige Makis Anagnostou, früher Vorsitzender des Betriebsrats. Die Eurokrise traf Griechenland mit voller Wucht: Ein Drittel der Griech:innen verloren ihren Job, über 110 000 Unternehmen wurden insolvent.
Aufträge bis nach Argentinien
Nach dem Gesetz gilt Viome als illegal. 2023 räumte die Polizei die Fabrik vom alten Gelände, das eine südafrikanische Immobilieninvestmentgesellschaft aufgekauft hatte. Eine Klinik sollte entstehen, auch ein Shoppingcenter war im Gespräch – doch bis heute hat sich nichts getan. Nur das Gestrüpp dringt weiter in die Ruine vor. Die meisten Arbeiter:innen hörten damals auf; die fünf, die blieben, wichen ins ehemalige Warenhaus aus.
«Seit wir das alte Gebäude verlassen mussten, glauben viele, dass Viome mit der Produktion aufgehört hat. Das stimmt aber nicht», sagt Anagnostou und zeigt auf den metallenen Behälter, in dem eine milchfarbene Flüssigkeit gemischt wird. «Wir produzieren immer noch Tonnen von Reinigungsmitteln und beliefern Griechenland und das europäische Ausland». Bis nach Argentinien hätten sie Aufträge, berichtet er.
Anagnostou ist zuständig für die Mixturen: Er ist so etwas wie der Magier der Fabrik. Braune Flaschen, Beutel mit Pulvern, blaue Industriefässer – er weiss genau, was wofür zu nutzen ist. In einer grossen Wanne dreht sich die Flüssigkeit. Behutsam klopft er auf ein Holzsieb, aus dem weisses Puder in den trichterförmigen Strudel fällt. «Das ist Xanthan, ein natürliches Verdickungsmittel, es muss langsam zugeführt werden, sonst entstehen Klumpen.»
Bei der Entwicklung der biologisch abbaubaren Mixturen hat den Arbeitern ein italienisches Chemielabor geholfen. Aus Solidarität, wie Anagnostou erzählt. Die Solidaritätsbewegung sei es auch gewesen, die den Namen Viome quer durch Europa getragen habe. In der alten Fabrik hatten die Arbeiter:innen Klebstoffe produziert. Im Zuge der Transformation hätten sie sich gefragt, wie sie ihre Fähigkeiten in einer neuen Produktion nutzen könnten. So kamen sie schliesslich auf Reinigungsmittel – auch weil diese in der Herstellung günstiger sind als Klebstoffe. Nach einiger Zeit scheint Anagnostou zufrieden mit seiner Mixtur; er ruft Koumatsioulis, der mit dem Gabelstapler angefahren kommt, um die grosse metallene Wanne für die Verpackungsstation abzuholen.
Die Politik habe sie im Stich gelassen, sagt Anagnostou. Der Syriza-Politiker Alexis Tsipras, einst Hoffnungsträger der griechischen Linken, versprach während seines Wahlkampfs für das Amt des Ministerpräsidenten, die Fabrik zu legalisieren. Geschehen ist das nie. Bis heute produzieren die Arbeiter unter der permanenten Gefahr einer Räumung – was sie davon abhält, ihr Werk auszubauen. Sie würden gerne Fotovoltaikanlagen installieren, erzählt Anagnostou, erhielten aber die dafür nötige Bewilligung nicht.
Gleicher Traum wie bei GKN
«Ich bin für das, was von unten kommt, das Kleine, das, was am Boden wächst», sagt Anagnostou. Als «Graswurzelrevolutionär» geht er davon aus, dass viele kleine Orte der Veränderung auch das Wesen der ganzen Gesellschaft verändern könnten: Orte wie Viome in Thessaloniki – aber auch solche wie das ehemalige Werk des Automobilzulieferers GKN in der Toskana, das Arbeiter seit inzwischen fünf Jahren besetzt halten (siehe WOZ Nr. 28/23). Als der Name GKN am Morgenplenum fällt, horchen die Viome-Arbeiter auf, teilen sie in Campi Bisenzio bei Florenz doch den gleichen Traum wie sie selbst: eine Fabrik in Arbeiter:innenhand.
Als das Werk 2018 von einer britischen Investmentgesellschaft aufgekauft und drei Jahre später wegen zu geringer Gewinnmargen geschlossen wurde, entschieden die Metaller der GKN, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Als Genossenschafter wollen sie Solarpanels und Lastenräder herstellen, von denen es mittlerweile auch schon Prototypen gibt. Für das Projekt hat eine Unterstützer:innengruppe auch schon fast 800 000 Euro Spenden gesammelt, doch die Regionalregierung verhindert die Übernahme der Fabrik. Ein eigens für diesen Fall gegründetes Industriekonsortium hat in den letzten zwei Jahren keine nennenswerten Entscheidungen gefällt. Die Arbeiter sprechen von einer Zermürbungstaktik gegen sie.
