Best Western : Sehr gefügige Instanzen

Nr. 21 –

Dorothee Elmiger über ein Zauberwort und das Wissen der Welt

Anfang April noch sass ich mit dem Mitarbeiter eines mächtigen Techunternehmens in einer Bar. Wir sprachen über rumänisches Kino, die Filme von Radu Jude. Über Lacan. Mein Wissen über Lacan sei im besten Falle atmosphärisch, sagte ich. Er bestellte noch eine Runde.

Ich fragte ihn nach der Arbeit. Seine Stelle, das wusste ich, existierte nur, weil die EU mit dem Digital Services Act die Anbieter von «very large online platforms» dazu gezwungen hatte, eine Kontaktstelle für Forscher:innen einzurichten und den Zugang zu gewissen Daten zu gewährleisten. Was die Techwelt anging, teilten wir eine ganz spezifische Beobachtung: In gewissen Kreisen, die vorwiegend aus jüngeren Männern bestanden, hatte in den vergangenen Wochen eine spürbare Stimmungsaufhellung stattgefunden. Es ging um jene, die das letzte Jahrzehnt vor ihren Bildschirmen verbracht und Abermillionen Zeilen Code geschrieben hatten. Zwar hatten sie fantastische Gehälter bezogen, man hatte sie hofiert, aber im Grunde erledigten sie mühselige Handarbeit: Tage- und nächtelang arbeiteten sie mit symbolischen Systemen. Die Programmiersprachen verlangten eine Anverwandlung an den Computer; sie, die die Maschinen bedienten, wurden selbst Teil davon. const token = authorization.split(' ')[1]; et cetera. Und in den Nächten regelmässig der Pagerduty-Alarm: Systemausfall, ein Bug.

Im Laufe des Winters war nun alles anders geworden: Die Coder:innen schrieben keinen Code mehr. Stattdessen verfügten sie über zahllose KI-Agenten, denen sie in ganz gewöhnlicher Sprache Aufträge erteilten. Das Zauberwort hiess Claude. «Ich schreibe einen Plan, gehe ins Bett, und wenn ich aufwache, ist alles fertig.» Zwar fürchteten sie um ihre Arbeitsplätze, zugleich wirkten sie euphorisiert, fast manisch: Die Enormität des Umbruchs könne kaum erfasst werden. Und sie, die zuvor die Programme von Hand geschrieben hatten, befehligten nun ganze Belegschaften, die geduldig für sie arbeiteten. Ob er glaube, fragte ich den Lacanianer, dass dieser Rausch auch mit dem Gefühl zu tun habe, als Mann plötzlich wieder uneingeschränkt über andere, sehr gefügige Instanzen verfügen zu können? Er nickte: Klar.

In St. Gallen hat Anfang Mai ein Ableger des von Brewster Kahle gegründeten «Internet Archive» seine Tätigkeit aufgenommen. Unter anderem wolle das «Internet Archive Switzerland», als Stiftung organisiert, gefährdeten Archiven einen sicheren Ort bieten und in Zusammenarbeit mit der HSG ein KI-Archiv anlegen. «Seien es Kriege oder autoritäre Regime: Das Wissen der Welt kommt unter Druck», zitierte das «St. Galler Tagblatt» Kahle, als dieser in der Stadt weilte. Sein Besuch überschnitt sich nicht zufällig mit dem St. Gallen Symposium, an dem der blöde Tech-Right-Blogger Curtis Yarvin die Abschaffung der Demokratie diskutieren durfte: Kahle war selbst als Gast eingeladen. Klickt man ausserdem auf das Impressum von internetarchive.ch, so ist als c/o-Adresse eine «Stiftung für Internationale Studien» angegeben – jene Stiftung, die zusammen mit dem International Students’ Committee das St. Galler Symposium verantwortet.

Auf ein E-Mail ans Archiv mit der Frage, was denn die Nähe der beiden Stiftungen bedeute, blieb es erst lange still. Dann kam kurz vor Redaktionsschluss doch noch eine Antwort: Der Zusammenhang sei zufällig, es gebe keine Überschneidungen zwischen den Stiftungen. Gut. Man möchte das Wissen der Welt ja ungern dort gespeichert wissen, wo Druck gemacht wird. ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.