Angriffe auf Asylzentren : «Bis sie weg sind!»

Nr. 21 –

Seit Jahren protestieren Menschen in den Niederlanden gegen Unterkünfte für Geflüchtete. Letzte Woche verübten Rechtsextreme einen Brandanschlag. Spurensuche in einer Kleinstadt.

Aufmarsch in Loosdrecht am 17. Mai
Von wegen «besorgte Bürger»: Aufmarsch in Loosdrecht am 17. Mai.  Michel van Bergen, Laif

Hoch schlagen die Flammen vor dem ehemaligen Rathaus empor. Sträucher, Hecken und ein Baum brennen. Etwa 400 Menschen drängen sich hinter der Absperrung, von wo aus die Fackeln und Feuerwerkskörper geworfen wurden, die den Brand ausgelöst haben. «AZC, weg ermee!» (Asylwohnheim, weg damit!), skandieren sie. Manche versperren der anrückenden Feuerwehr den Weg. Schliesslich kann sie den Brand dennoch löschen, bevor er auf das Haus übergreift. Darin befinden sich fünfzehn junge Asylsuchende, die erst wenige Stunden zuvor das zur Notunterkunft umfunktionierte Rathaus von Loosdrecht bezogen haben.

Lokale Proteste gegen «asielzoekerscentra» (AZC) ziehen sich seit Jahren durch die Niederlande. In den letzten Monaten häufen sich die wütenden Kundgebungen. Man sah sie in Apeldoorn, Den Haag, IJsselstein, Uithoorn bei Amsterdam, Hellevoetsluis bei Rotterdam. In Den Bosch kam es durch Feuerwerkskörper zu einer Explosion an einem Gebäude, das als Notunterkunft vorgesehen ist. Der Bürgermeister von Lisse erhielt im Dezember eine Morddrohung.

Seit dem Brandanschlag am Dienstag letzter Woche ist Loosdrecht, eine Kleinstadt mit 10 000 Einwohner:innen zwischen Amsterdam und Utrecht, ein Symbol dieser Proteste geworden. Die wohlhabende Gegend ist bekannt als Bilderbuchholland mit seinen Kanälen, Seen, Zugbrücken und Bootswerften. Auf grosszügigen Anwesen weht in diesem Frühjahr oft eine Fahne mit Dorfwappen, den niederländischen Farben und der Aufschrift «Defend Loosdrecht».

Die Demokratie zu Grabe tragen

Im April teilte der Interimsbürgermeister der Bevölkerung kurzfristig mit, dass 110 männliche Asylsuchende wenige Tage später für ein halbes Jahr im leer stehenden früheren Rathaus untergebracht werden sollten. Die Notunterkunft grenzt an ein ruhiges Wohngebiet mit properen, schmucklosen Einfamilienhäusern aus rotem Backstein. Inzwischen wird dort seit drei Wochen täglich demonstriert.

Die Kommune beschränkte die Zahl der Asylbewerber auf 70 und schob deren Einzug auf. Die Wut blieb. Steine und Feuerwerk flogen auf Polizist:innen, Fenster und Türen des Gebäudes wurden eingeworfen. Mit einem symbolischen Trauerzug trugen Demonstrierende die Demokratie zu Grabe. Sie fühlten sich von der Kommune übergangen. Sie fürchteten um ihre Sicherheit, vor allem um jene von Frauen und Mädchen. Vor einigen Wochen fand erstmals ein Frauenmarsch gegen das Asylwohnheim statt.

Auf Landesebene stellt sich die Sache wie folgt dar: Seit 2024 gibt es in den Niederlanden ein Gesetz, um Asylsuchende gleichmässig übers Land zu verteilen. Die Kommunen sind zur Unterbringung verpflichtet, und dagegen regt sich Widerstand. Doch schon 2022 befürworteten gut zwei Drittel der Teilnehmenden einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NPO 1 einen vorübergehenden Asylstopp.

Am Gittertor der Notunterkunft in Loosdrecht hängt zwei Tage nach dem Brand ein Pappschild. «Rob Jetten, kriech zurück in das Loch, aus dem du gekommen bist!», steht darauf. Der Regierungschef soll abtreten. Es ist nicht das einzige selbstgemachte Plakat hier. Auf zwei weiteren haben Kinder mit dickem, schwarzem Marker «AZC weg ermee» geschrieben, das Z altersgemäss verkehrt herum. Daneben sind Strichmännchen gemalt, einige davon durchgestrichen.

Auf der anderen Strassenseite stehen einige Dutzend Anwohner:innen mit einem reichlichen Aufgebot rot-weiss-blauer Fahnen. Seit dem Brand sperrt die Kommune per Notverordnung das Gebiet vor dem Wohnheim ab dem frühen Abend. Nachmittags ist der Zugang gestattet. «Wir protestieren gegen das Pack hier hinter uns», sagt ein Mann um die dreissig und weist auf das Wohnheim. Er hat ein Megafon umgehängt und seine schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen. «Sie kamen auf dem Weg hierher durch genügend andere Länder, und wegen des Verteilungsgesetzes haben wir sie jetzt hier.»

