Weg von der Armee : Auf der Suche nach blauen Bérets
Wieso verweigern junge Männer den Militärdienst? Fünf Soldaten-berater:innen erzählen.
«Ich habe zehn Jahre lang im Schnitt jeden Tag drei Anrufe von Soldaten erhalten, auch sonntags. Alle mit demselben Anliegen: Raus aus der Armee.» So erinnert sich Renate Schoch an ihre Zeit als Sekretärin bei der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA).
Schoch stiess 1988 zur antimilitaristischen Organisation, während sie in Zürich Germanistik studierte. Ein Jahr vor der legendären Abschaffungsinitiative war das, dank derer die Armee ihre Rolle als zentrale, staatstragende Institution einbüsste. «Nach der Abstimmung war die Bekanntheit der GSoA plötzlich riesig. Die Soldaten wandten sich reihenweise an uns», erzählt Schoch.
So hat die heute 61-jährige Unia-Gewerkschafterin mitbekommen, wo die grundlegenden Probleme der jungen Männer mit dem Armeedienst lagen: Viele hätten grosse Mühe mit dem Waffeneinsatz gehabt, anderen hätten der Drill und der absolute Gehorsam widerstrebt. Und sie hörte immer wieder, wie öde und langweilig der Dienst sei, frei von Sinnhaftigkeit. «Ich erinnere mich besonders an den Anruf eines Rekruten, der in grosser emotionaler Not war. Er konnte schlicht nicht mehr, hatte aber zugleich Angst vor den Konsequenzen», so Schoch. Sie habe ihn dann darin bestärkt, für sich einzustehen. Und ihm gesagt, ihm drohe nichts Schlimmes, jemand könne ihm weiterhelfen: Ruedi Winet.
Liste mit Psychiatern
Wohl kaum jemand hat mehr junge Männer vom Armeedienst befreit als Winet. Ihm selbst blieb Anfang der achtziger Jahre nur ein Weg offen, um der Armee zu entkommen: die Militärdienstverweigerung, die für ihn einen mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt in Chur zur Folge hatte. «Mein Gesuch, waffenlosen Dienst zu machen, wurde abgelehnt», erzählt der 64-jährige Bündner. Dass Winet «in die Kiste» musste, war nicht die einzige Konsequenz, er verlor auch seine Stelle als Psychiatriepfleger. Der zuständige Regierungsrat hatte angeordnet, dass Dienstverweigerer nicht für den Staat arbeiten durften. So wie Winet ging es in den siebziger und achtziger Jahren jedes Jahr mehreren Hundert jungen Männern. Ohne Job, dafür entschlossen, künftige Weggefährten zu unterstützen, begann Winet bei der Beratungsstelle für Militärdienstverweigerung und Zivildienst in Zürich, aus der der heutige Zivildienstverband Civiva hervorgegangen ist – und blieb fast zwei Jahrzehnte.
«Anfangs gab es zwei Möglichkeiten: Gefängnis oder ‹blauer Weg›», sagt Winet, «also die Ausmusterung aus der Armee aufgrund von körperlichen oder psychischen Problemen.» Sehr häufig sei die erste Frage an ihn gewesen, welchen Psychiater er empfehlen könne. Tatsächlich hätten sie eine Liste mit Psychiatern gehabt, die dem Thema gegenüber offen eingestellt waren. «Wir haben in jener Zeit an unseren Standorten in Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Lausanne oder Genf Tausende von Beratungen durchgeführt. Das Bedürfnis danach war sehr gross.»
Daneben hätten sie von der Beratungsstelle aber immer auch politische Arbeit geleistet, die nach einem langen Kampf 1996 zur Etablierung des Zivildiensts führte. «Das war ein echter Befreiungsschlag», sagt Winet. Auch weil dadurch viele junge Männer einen Zugang zum Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich gefunden hätten. «Ich habe nach meiner Beraterzeit im Kindes- und Erwachsenenschutz gearbeitet und weiss, wie sinnvoll es wäre, mehr Männer in diese Bereiche zu bringen.»
Kein Platz im Leben
Stefan Luzi ist einer der Männer, die Anfang der nuller Jahre über den Zivildienst den Weg in den Sozialbereich fanden. Der heute 48-jährige Winterthurer studierte Politologie, doch nach einem Zivildiensteinsatz in einer Psychiatrie entschied er, sich zum Psychiatriepfleger ausbilden zu lassen. In jener Zeit war Luzi auch für die GSoA tätig und leistete unter anderem Aufklärungsarbeit für die neu geschaffene Möglichkeit, Zivildienst zu leisten. «Wir sind damals vor die Kasernentore gestanden oder haben die Rekruten an den Bahnhöfen abgepasst», sagt Luzi. Bei beigen Bérets, die die Grenadiere tragen, seien sie nicht in den Zug eingestiegen, bei den blauen, die Farbe der Sanitätssoldaten, hingegen umso mehr.
Als Magdalena Küng ein Jahrzehnt später im GSoA-Sekretariat arbeitete, war kaum noch Aufklärung nötig. Der Zivildienst war im Bewusstsein der jungen Männer angekommen. Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung 2009 war der Weg in den Zivildienst weiter erleichtert worden. Die Soldatenberatung sei aber immer noch rege genutzt worden, erzählt die 36-Jährige, die heute in der Verwaltung des Kantons Solothurn arbeitet. «Die Soldaten führten etwa eine Bar oder hatten ein eigenes Unternehmen gegründet. Manche waren Väter und wollten Care-Arbeit leisten.» Sie seien überhaupt nicht gegen die Armee, hörte Küng öfter von den jungen Männern, aber der Zeitpunkt passe überhaupt nicht zu ihren aktuellen Lebensumständen. «Die Armee hatte es jeweils abgelehnt, die entsprechenden Dienste zu verschieben», so Küng.
Auch Piet Dörflinger stellte im Lauf der Jahre eine Veränderung der Motive fest, weshalb junge Männer keinen Armeedienst leisten wollen. Über drei Jahrzehnte lang machte der Sechzigjährige, der für die Matrosengewerkschaft Nautilus International arbeitet, Beratungen, bis letzten Herbst war er im Vorstand von Civiva. «Es gab eine Verschiebung weg von Gruppenmeinungen und ideologischer Parolenwälzerei hin zu ethischen und individuellen Gründen. Das Bewusstsein für die eigenen Werte und die Bereitschaft, dafür auch einzustehen, hat stark zugenommen», sagt Dörflinger. Das sei sehr erfreulich und motivierend. Die Armee sei schliesslich eine menschenverachtende Institution. «Man lehrt Kinder und junge Erwachsene, sich zivilisiert zu benehmen und sich nicht gegenseitig auf die Fresse zu hauen, und plötzlich sollen sie lernen, auf Befehl Krieg zu führen und Menschen zu töten. Viele junge Menschen stören sich nach wie vor daran.» ●