Klimabewegung : «Aktiv sein hilft»

Nr. 20 –

Am 22. Mai demonstriert der Klimastreik gegen die 10-Millionen-Initiative der SVP. Was treibt die Aktivist:innen an?

Moritz Wülser und Jael Seiler stehen unter einem Regenschirm beisammen
«Bei jeder Demo kommen neue Leute dazu»: Als 2018 die ersten Klimastreiks stattfanden, waren Moritz Wülser (links) und Jael Seiler noch in der Primarschule.

Die Schweiz im Frühling 2026. Im April regnet es kaum, die Temperatur liegt 2,6 Grad über dem Mittel der letzten Jahrzehnte. Bundesrat Albert Rösti treibt, wenn er nicht gerade seinen Rücken operieren muss, seine Pläne zum Autobahnausbau voran. Der Solarausbau läuft zwar, doch der KI-Boom frisst immer mehr Strom. Immer noch hält die Schweiz ihre Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Abkommens nicht ein. Und aus dem Alltag ist das Thema Klima praktisch verschwunden – Flugscham war gestern. Die letzten Klimademos waren längst nicht mehr so gross wie jene vor der Pandemie. Wie fühlt es sich an, in dieser Gegenwart Klimaaktivist:in zu sein?

Die Sache mit der Bewilligung

Der achtzehnjährige Moritz Wülser vom Klimastreik Bern kontert das düstere Bild. «Der Klimastreik wird nicht kleiner. Bei jeder Demo kommen neue Leute dazu.» Für viele sei der Klimastreik der erste Zugang zum Aktivismus. «Wir organisieren immer noch jedes Jahr zwei Demos», ergänzt die siebzehnjährige Jael Seiler. Wichtig sei auch: «An der grössten Klimademo 2019 kurz vor den Wahlen waren NGOs, Parteien und Gewerkschaften beteiligt. Sie konnten während ihrer bezahlten Arbeitszeit mobilisieren – im Gegensatz zu uns.»

Seiler wohnt in der Berner Agglo, in Boll, und macht in der Stadt eine KV-Lehre. Sie engagiert sich auch in der Juso und im feministischen Streikkollektiv. Wülser lebt in Thun und besucht in Bern die Schule für Gestaltung. Gerade bereitet der Berner Klimastreik die nächste Demo vor. Sie findet am 22. Mai statt, am Freitagabend vor Pfingsten, und richtet sich gegen die 10-Millionen-Initiative der SVP, über die am 14. Juni abgestimmt wird. «Die SVP betreibt eine Politik, die die Klimakrise verschärft», sagt Seiler. «Sie blockiert Klimagesetze, vertritt die fossile Industrie und gibt der Migration die Schuld an allem.» Auch sie kenne Leute, die sich überlegten, Ja zu stimmen: «Es tönt so einfach.» Wülser meint: «Hinter den Ängsten der Leute stehen zum Teil reale Probleme, wie der überfüllte ÖV.» Der Klimastreik versuche aufzuzeigen, was wirkliche Lösungen wären. «Zum Beispiel mehr Geld für öffentliche Infrastruktur.»

Es wird voraussichtlich die einzige grössere Demo gegen die Initiative. Und eigentlich war sie noch viel grösser geplant: Der Klimastreik wollte am Pfingstsamstag demonstrieren, damit Menschen aus der ganzen Schweiz anreisen können. Doch die Stadt Bern hat die Bewilligung für Samstag verweigert. Es werde immer schwieriger, in der Stadt eine Bewilligung zu bekommen, sagt Wülser. «Als wir letztes Jahr nach der Klimademo im Frühling noch eine für September anmelden wollten, hiess es: ‹Nicht noch einmal eine Demo durch die Altstadt.›» Die Auflagen würden immer strenger, oft komme ein Nein mit der Begründung, es gebe Veranstaltungen oder Baustellen.

Bei der Stadt Bern heisst es auf Anfrage, die Demo könne nicht am Pfingstsamstag stattfinden, weil dann schon eine andere Kundgebung angemeldet sei. «Das Gesuch ist noch in Bearbeitung.» Dass die Auflagen strenger würden, stimme zum Teil: «Unter anderem gibt hier nicht selten die Weltsicherheitslage den Takt vor.»

Als 2018 die ersten Klimastreiks stattfanden, waren Seiler und Wülser noch in der Primarschule. Die Konstanz der Bewegung ist bemerkenswert: Den heutigen Klimastreikenden gelingt es, auf der Vorarbeit der letzten Jahre aufzubauen. Etwa auf dem Anfang 2021 veröffentlichten Klimaaktionsplan, den der Klimastreik mit diversen Fachleuten erarbeitet hat (siehe WOZ Nr. 2/21). «Er dient uns als Fundament», sagt Wülser. Der Klimastreik setze auf eine langfristige Perspektive: «Um eine klimagerechte Wende voranzubringen: in Quartieren, Schulen, Betrieben.» Als kürzlich einige Klimastreikende auf dem Bundesplatz ein Video drehten, wurden sie von jungen Männern angepöbelt, die versuchten, ihnen die Kamera wegzunehmen. Aber sie wollten das nicht überbewerten, sagen die beiden, «die meisten Reaktionen sind positiv».

«Wenn man ‹Kapitalismus› sagt …»

Wülser hat an der Anti-Atom-Mahnwache Anfang April in Brugg eine Rede gehalten. Die Ablehnung der Atomkraft sei im Klimastreik Konsens, sagt er. «Der Uranabbau ist nicht möglich ohne koloniale Ausbeutung. Nur schon deshalb sind AKWs keine Alternative.» Ebenfalls Konsens ist die Kapitalismuskritik – auch wenn sie nicht einfach zu vermitteln ist. «Wenn man ‹Kapitalismus› sagt, ist es bei manchen gleich vorbei», erzählt Seiler. «Aber wenn wir ihn umschreiben, andere Begriffe brauchen, teilen viele unsere Kritik.»

Die beiden wirken, als hätten sie sich auf langjähriges, hartnäckiges Engagement eingestellt. «Aktiv sein hilft mir», betont Jael Seiler, und Moritz Wülser stimmt zu: «Ja, es hilft, aus der kollektiven Ohnmacht zu kommen, wenn ich sehe, wie viele andere Menschen meine Ängste teilen und aktiv sind. Wir müssen um jedes Zehntelgrad kämpfen.» ●