Durch den Monat mit Ece Temelkuran (Teil 3) : Wieso betrachten Sie sich als «Kaviarprekariat»?

Nr. 21 –

Warum der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis die Schriftstellerin nach ihrem Kontostand fragte.

Ece Temelkuran Portraitfoto
«Früher verspottete man uns als Chamagnersozialist:innen. Heute gehören viele eher zueinem akademischen Prekariat»: Ece Temelkuran. Maximilian Gödecke

WOZ: Ece Temelkuran, haben Sie Ihren billigen Parka noch?

Ece Temelkuran: Denjenigen, mit dem ich aussehe wie Kenny aus der Fernsehserie «South Park»?

WOZ: Genau – die Jacke, die Sie Ende 2022 in Hamburg gekauft haben.

Ece Temelkuran: Ja, natürlich habe ich sie noch. Diese billige Jacke und eine elegantere spiegeln meine zwei Realitäten wider – die öffentliche und die private Ece. Mit meinem Parka streifte ich durch Hamburg und erkundete die Ecken, in denen Fremde wie ich landen. Die andere Jacke ist für offizielle Termine und öffentliche Auftritte.

WOZ: Warum sprechen wir so ungern über Geld?

Ece Temelkuran: Zu sagen, dass das Geld knapp ist, zerstört das Bild einer intellektuellen Frau auf der Flucht vor den Barbaren. Die Mehrheitsgesellschaft erwartet von dir, dankbar zu sein und gleichzeitig glamourös zu wirken. Man muss die schöne Seite zeigen. Niemand interessiert sich für die schmutzige Seite: die endlose Bürokratie rund um Aufenthaltsstatus und Visa und die hässlichen Warteräume.

Die erste Person, die im Exil von mir wissen wollte, ob ich Geld habe, war der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. Wir trafen uns zum ersten Mal bei einer Diskussionsveranstaltung, und er fragte mich: «Hast du Geld?» Ich war überrascht und antwortete: «Endlich fragt mich das mal jemand.» Seine Antwort: «Natürlich – ich bin Marxist.» Es ist wichtig, über Geld zu sprechen. Geld bestimmt, wie stabil die eigene Realität ist.

WOZ: Sie verwenden den Begriff «Kaviarprekariat», um Ihre eigene Situation zu beschreiben. Was meinen Sie damit?

Ece Temelkuran: Früher verspottete man uns linke Journalist:innen und Autor:innen ironisch als Champagnersozialist:innen oder privilegierte Intellektuelle. Heute gehören viele von uns eher zu einem akademischen Prekariat: ständig unterwegs von einer Institution zur nächsten, ohne echte Sicherheit und oft gezwungen, mit dem auszukommen, was in Zeiten knapper Ressourcen übrig bleibt.

WOZ: In Ihrem neuen autobiografischen Buch «Nation of Strangers» gibt es eine Szene, die mich schockiert hat. Von 2021 bis 2023 waren Sie Fellow bei einem Hamburger Thinktank. Der Gründer schrie Sie vor allen Leuten an, weil er glaubte, Sie hätten seinen Geburtstagskuchen angeschnitten. Sie blieben still.

Ece Temelkuran: Zuerst wollte ich mich verteidigen, aber dann wurde mir klar, dass meine Aufenthaltsgenehmigung an das Fellowship gebunden war. Ich konnte nicht zurückschreien. In diesem Moment fühlte ich mich vollkommen machtlos. Die Nerven staatenloser Menschen werden auf eine verstörende Weise verdreht, sodass selbst das Unerträgliche noch erträglich erscheint – ihnen ist der Luxus nicht erlaubt, die Kontrolle zu verlieren. Sie haben gelernt, dass diejenigen am meisten geschätzt werden, die angenehm bleiben. Übrigens: Ich hatte den verdammten Kuchen gar nicht angeschnitten.

WOZ: Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Würde verletzt wurde?

Ece Temelkuran: Unter solchen Bedingungen wird Würde ständig neu mit sich selbst ausgehandelt. Dieses dauerhafte Schwanken zwischen Ohnmacht und dem Druck, nach aussen gefasst zu bleiben, verlangt den Menschen enorme Ausdauer und innere Stärke ab. Man passt sich an, um zu überleben – und gibt dabei Teile von sich selbst auf.

WOZ: An welche Situationen denken Sie dabei?

Ece Temelkuran: Das wurde mir besonders klar, wenn ich wieder einmal wegen meiner Dokumente in einer Ausländerbehörde Schlange stand. Ich erinnere mich lebhaft an einen Mann in Zagreb, dem ich mehrfach in der Behörde begegnete. Beim ersten Treffen sagte er: «Ich komme aus dem Jemen. Aber ich bin Neurochirurg.» Drei Termine später erschien er ohne Krawatte. Und irgendwann erwähnte er seinen Beruf gar nicht mehr. In Ausländerbehörden beginnen viele Menschen zu weinen, sobald sie ihre Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben. Das sind keine Freudentränen; vielmehr steigt etwas Dunkles aus den tiefsten Schichten des Überlebensinstinkts. Kürzlich hatte ich eine Idee, wie sich die Würde des Einzelnen besser schützen liesse.

WOZ: Wie könnte das funktionieren?

Ece Temelkuran: In Barcelona besuchte ich einen Vortrag über altägyptische Königreiche und ihre Verfassungen. Der Referent erwähnte, dass selbst das Mittlere Reich bereits eine Art Verfassung gehabt habe – geschrieben aus der Perspektive eines reisenden Händlers, der in die Stadt kam. Das brachte mich auf eine Idee: Vielleicht sollten Fremde und Geflüchtete Europas Verfassung schreiben. Können Sie sich eine europäische Verfassung vorstellen, die in Flüchtlingslagern wie Moria entworfen wird?

WOZ: Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Ece Temelkuran: Intuitiv habe ich das Gefühl, dass es die schönste Verfassung der Geschichte wäre. Sie würde wahrscheinlich mit dem Satz beginnen: Niemand hat unter irgendwelchen Umständen das Recht, die Würde eines anderen Menschen zu verletzen. Es gibt so viele Ideen gegen Ungerechtigkeiten, aber was fehlt, ist das Pathos, das sie mit politischer Energie verbinden könnte, um Veränderungen zu schaffen. Deshalb versuche ich, dieses Pathos zu schaffen. ●

Ece Temelkuran (52) wuchs in Izmir auf. Ihre Mutter las ihr und ihrem Bruder das Buch «The Little Black Fish» von Samad Behrangi vor. Die iranische Kindergeschichte gilt als politisches Manifest für Neugier und Widerstand.