Das gute Leben : Höchste Zeit
Eine Liebeserklärung an die Yayoflautas
Fürs Foto soll ich mich doch zwischen sie beide stellen, sagen sie mir, «zwischen die beiden Chiquitas». Dann strahlen wir zu dritt um die Wette.
Die Chiquitas neben mir sind beide über achtzig und Aktivistinnen des Kollektivs Yayoflautas in Katalonien, eines Zusammenschlusses von Senior:innen, der sich 2011 gebildet hat. «Yayo» bedeutet Opa, «flautas» sind Flöten. Bürgerliche bezeichnen damit abwertend Aktivist:innen. Die Flötenopas und -omas haben sich den Begriff angeeignet.
Damals gingen im Rahmen der «Empörtenbewegung» Zehntausende auf die Strasse – gegen die Austeritätspolitik im Nachgang der Wirtschaftskrise. Unter ihnen die beiden lustigen und herzlichen Frauen, die ich zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht namentlich nenne. Um für die Zugänglichkeit des ÖV zu kämpfen, haben die Yayoflautas seither auch schon mal einen Linienbus entführt. Aus Protest gegen die Hypothekenpolitik des spanischen Staates besetzten sie einmal eine Bank in Barcelona. Das sei gar nicht schwer gewesen, sagen sie, «wir haben auf die Angestellten harmlos gewirkt». Kichern.
Die beiden sind nicht erst politisch, seit sie Seniorinnen sind. Sie haben ein Leben für die Politik geführt und dafür alles aufs Spiel gesetzt. Beide hatten Väter, die unter Diktator Francisco Franco als Linke inhaftiert waren.
Sie selbst haben später, immer noch unter Franco, Flugblätter gedruckt und verteilt, klandestine Treffen organisiert, eine von ihnen hat mehr als zehn Jahre lang den Generalsekretär der kommunistischen Partei Kataloniens bei sich zu Hause versteckt.
Ich will auch so sein wie sie, so altern wie sie: Ohne mich zu verbeissen, ohne überheblich zu werden und verbittert auf die Nachkommenden zu schauen. Aber eben auch, ohne an Radikalität und Wut einzubüssen. Als Franco friedlich in seinem Bett eingeschlafen sei, hätten sie einen Cava geöffnet, erzählen die Aktivistinnen. Cava ist die spanische Version von Champagner. In ganz Barcelona sei er damals ausverkauft gewesen.
Ich will nicht erleben müssen, was sie erlebt haben: eine rechtsextreme Diktatur, die uns Linke verfolgt, inhaftiert, umbringt. Will nicht beweisen müssen, dass ich bereit wäre, alles für die Freiheit aufs Spiel zu setzen. Auch weil ich mir nicht sicher bin, ob ich es wäre.
Fünfzig Jahre nach Francos Ableben erstarkt auch in Spanien der Rechtsextremismus erneut. Später als in anderen westeuropäischen Staaten, dafür mit neuer Wucht. Was das bedeuten kann, weiss kaum jemand so gut wie die beiden Frauen. Die Yayoflautas kämpfen weiter, wenn auch weniger zahlreich als noch vor fünfzehn Jahren – «aus natürlichen Gründen». Höchste Zeit, sich ihnen anzuschliessen. ●
Die Yayoflautas hat Lukas Tobler im Rahmen von «WOZ unterwegs» getroffen. Einem, wie er in Barcelona festgestellt hat, unterschätzten Geschäftszweig der WOZ.