Während sie ihren Morgenkaffee schlürfen, resümieren die Viome-Genossenschafter einhellig: Dort wie hier sei es der Staat, der sie in der Illegalität halte. «Er möchte kein anderes Produktionsmodell als das, bei dem die Bosse die Kontrolle haben», meint Filippas Haridis, ein ruhiger Mann, der immer etwas abseits sitzt und ganz in Schwarz gekleidet ist. Das sei nicht nur in Griechenland so, sondern eine europäische Geschichte. Auch die Antwort müsse deshalb europäisch sein.
Die Viome-Arbeiter haben jenen in der Toskana eine Zusammenarbeit zugesichert – die aber noch nicht konkret geworden sei, weil diese noch nicht mit der Produktion begonnen haben. Die Lastenräder und Solarpanels der Ex-GKNler brauchen weit höhere Anfangsinvestitionen als die Seife bei Viome, sodass auch das Risiko im Fall einer Räumung höher ist. «Unser Traum wäre es, dass viele solche genossenschaftlichen Fabriken überall in Europa zusammenarbeiten können», so Haridis.
Der Gabelstapler piept, während Koumatsioulis die Wanne mit der Mischung über einer Ablage positioniert. «Komm, bisschen mehr, bisschen», koordiniert Haridis seinen Kollegen. Die beiden sind für das Einfüllen der Flüssigkeit und das Verpacken zuständig. Während sie, jeder an einem Zapfhahn sitzend, die 750-Milliliter-Flaschen füllen, sprechen sie über das letzte Fussballspiel. Im Hintergrund läuft Popmusik. «Was gute und was schlechte Tage sind, regeln wir selbst. Ob wir eine halbe oder anderthalb Tonnen produzieren, entscheiden wir», sagt Koumatsioulis und wechselt bei laufendem Zapfhahn flink eine Flasche mit der anderen. Jeder Arbeitstag beginnt um 8 Uhr mit einem Plenum: keine Chefs, dafür aber diskutieren, gemeinsam Entscheidungen treffen, Geduld üben – die Kardinaltugend eines jeden Plenums.
Hotelbranche als Markt
Wenn Koumatsioulis und Haridis mit dem Abfüllen und Verpacken fertig sind, kommen die Produkte zu Giorgos Deligiannis. Der 55-Jährige lehnt über einem grossen Stehtisch, vor ihm liegen Kisten und Tüten voller Waren. Mit Kippe im Mundwinkel und Stift in der Hand überprüft er die Lieferscheine und macht Notizen in seinem Ordner, während aus dem Radio eine melancholische Bouzouki klingt. Von hier werden die Waren auch in die Schweiz versendet, wo sie vor allem in Zürich und Bern Abnehmer:innen haben.
Die Fabrik lebt von der linken Bewegung Europas. Drei Viertel der Käufe stammen aus diesem Bereich. Wohnprojekte, subkulturelle Zentren, politische Gruppierungen kaufen ihre Reinigungsmittel bei Viome, da sie wissen, dass der Kauf ein politisches Projekt unterstützt. Das restliche Viertel seien nichtpolitische Leute, die die Produkte einfach gut fänden. Doch reicht politische Solidarität aus, um ein wirtschaftliches Projekt am Laufen zu halten?
Thanasis Makris, verantwortlich für die Kommunikation, verlässt sein Büro nie ohne sein Telefon. In den vergangenen Jahren hätten sie meist etwa 400 Euro netto im Monat verdient, sagt er. Erst vor kurzem habe dieser Betrag auf 750 Euro erhöht werden können. Sicher auch ein Grund dafür, warum Viome die einzige selbstverwaltete Fabrik in Griechenland geblieben ist: Wollte man weitere Arbeiter:innen vom Wagnis eines solchen Projekts überzeugen, müsste der Monatslohn höher sein. Unter Philkeram Johnson betrug das Monatsnetto mindestens 1000 Euro, statt fünf wurden etwa siebzig Arbeiter:innen bei Viome beschäftigt. Real wird hier heute also weniger Mehrwert erwirtschaftet als vor der Eurokrise. Es mag zwar ein politisch beispielhaftes Projekt sein, misst man den Erfolg einer Transformation aber an ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit, hat das Kollektiv noch einiges vor sich.
Doch Makris ist zuversichtlich. Unter griechischen Aktivist:innen ist er als Feuerwehrmann für die schweren Jobs bekannt. 2015 koordinierte er die Küche des Flüchtlingscamps im Grenzort Idomeni, als dort 3000 Menschen täglich ernährt werden mussten. Vergangenes Jahr ist er bei Viome eingestiegen. «Ich habe gesehen, dass wir seit drei Jahren unsere Kooperationspartner nicht mehr angeschrieben haben, also habe ich erst einmal ein Rundmail verschickt», so der studierte Ökonom. Er will die Zahl der nichtpolitischen Abnehmer:innen erhöhen, um die Zukunft der Genossenschaft zu sichern. Die grosse Hotelbranche in Griechenland könnte ein Markt für ihre Produkte sein, sagt er. Würden die Aufträge gut laufen, sei es vielleicht schon bald möglich, neue Leute einzustellen.
Dann klingelt Makris’ Telefon: «Syndikato Viome», sagt er in den Apparat und verschwindet in seinem Büro. ●