Wetterleuchten : Durchs Bullauge des Raumschiffs

Nr. 20 –

Daria Wild sucht Orientierung

Politik, sagte der Politiker in seinem «grossen Abschiedsinterview» staatsmännisch, sei die Kunst des Möglichen. Ich las das Interview eher zufällig, an dem Satz blieb ich hängen, sonst an wenigem. Politik, die Kunst des Möglichen, verzeichnet in der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte. Bismarck soll es gewesen sein, der den Satz einst gesagt hat. Seither wurde er oft zitiert, oft mit der Geste der Überlegenheit, den einzig vernünftigen Politikstil zu vertreten.

Dabei ist wenig kunstvoll am Gedanken, sich nur mit dem Horizont zu beschäftigen, aber nie darüber hinaus, nur damit, was gerade nützt, was mehrheitsfähig ist. Das heisst ja nur, dass Grundsatzfragen ausgeklammert, Gedanken an Alternativen überdeckt werden. Ein uninspirierter Satz, der eine konservative Politik verteidigt, den Status quo. Der vor allem aber beispielhaft dafür steht, dass die normative Kraft des Faktischen gerade wieder alles niederdrückt. Die Sicht auf die Welt verstellt. Das Fenster des Möglichen öffnet sich zurzeit ja nur nach rechts. Und das soll dann eine Kunst sein.

Es braucht ohnehin schon einige Anstrengung, den Blick immer wieder neu zu richten, gerade in diesem SVP-Jahr und in diesem SVP-Land, in dem wir dauernd gezwungen sind, das Bestehende zu verteidigen, aus der Defensive heraus den rechten Zeitgeist zu bekämpfen. Irgendwie schwierig, so in Alternativen zu denken. «Chaos» ist das Wort, das im Zentrum der Kampagne gegen die anstehende SVP-Initiative steht, als würde alles schön in Ordnung bleiben, wenn bloss die Abstimmung gewonnen wird. Als wäre diese Ordnung nicht das, was uns die drohende Entrechtung insbesondere der migrantischen Bevölkerung erst beschert hat.

Mir fiel ein Foto ein, das der Politikwissenschaftler Jonathan Eibisch an einem Vortrag über sein Buch «Politische Theorie des Anarchismus» gezeigt hatte: ein an eine Wand gesprayter Schriftzug, zu lesen war «Politik = scheisse». Eibisch meinte nicht, sich der passiven Politikverdrossenheit hinzugeben, sondern, wenn ich mich richtig erinnere, die Politik in der Form, in der sie vorliegt, zu negieren, um eine andere, solidarischere Gesellschaft zu denken und zu ermöglichen. Politik zu machen, um die Scheisspolitik loslassen zu können.

Später, inzwischen auf der Suche nach einem inspirierenderen Interview, blätterte ich durch das vor ein paar Jahren als Buch auf Deutsch erschienene Gespräch des «Rolling Stone»-Journalisten Jonathan Cott mit Susan Sontag. An einer Stelle geht es um Sontags Lesegewohnheiten («gedankenlos», ­«alles andere als systematisch»). Sontag sagt, Lesen sei ihre Unterhaltung, ihre Ablenkung, ihr Trost, ihr kleiner Suizid.

Vielleicht ein bisschen eskapistisch, aber mir scheint das nicht die schlechteste Orientierungshilfe dabei zu sein, sich mit Politik zu beschäftigen, das Fenster in andere Richtungen zu öffnen, über den Horizont hinauszudenken. Sontag sagt: «Wenn ich die Welt nicht mehr ertrage, igle ich mich mit einem Buch ein, und dann bringt es mich von allem fort, wie ein kleines Raumschiff.»

Von da ist die Sicht auf die Welt wahrscheinlich ganz gut. ●

Mit dieser Folge verabschiedet sich Daria Wild in den Mutterschutz. An ihrer Stelle wird Daniel Hackbarth im Wechsel mit Anna Jikhareva die politische Grosswetterlage unter die Lupe nehmen.