Kunstbiennale : Soft Power

Nr. 20 –

In Venedig übertönen politische Proteste die Kunst. Und fügen sich in den Trubel der Preview-Woche.

Wenn es der grösste Kunstevent der Welt in die Schlagzeilen schafft, ist es selten wegen der Kunst, die dort gezeigt wird. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders: Die Berichte zur soeben eröffneten Kunstbiennale von Venedig drehten sich hauptsächlich um die dort stattfindenden Proteste, etwa der Aktivistinnen von Pussy Riot oder der Pro-Palästina-Bewegung.

Das hat auch damit zu tun, dass sich dieser Widerstand fast ausschliesslich in der Vorbesichtigungswoche entlädt, wenn die Aufmerksamkeit von Presse und Kunstszene am grössten ist, die dann exklusiv aufs neu eingerichtete Biennale-Gelände strömen. Paradoxerweise ist der Spuk jeweils vorbei, sobald mit der offiziellen Eröffnung auch die normalen Besucher:innen zugelassen sind.

Was ausserdem auffällt: Auch die Proteste haben nicht direkt mit der Kunst zu tun. Sie richten sich vielmehr gegen einzelne Länder hinter den Länderpavillons, in diesem Jahr vor allem gegen Russland und Israel. Dass diese beiden Länder im Fokus stehen würden, zeichnete sich früh ab. Die Biennale-Jury verkündete zuerst, sie werde «keine Künstler:innen aus Ländern auszeichnen, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt» seien (obwohl nicht explizit genannt, konnten damit nur Israel und Russland gemeint sein). Später trat die Jury ganz von ihrem Mandat zurück: Man werde die Preisvergabe dem Publikum überlassen. Daraufhin gab die Hälfte der teilnehmenden Künstler:innen bekannt, aus Solidarität mit der Jury auf eine solche Prämierung zu verzichten.

Rechter Biennale-Chef

Obwohl die Pavillons, wie es ihr Name schon sagt, auf die eine oder andere Art von den jeweiligen Ländern bestellt werden, gibt es dabei unterschiedliche Grade der Verwicklung mit den Regierungen. Der rumänisch-israelische Künstler Belu-Simion Fainaru etwa, der den vom Kulturministerium beauftragten israelischen Pavillon bespielt, sagt in Interviews klar, dass er kein Vertreter Netanjahus sei. Tatsächlich stand seine Arbeit stets im Dienst eines palästinensisch-israelischen Dialogs. Das scheint die vehement gegen den «Genozidpavillon» Protestierenden aber nicht zu interessieren.

Etwas anders präsentiert sich die Lage beim russischen Pavillon: Er ist zweifellos eine direkte Plattform der Putin-Regierung. Eine Kuratorin ist die Tochter von Aussenminister Sergei Lawrow, eine andere die Tochter eines staatsnahen Rüstungsindustriellen. Nach der Eröffnungswoche im Scheinwerferlicht – das auch dem eindrücklichen, pink verrauchten Auftritt von Pussy Riot und Femen viel Aufmerksamkeit verschaffte – ist der Pavillon nun wie angekündigt geschlossen worden.

In diesem unentschlossenen Hin und Her aus Öffnung und Schliessung spiegelt sich womöglich ein Zwist unter den Postfaschist:innen der italienischen Regierung: Giorgia Meloni und ihr Kulturminister sind gegen Wladimir Putin, der von Meloni ernannte Biennale-Chef Pietrangelo Buttafuoco hingegen, ein einstiger Funktionär der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei Movimento Sociale Italiano, ist russlandtreu.

Tatsächlich darf man sich fragen, warum die Protestbewegung ihren Zorn nicht viel lauter gegen Buttafuoco richtet. Seine Verantwortung wie auch seine Macht als Präsident der Biennale sind ebenso klar wie seine ultrarechte Gesinnung. Er könnte sich, kraft seines Amtes, für eine Kunst einsetzen, die von den Autoritären zensiert wird, um eine Forderung von Pussy Riot aufzugreifen.

Welt im Kleinformat

Was mit der Fokussierung auf Israel und Russland ebenfalls aus dem Blick gerät, sind andere Länderpavillons, deren Programmierung eng mit ultrarechten Regierungen verbandelt ist. So wurde etwa auch die Verantwortliche für den US-Pavillon neu direkt von Donald Trump ernannt, der selber einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran mitangezettelt hat. Als Herstellerin von Luxushundefutter hat sie keine Erfahrung im Kunstbereich, Trumps Aufmerksamkeit gewann sie im Umfeld von Hundewohltätigkeitsveranstaltungen auf Mar-a-Lago.

Und wenn gerade von Postfaschist:innen die Rede war: Der deutsche Pavillon, 1938 von einem faschistischen Architekten umgebaut, steht bis heute in den berühmten Giardini. Nach dem Krieg wurde der NS-Bau jahrzehntelang von deutschen Künstler:innen ohne kritische Reflexion bespielt. Erst Hans Haacke thematisierte die faschistische Architektur 1993 frontal, indem er Bodenplatten zertrümmern liess. Seither wird die Geschichte öfter in die Gastauftritte eingebaut.

Überhaupt könnte man das ganze, merkwürdig aus der Zeit gefallene System der Länderpavillons wieder einmal einer Revision unterziehen. Soll es etwa – wie in einer Art globalem Swissminiatur – eine Nachbildung der Welt in grossen und kleinen Häusern darstellen? Ursprünglich ins Leben gerufen wurde das Pavillonsystem 1907 mit einer ersten belgischen Vertretung. Das Ziel damals: kleinen Ländern, die sich an den Rand gedrängt fühlten, eine Plattform zu bieten. ●

Über die Kunst in den Länderpavillons, aber auch an anderen Schauplätzen in Venedig wird die WOZ zu einem späteren Zeitpunkt berichten. Die Biennale läuft noch bis am 22. November 2026.