Parade zum 9. Mai : Ode an den heroischen Tod
Aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen wurden in Russland die meisten Siegesparaden abgesagt. Unterwegs in St. Petersburg zwischen Gedenken und Propaganda.
Ein Feiertag für alle soll der 9. Mai sein, der Tag des Sieges über den Nationalsozialismus. Das Zurückdrängen der Wehrmacht aus sowjetischem Gebiet bis zu deren Kapitulation war damals in weniger als vier Jahren vollbracht. Russlands Vollinvasion der Ukraine hingegen ist in ihrem fünften Jahr noch voll in Gang.
Aus Sicherheitsgründen dürfen am vergangenen Samstag nur wenige Hundert Auserwählte der Siegesparade auf dem Schlossplatz vor der Eremitage in St. Petersburg beiwohnen. Diesmal gibt es auch kein bedrohliches Waffenarsenal zu bestaunen, sondern den Aufmarsch kampferprobter Soldaten von der ukrainischen Front. Im Vorfeld war es im Petersburger Umland zu erheblichen Schäden durch ukrainische Drohnenattacken gekommen – vor allem an den für den Ölexport wichtigen Verladehäfen Ust-Luga und Primorsk an der Ostsee. Auch in anderen Landesteilen hatte es Angriffe gegeben.
Reihenweise wurden Militärparaden komplett abgesagt, in Moskau fand bloss eine stark zurechtgestutzte Veranstaltung statt, aufgrund der am Vorabend durch Donald Trump vermittelten Waffenruhe wenigstens ohne befürchteten Drohnenalarm. Am Abend wartete Wladimir Putin mit der Nachricht auf, der Krieg nähere sich seinem Ende. Er sei sogar bereit, Wolodimir Selenski in einem Drittland zu treffen – zur Unterzeichnung eines Abkommens. Am Verhandlungstisch sehen will Putin den deutschen Altkanzler Gerhard Schröder.
Als die Parade in St. Petersburg vorbei ist, beginnt sich auf dem Alexander-Newski-Platz das «Unsterbliche Regiment» zu formieren. Anders als in Moskau, wo die Prozession rein virtuell stattfindet, dürfen sich die Menschen in St. Petersburg an diesem Tag auf der Strasse versammeln. Die Porträts ihrer Vorfahren, die im «Grossen Vaterländischen Krieg» gekämpft haben, tragen sie auf der Prachtstrasse Newski Prospekt im historischen Zentrum der Stadt zur Schau. Sogar das mobile Internet funktioniert nach tagelangen Störungen wieder.
In der Metro auf dem Weg zum Grossevent sitzt eine Frau um die dreissig in voller Festtagsmontur: auf dem Kopf die klassische sowjetische Feldmütze Pilotka, das volle schwarze Haar zu zwei braven Zöpfen geflochten, dazu eine olivgrüne Hose und eine modische schwarze Bomberjacke, an der Tasche ein schwarz-gelbes Georgsbändchen und in der Hand zwei Porträts. Ein aufmerksamer Passagier gegenüber hat an ihrem Jackenärmel noch etwas bemerkt – ein knallrotes Markenband mit der Aufschrift «Alpha Industries». «Schon eine schräge Kombination», sagt er an die Trägerin des Bandes gerichtet. Die will zunächst nicht verstanden haben. «Das ist ein amerikanisches Band, das verträgt sich nicht mit Sowjetsymbolik», fährt er mit ironischem Unterton in der Stimme fort. «Ich rate Ihnen, es abzumachen.» Die Frau fummelt unentschlossen am Band herum, belässt es aber an der Jacke. «Ich dachte, das sei armenisch», kontert sie. Dann hält der Zug, die Hälfte der Fahrgäste steigen aus.
Mitgegangen, mitgefangen
Eine Million würden erwartet, hiess es im Vorfeld, etwa 100 000 sind tatsächlich gekommen. Oben auf dem Platz herrscht kein Gedränge, sondern die pure Ordnung. Ein paar mit Orden behangene Angehörige der Söldnergruppe Wagner warten auf Verstärkung, auch sie wollen beim Unsterblichen Regiment Flagge zeigen. Später auf der Prozession bilden sie eine kleine Kolonne samt Transparent, auf dem ein Bild ihres einstigen Vorgesetzten Jewgeni Prigoschin zu sehen ist. Der aufmüpfige Wagner-Gründer war 2023 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, nachdem er seine Truppe Wochen zuvor aus Protest gegen deren reguläre Eingliederung in die russischen Streitkräfte Richtung Kreml hatte marschieren lassen.
Ein Foto? Klar, sie posieren zu zweit. «Jungs, danke euch!» Die euphorische Stimme gehört einer Frau im Rentenalter. «Darf ich euch umarmen?» Kaum hat sie den Satz ausgesprochen, wirft sie sich den beiden Söldnern an den Hals.
