Literatur : Bayern-Schal als Mordwaffe
Im neuen Roman von Sharon Dodua Otoo wird der Dialog erst möglich, als ein vermeintlicher Wohltäter verstummt.
Vom Schreiben dieser Erzählung sei ihr wiederholt abgeraten worden, lässt die Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo ihre Leser:innen kurz vor dem Erscheinungstermin auf Instagram wissen. Eine afrodeutsche Protagonistin ins Leben zu rufen, die ihren weissen Chef ermordet, dies nicht einmal bereut und sogar eifrig ihr Geständnis ablegen will, war einigen wohl zu viel.
Dabei schreibt sich Otoos knapp 140 Seiten kurzer Roman «So, in etwa, ist es geschehen» in eine Tradition ein: In der deutschsprachigen Literatur wimmelt es vielleicht nicht gerade von weiblichen Figuren, die einen Mord begehen, aber wer sie finden will, findet sie. Man denke an die radikalfeministischen Rächerinnen der siebziger und neunziger Jahre mit ihren spektakulären Mordgerätschaften, erschaffen von Autorinnen wie Karen Duve oder Märta Tikkanen.
Zu spät dran
Bei Otoo hingegen geht es fast unspektakulär zu – Tatwaffe: FC-Bayern-München-Schal –, wir haben es auch mit keiner Rächerin zu tun. Amata Haller hat einfach einen sehr schlechten Tag erwischt. Unmöglich heiss ist es an diesem 3. Mai, Amata ist zu spät dran, findet ihre Schlüssel nicht und verwünscht sich, dass sie nicht doch auf den Zug gesprintet ist, um rechtzeitig den Timmendorfer Strand zu erreichen. Stattdessen klingelt es an ihrer Tür. Auftritt Heinz Brockhaus, Amatas Chef beim Verein «Essen für Afrika». Was für Amata, ihre Oma, ihre Mutter und ihre Schwester ein jährlicher Gedenktag ist, ist für ihn eine Gelegenheit, sich aufzudrängen: Brockhaus will Amata unbedingt mit dem Auto an den Timmendorfer Strand bringen, weil er weiss, wie wichtig ihr dieser Tag ist (sich selbst als Enkel einer KZ-Sekretärin klammert er aus dem Erinnern aus).
Am 3. Mai 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden in der Lübecker Bucht die «Cap Arcona» und ihr Begleitschiff Thielbek von britischen Flugzeugen bombardiert. Die Nazis hatten die britische Luftwaffe getäuscht und sie im Glauben gelassen, dass es sich bei der «Cap Arcona» um einen Truppentransporter handle. Dabei befanden sich im Frachtraum der Schiffe über 7000 KZ-Gefangene, mehrheitlich aus dem Hamburger KZ Neuengamme. Tausende von ihnen ertranken oder verbrannten bei lebendigem Leib, nur gerade 400 Menschen überlebten.
In Otoos Roman gehört Amatas Grossvater zu den Überlebenden. Ob ihm die Kurgäste wohl zu Hilfe kämen, wenn er sich heute an derselben Stelle aus dem Wasser schleppte?
Fragen wie diese, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichen, quälen Otoos Protagonistin. In einem Land, das die Verbrechen der NS-Zeit und die eigene Kolonialgeschichte am liebsten in der Vergangenheit ansiedelt, versucht Amata, einen Umgang mit dem transgenerationalen Trauma und der Last der «kleinen und grossen Ereignisse» zu finden und daneben ihre familiären Beziehungen, ihre Lohnarbeit und ihren Aktivismus bei der Gruppe «Beyond Reparations!» zu navigieren. Die Entscheidung der Autorin, dass sich Amata ausgerechnet zu Heinz Brockhaus ins Auto setzt – noch dazu unfreiwillig –, ist konsequent: Schneller könnte nicht klar werden, dass der Roadtrip auf einen Albtraum zusteuert.
Auf den Mord folgt die Idylle
Otoos Text flimmert vor Hitze und aufgestauten Gefühlen, Brockhaus redet ununterbrochen und völlig enthemmt auf Amata ein. Ihm geht es nie um sein Gegenüber, sondern immer nur um sich selbst und seine Weltanschauung. Schon früh zeichnet sich ab, dass die beiden viel zu spät bei der Gedenkfeier ankommen werden. Als Amata auch noch merkt, dass sie die Uhr ihres Grossvaters an einer Raststätte verloren hat, derweil Brockhaus’ Monolog kein Ende findet, reisst ihr Nervenkostüm. Auf den Mord folgt die Idylle. Der Himmel leuchtet blau wie nie, Sonnenstrahlen streicheln Amatas Wangen. Mucksmäuschenstill ist es. Brockhaus, das verkörperte Universalwissen, ist verstummt.
Dabei handelt Otoos Roman von der Möglichkeit des Dialogs, gerade weil Amata Brockhaus inmitten seines Redeschwalls erstickt. Brockhaus steht stellvertretend für eine Gesellschaft, die sich manchmal progressiv geben mag, eigentlich aber in alten Hierarchien und Denkmustern eingerichtet ist und Deutungshoheit für sich beansprucht. Amata findet zum Sprechen und zur Annäherung an ihre Wahrheit erst im niedergeschriebenen Geständnis, das sie als Brief an ihre Freundin Nkechi richtet.
Bis die Löwin erzählt
Dass auch Sharon Dodua Otoo ihr eigenes Schreiben als eine Art des Gesprächs versteht, hat ihre letztjährige Zürcher Poetikvorlesung gezeigt. Unter der Sprachneuschöpfung «Im Vertrauern» suchte die Autorin in Briefen an drei Schriftstellerinnen ein Gespräch über Literatur, Politik und (Ver-)Trauern. «So, in etwa, ist es geschehen» nimmt diese Fragen nach Wahrheiten, Perspektiven und der Freundschaft im Denken auf und führt sie literarisch fort. Otoo begibt sich in einen Dialog mit Vorläuferinnen wie Toni Morrison oder dem 2019 verstorbenen Zeitzeugen Theodor Wonja Michael, dessen «Erinnerungen eines Afro-Deutschen» für das Verständnis der deutschen Kolonialgeschichte und der Gegenwart unverzichtbar sind.
Wie meint Amatas Schwester Denver einmal? «Bis die Löwin die Geschichte erzählt, wird der Jäger immer der Held sein.»