Ausstellung : Malen im inneren Ausnahmezustand
Umwerfende Bilder: Eine grosse Schau zu Helen Frankenthaler in Basel macht glücklich.
Warum die Geschichte nicht einmal anders erzählen? Fast jede Einordnung zur New Yorker Malerin Helen Frankenthaler beginnt mit dem Hinweis, dass ihre erste Begegnung mit den heute weltberühmten Tropf- und Spritzbildern von Jackson Pollock eine Initialzündung für sie war.
Sie entwickelte daraufhin ihre eigene neue Maltechnik, arbeitete (wie Pollock) auf dem Boden statt an der Staffelei, leerte flüssige Farbe direkt auf eine ausgebreitete Leinwand oder saugfähiges Papier, lenkte und modellierte dann den Farbfluss mit Spachteln, Händen, Schwämmen und manchmal auch einem Pinsel. Die Technik nennt sich «soak and stain», also durchtränken, beflecken, einfärben.
Verheissungsvoller Riss
Das war Anfang der fünfziger Jahre in New York, als dort gerade eine erste und eine zweite Generation von Maler:innen das Feld der Nachkriegskunst neu bestellten. Abstrakter Expressionismus nannte sich ihr Stil. Er war eine Abkehr von einer gegenständlichen, realistischen Malerei und die Hinwendung zu emotionalen Abstraktionen, zu radikal subjektiven Landschaften. Bald löste New York Paris als Kunsthauptstadt der westlichen Welt ab.
© 2026 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / ProLitteris, Zurich; Tim Pyle, courtesy Helen Frankenthaler Foundation, New York
Natürlich ist der Verweis auf Pollock nicht falsch. Helen Frankenthaler (1928–2011) hat selber oft den Moment beschrieben, als sie zum ersten Mal vor einem seiner Gemälde stand; sie wurde allerdings auch von jedem Interviewer danach gefragt. In der grosszügigen neuen Schau im Kunstmuseum Basel findet man zum Glück andere Zäsuren und Einstiegsmöglichkeiten in Frankenthalers Universum. Zum Beispiel das markante Bild «Sesame» von 1970. In Anlehnung an den Zauberspruch aus «Ali Baba und die vierzig Räuber» zeigt es einen in mehrere Himmelsrichtungen ausgreifenden Riss in einer goldgelben Fläche und eröffnet verheissungsvoll eine neue Schaffens- und Lebensphase.
Frankenthalers Scheidung vom Maler Robert Motherwell im Jahr darauf setzte offenbar eine gewaltige Energie frei. Die Siebziger und Achtziger sind für sie eine künstlerisch sehr reichhaltige Zeit. In der Basler Ausstellung sind etwa mehrere sogenannte Paraphrasen zu sehen: Frankenthalers Hommagen an andere Maler:innen und deren Werke. Durch die danebengestellten «Originale» erkennt man, wie Frankenthaler die ganze Kunstgeschichte als Spielwiese und Inspiration wahrnahm. Wenn sie Kunstmuseen besuchte, füllte sie ihren Museumsführer mit Notizen zu Licht, Farbe und Zeichentechnik einzelner Bilder.
Und wie sie selber ihre «Soak and stain»-Technik als eine Art körperliche Umarmung der entstehenden Farblandschaften beschrieb, kommt sie auch in ihren Paraphrasen den Bildern der anderen Künstler:innen sehr nahe. Sie wirken nie wie verstohlene Aneignungen, sondern eher wie liebevolle Einverleibungen: von Stimmungen, Stilen und Motiven. Mit Sigmund Freuds Traumarbeit könnte man auch von Verschiebungen und Verdichtungen sprechen. Etwa wenn Frankenthaler ein Stillleben mit Fisch und anderem Meeresgetier in ein neues, beinahe geisterhaftes Arrangement der Vergänglichkeit verwandelt. Oder wenn sie die vielen dahingetupften Farbpunkte einer Mittelmeerlandschaft in ein paar wenige markante Farbflächen übersetzt, sanft weiss übersprüht von der Gischt des Meeres.
Ihr Schalk, der in Interviews stets präsent war, blitzt auch in manchen Bildern auf. In «Brother Angel», einer eindrücklichen Einverleibung von christlicher Heiligenmalerei, platzierte Frankenthaler links oben eine fette Schliere Goldfarbe. Erst bei näherer Betrachtung erkennt man im Farbklecks die Umrisse einer Engelsfigur, die wie eine aus der Leinwand wachsende Skulptur über dem Bild schwebt.
Ein goldenes Zeitalter
Frankenthaler, die einst ebenso akkurate Stillleben malte wie Édouard Manet oder Gustave Courbet, die sie beide verehrte, hatte sich in jungen Jahren kaum entscheiden können, ob sie Malerin oder Schriftstellerin werden wollte. Überhaupt wirkt dieses kulturelle New York der fünfziger und sechziger Jahre auf Nachgeborene wie ein goldenes Zeitalter: Kreative aus Literatur, Film und Kunst trafen sich Woche für Woche in denselben Bars, redeten und stritten über Gedichte und Bilder, tauschten Klatsch aus. Damals bekannte Dichter wie Frank O’Hara arbeiteten als Kuratoren und kombinierten die frisch vollendeten Werke der teils noch wenig bekannten Künstler:innen in immer neuen Ausstellungen. «Meditations in an Emergency», ein Gedichttitel von O’Hara, könnte auch über vielen Werken des abstrakten Expressionismus stehen. Bei diesen «Betrachtungen im Ernstfall» ging es immer auch darum, das (eigene innere) Chaos in eine temporäre Ordnung zu bringen.
Die hervorragende Ausstellung im Kunstmuseum Basel lässt sich auch biografisch lesen. In ihren letzten Schaffensjahren wird Frankenthaler beinahe zur «klassischen» Landschaftsmalerin: In «Cloud Burst» erkennt man die zum Bersten gefüllte Wolke an einem pink-rosa Gewitterhimmel. In ihrer «Leuchtturm»-Serie schafft sie faszinierende Lichteffekte auf teils tiefdunkel eingefärbtem Grund. Man muss das im Original sehen. Dann können diese Bilder «dich k. o. schlagen», wie Frankenthaler selbst die Wirkung eines gelungenen Kunstwerks beschrieb. ●
▶ «Helen Frankenthaler» in: Basel Kunstmuseum Basel, bis 23. August 2026. kunstmuseumbasel.ch