Auf dem Weg sorgt Musik für Stimmung. Ein Mann spielt auf dem Akkordeon, vor allem Frauen in bunten Kopftüchern und langen Röcken singen Kriegslieder vom Blatt; wer keinen Textausdruck zur Hand hat, stimmt nach Gutdünken mit ein. «Dawaj Katjuschu!», ruft eine Sängerin. «Katjuscha» gehört zum Grundrepertoire, den Text kennen hier alle auswendig. «Unsere Treue zum Vaterland gibt uns Kraft», ist auf den blauen Jacken der freiwilligen Helfer:innen zu lesen. Auf roten Pullis und Jacken, die einige tragen, steht «Freiwilligenkompanie». Die jungen Leute sind nicht vom Militär, sondern von der Jugendorganisation der Kreml-Partei Einiges Russland.
En masse stehen Metalldetektoren bereit, durch die Demonstrationswillige gehen müssen, um zur Prozession zu gelangen. Eine Ordnerin weist Neuankommende an, Schlangen bilden sich nirgends. Ob man sich unterwegs absetzen könne, wisse sie nicht. Im Vorfeld hiess es, entlang der Route, also auf dem gesamten Newski Prospekt, würden selbst die Trottoirs abgeriegelt. Mitgegangen, mitgefangen.
Als Problem erweist sich, dass – anders als im Vorjahr – der Einlass nur am Newski-Platz erlaubt ist. In den Parallelstrassen bilden sich Gruppen Zuspätgekommener, die in die entgegengesetzte Richtung zum Eingang streben. Historische Bilder aus dem Familienalbum wechseln sich ab mit Stalin-Porträts und Fotos von nach 2014 im Donbas getöteten Kämpfern. Der 9. Mai als Fest des Überlebens mutiert wie von selbst zur Ode an einen heroischen Tod.
Auch eine Überquerung der Hauptschlagader, die das Stadtzentrum in zwei Teile teilt, ist seit dem frühen Morgen wegen der weiträumigen Absperrungen nicht vorgesehen. Neben einer Fussgänger:innenampel beobachtet ein Frontrückkehrer mit geschientem Bein und Krücke das Geschehen. Menschen irren mit Koffern umher, weil von der nördlichen Seite kein Durchkommen zum südlich gelegenen Bahnhof ist und sie Gefahr laufen, ihre Züge zu verpassen. «Was soll das denn für eine Parade sein?», schimpft eine Passantin. «Für wen machen sie das eigentlich, nur für sich selber oder was?» Ihr pflichtet eine andere Frau bei. Vor vier Jahren habe sie noch am Spektakel teilgenommen, jetzt stecke sie in einem Dilemma: Einerseits ärgere sie sich über den Ablauf. «Andererseits müssen wir doch zeigen, dass wir vor niemandem Angst haben!»
Mit dem Z auf der Brust
Gegen 14.30 Uhr löst sich das Unsterbliche Regiment kurz vor dem Schlossplatz auf. Massen strömen in die Metro, andere suchen sich ein sonniges Plätzchen, das blau gekleidete Freiwilligenteam schiesst ein Gruppenfoto. Irgendwie wirkt die Stimmung gedrückt, unbeschwerte Ausgelassenheit sieht man kaum.
Auf dem Rasen hinter der Isaakskathedrale dann doch. Hier hat sich die Gesangsgruppe mit dem Akkordeonisten zum Picknick eingefunden – zusammen mit als Kosaken kostümierten Männern. Es wird getanzt, was das Zeug hält. Als das Kultlied «Smugljanka» ertönt, in dem eine betörende moldauische Partisanin aus der Zeit des russischen Bürgerkriegs besungen wird, ist die Menge kaum noch zu halten. Ein glatzköpfiger Zuschauer zeigt stolz auf das Z an seiner Brust, das Symbol für den Krieg gegen die Ukraine.
So also sieht er aus, der «russische Imperativ». Unter diesem Titel ist gerade erst eine Ausstellung in der «Manege» neben der Kathedrale eröffnet worden. Kaum jemand verirrt sich an diesem sonnigen Tag ins Museum. Besucher:innen werden dort von einem riesigen Soldatenkopf im Helm vor rotem Hintergrund begrüsst, dessen Augen infernalisch leuchten. Im Begleittext finden sich Formulierungen wie «neue Ethik», «heilige Pflicht» und der Aufruf, das Andenken an die Vorfahren in Würde aufrechtzuerhalten. Der Bogen spannt sich vom mittelalterlichen Fürsten und russischen Nationalhelden Alexander Newski über den Zweiten Weltkrieg nahtlos bis zur Gegenwart. Neben einigen wenigen nachdenklichen Gemälden bekannter Maler wie Ilja Repin wird im letzten Jahrzehnt entstandene, faschistische Z-Ästhetik präsentiert. Ein Bild zeigt, wie sich ein Soldat vor einer Rauchsäule an einer unsichtbaren Leiter gen Ewigkeit nach oben hangelt.
Man könnte diese visuelle Aufbereitung des zivilisatorischen Debakels einer einstigen Grossmacht einfach ignorieren, wäre da nicht Russlands realer Krieg in der Ukraine. ●