Auf seinem Pullover prangt ein «Defend Loosdrecht»-Schriftzug. «Wir sind besorgte Bewohner, die Loosdrecht verteidigen wollen», stellt er die Gruppierung vor. Zum Brandanschlag hat er keinen Kommentar, auch seinen Namen will er nicht nennen. Das Misstrauen gegenüber Journalist:innen, vor allem solchen, die man den Mainstreammedien zuordnet, ist bei den AZC-Protesten ausgeprägt.

Hysterie in der Popkultur

Wie verhält sich Defend Loosdrecht zu Defend Netherlands, einer rechtsextremen Gruppierung, die in den letzten Monaten bei zahlreichen AZC-Protesten auftaucht? Direkte Verbindungen gebe es nicht, sagt der Mann. «Wobei einzelne Mitglieder sicher welche unterhalten.» Das im April gegründete Defend Loosdrecht beschreibt er als Nachbarschaftsvereinigung. Wie auch Defend Netherlands lege man Wert darauf, friedlich zu demonstrieren und keinesfalls rechtsextrem zu sein.

Eine Recherche des Rundfunksenders KRO-NCRV zeigte zuletzt freilich, dass die Bewegung just in dieser Szene gut vernetzt ist und in internen Chatkanälen auch klar entsprechende Rhetorik und Symbolik verwendet wurde. Über dreissig lokale, unabhängig voneinander agierende Gruppen sind seit einer grossen Antizuwanderungsdemonstration in Den Haag letzten September entstanden.

Sarah de Lange, Professorin für niederländische Politik an der Universität Leiden, ist auf den Aufstieg der radikalen und populistischen Rechten spezialisiert. Sie sagt: «Die Proteste gegen Asylunterkünfte haben sich insofern intensiviert, als sie in mehreren Kommunen gleichzeitig stattfinden und es eine deutliche Anwesenheit rechtsextremer Organisationen wie Defend Netherlands gibt. Auch das Mass der dabei angewendeten Gewalt eskaliert, wobei die Ereignisse von Loosdrecht der Tiefpunkt sind.»

Die «besorgten Bürger», die an den Demonstrationen teilnehmen, hätten häufig sehr deutliche Meinungen über Migration, so de Lange, seien jedoch nicht zwangsläufig rechtsextrem. «Doch sie gehen auch nicht deutlich auf Distanz zu Akteur:innen, die das zweifellos sind und die auch bei diesen Protesten auftauchen. Und das sagt wiederum viel aus über die Normalisierung von Rechtsextremismus, die wir in den Niederlanden erleben.»

Für diese Entwicklung steht auch ein eigenes Musikgenre: KI-generierte Lieder mit landestypischen Jahrmarktbeats, eingängigen Melodien und Texten zu Überfremdung und Verteidigung von Land und Familie. Der bekannteste Produzent dieses Soundtracks zu Asylprotest und Kulturkampf nennt sich JW Broken Veteran. Seine Visitenkarte ist das Lied «Wij zeggen nee tegen een AZC» (Wir sagen Nein zu einem AZC), das im Herbst an der Spitze hiesiger Streaminglisten stand. AZC-Hysterie hat es bis in die Popkultur geschafft.

Sichtbarer Widerstand

Auch in Loosdrecht ist das Lied allgegenwärtig. Besonders auffällig wurde dies bei einem Umzug am 1. Mai: Traktoren, Autos, Motor- und Fahrräder fuhren aus dem nahen Hilversum zum Wohnheim, begleitet von wehenden Fahnen und Protestschildern. Menschen aller Altersgruppen säumten den Weg, darunter viele Familien mit Kindern, die der Prozession fröhlich zuwinkten. Kaum ein Autofenster, aus dem nicht «Wij zeggen nee tegen een AZC» dröhnte.

Rechte Politiker:innen fachen die Proteste an. Geert Wilders, Chef der Partij voor de Vrijheid (PVV), der die Bevölkerung schon 2015/16 zum «Widerstand» gegen die Unterbringung Geflüchteter aufrief, befindet sich seit dem Winter auf landesweiter «AZC-Tour». Lidewij de Vos, Fraktionsvorsitzende des rechtsextremen Forum voor Democratie (FvD), tauchte unlängst in Loosdrecht auf und erklärte, sie hoffe, dass «die Leute nicht mehr loslassen». Auf taube Ohren stösst sie damit nicht. Das schon zitierte Defend-Loosdrecht-Mitglied kündet an: «Wir halten so lange durch, bis sie weg sind!»

Die Asylsuchenden hinter dem Zaun sind für Medien derweil nicht zu sprechen und halten sich angesichts der Situation bedeckt. Sichtbar war dafür am Wochenende ein Gegenprotest von rund hundert Loosdrechter:innen. Auf Plakaten hiessen sie die Bewohner der Notunterkunft willkommen und sprachen sich «gegen Hass» aus. Von anwesenden AZC-Gegner:innen wurden sie beschimpft. Eine Einwohnerin sagte einem regionalen TV-Sender, die Spannung zwischen beiden Seiten sei zum Schneiden. «Ich erkenne mein Dorf nicht mehr.» ●