Serie : Die Hackordnung in allen
«Die anderen sind die schlechten Menschen, nicht wir!», sagt mit leisen Selbstzweifeln die kleine Angestellte (Cailee Spaeny) zu ihrem Verlobten (Charles Melton). Gerade haben die beiden den etwas grösseren Angestellten in Gestalt ihres Chefs mit einem heimlich aufgenommenen Video erpresst. Die Erpressungsmasse: eine Beförderung, zehn Tage Ferien und eine rudimentäre Krankenversicherung. «Jetzt herrschen sie über uns», sagt der Erpresste (Oscar Isaac) später hässig zu seiner Frau (Carey Mulligan). Was vorerst natürlich eine ziemliche Übertreibung ist.
Die erste Staffel von «Beef» handelte von einer epischen Wuteskalation, die im Strassenverkehr ihren banalen Anfang nahm. Für die zweite Staffel hat sich der in den USA lebende Südkoreaner Lee Sung Jin nun ein ganz anderes Feld vorgenommen, auf dem er seine unverschämt unterhaltsamen Planspiele zur Streitkultur im Spätkapitalismus aufführt: ein Luxusresort mitsamt seinen funkenschlagend zusammenknallenden sozialen Hierarchien. Die Figuren: Bedienstete, Manager, weiteres Fachpersonal, die steinreiche Resortbesitzerin, die fast so reichen Gäste. Wer an «White Lotus» denkt, liegt nicht daneben; wobei «Beef» sehr viel sarkastischer zugespitzt ist als die letzte, etwas lahme Auflage der Luxushotelserie.
Die Ehen der Resortbesitzerin wie des Managers sind Mahnmale der geldgierigen Kälte, die junge Liebe zwischen Kellnerin und Fitnesstrainer: bald auch ein Schlachtfeld. Fiebrig entwickelte Zukunftsträume zerschellen zwischen Internetpornos, Fitnessvideos, Instagram-Flirts und pseudoklugen Podcasts. «Beef» führt den Beweis, dass die allgemeine Lage alle zuverlässig in kleine und grosse Ekel verwandelt. Alle belügen und betrügen alle, nicht zuletzt sich selbst, und niemand macht einen speziell hellen Eindruck in dieser universalen Veruntreuung. Das gibt viel zu lachen, auch weil die einzelnen Folgen bitterböse Titel tragen wie «Es bleibt wie gehabt, und du wirst dich fügen».
Wenn am Ende die kleinen Angestellten auf der grossen Bühne angekommen sind, wird schlagartig klar, dass das hier fachgerecht entblösste System auch deshalb so abstossend ist, weil darin nicht einmal mehr der Aufstieg der Habenichtse eine minimal befreiende Wirkung hat. ●
▶ «Beef», Staffel 2. Idee: Lee Sung Jin. USA 2026. Netflix.