Aus der Küche des Wahnsinns : Auf der Jagd nach Trophäen

Nr. 21 –

Karin Hoffsten über knappe Güter und einen Teufelskreis

«Schlägerei in Mailand, Tränengas in Paris», meldete «Spiegel Online», und natürlich fragte ich mich sofort: Revolte? Aufruhr? Arbeitskämpfe? Hungersnöte? Ach, nichts dergleichen: Bloss die neue Swatch. Die wurde nämlich gemeinsam mit einer Firma im Luxusuhrensegment produziert und soll was ganz Besonderes sein. Und vor allem: Es gibt nicht viele. Drum war sie schnell ausverkauft, weshalb die wartenden Massen anfingen, sich gegenseitig zu verkloppen.

Künstliche Verknappung nennt sich die Methode, mit der es der Kapitalismus immer wieder schafft, im menschlichen Gemüt irrationale Jagdgelüste zu entfachen. Sicher erinnern Sie sich an den Hype um das überteuerte Plüschtierchen namens Labubu oder um die grünbraune Dubai-Schokolade, auf die seit Beginn des Krieges gegen den Iran sowieso kein vernünftiger Mensch mehr Appetit hat. Egal, was es ist, es funktioniert zuverlässig.

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage ist ja völlig simpel. Mach wenig von dem, was alle haben wollen, und schon zahlen die Leute so ziemlich jeden Preis für jeden Mist – zumindest dann, wenn gerade kein Mangel an Lebensnotwendigem herrscht. Und darüber, was lebensnotwendig ist, dürfte man sich dort, wo nicht gerade gravierende Armut herrscht, kaum einig sein.

Aber was ist mit dem Wohnen? Das ist zwar ein Menschenrecht, aber wenn man sich in den Städten umschaut offenbar eines, das man sich teuer erkaufen muss. Kürzlich gab es dank Mondflug ja mal wieder eine Gelegenheit zum Overview-Effekt: Die kleine blaue Kugel, die man aus der Ferne sieht und auf der wir leben, ist eindeutig nicht aufblasbar. Auch in der kleinen Schweiz kann man den bewohnbaren Boden schon wegen der Alpen nicht beliebig dehnen. (Sollte irgendjemand hinter diesen Sätzen ein Plädoyer für die unsägliche SVP-Initiative vermuten: Er oder sie irrt.) Jedenfalls ist der Boden nicht per Produktionsentscheid vermehrbar.

Drum entbehrt es auch jeglicher Vernunft, ihn ein paar wenigen im Privateigentum zu überlassen, die der Mehrheit für seine Nutzung so viel Geld abknöpfen können, dass sie sich dumm und dämlich daran verdienen. Dass ausgerechnet die Pensionskassen, die ja unser aller Geld möglichst alterssichernd anlegen und drum Gewinne machen sollen, mit ihren Häusern dafür sorgen, dass Wohnen immer teurer wird, ist ein absurder Teufelskreis: Da zahlt man dann über die Miete die Pension wieder zurück.

Es lebe das Genossenschaftswesen!

Der Zufall will es, dass auch Karin Hoffsten neuerdings bei ihrer eigenen Pensionskasse zur Miete wohnt. So kanns gehen.