Filmfestspiele Cannes : Nach dem Exil

Nr. 21 –

Unter der Oberfläche brodeln die Widersprüche: Das wichtigste Filmfestival der Welt zehrt von altem Glanz.

Sandra Hüller
In «Fatherland» als Erika Mann im Zentrum, an der Croisette auf dem roten
Teppich: Sandra Hüller. 
Nicolas Genin, Imago

Wie relevant ist dieses Festival noch? Die Frage steht immer wieder im Raum, hatte aber dieses Jahr einen dringlichen Ton, seit bekannt geworden war, dass die grossen US-Studios die Croisette meiden. «Star Wars: The Mandalorian and Grogu» feiert zeitgleich anderswo seine Fanpremieren, und weder Steven Spielberg («Disclosure Day») noch Christopher Nolan («The Odyssey») wollten ihre neuen Filme nach Cannes bringen. Für das Festival, das sich gern als «Heimat des Kinos» feiert, muss das eine Kränkung sein.

Das US-Kino ist eine Lebensader fürs weltweite Filmgeschäft und für die Filmliebhaberei. Das konnte man daran ablesen, wie euphorisch John Travolta begrüsst wurde, der mit 72 Jahren sein Regiedebüt vorstellte. Der Film lief ausser Konkurrenz und war nicht der Rede wert, aber die Filmcollage, mit der man seine Anwesenheit ehrte, führte einem begeisterten Saal vor Augen, wie sehr «Saturday Night Fever», «Pulp Fiction» oder «Face/Off» für die Magie des Kinos stehen. Dass diese Hollywood-Aura kein Ding der Vergangenheit ist, zeigte sich zwei Tage später, als Adam Driver, der in «Paper Tiger» von James Gray mitspielt, den Festivalpalast auf allen Etagen zum Vibrieren brachte.

Kleine Polizistin, grosse Knarre

Auf zahlreichen Panels und Treffen rund um den «Marché du Film», den grössten seiner Art in Europa, kommt in Cannes auch zur Sprache, was die Branche bewegt – wie jetzt die Frage nach dem Einfluss der künstlichen Intelligenz. Wer KI zum Drehbuchschreiben nutze, sollte sich nicht Autor nennen, meinte etwa Seth Rogen. Neben so pauschaler Ablehnung gab es auch abwägende Antworten. Cannes-Leiter Thierry Frémaux wies zu Beginn des Festivals darauf hin, dass KI beim Einsatz computergenerierter Bilder schon länger eine Rolle spiele: «Apocalypse Now» sei wohl der letzte «bioorganische Film» gewesen, wo jedes Flugzeug, das man auf der Leinwand sehe, auch wirklich geflogen sei.

Ausgerechnet Steven Soderbergh lieferte dann in seinem Dokumentarfilm «John Lennon: The Last Interview» ein Beispiel dafür, wie man KI gerade nicht einsetzen sollte: als Verlegenheitsillustration für ein Radiointerview, von dem es keine Archivbilder gibt. Der Empörungssturm blieb aus – es gibt zu viele Filme im Programm. Im Wettbewerb erzeugte der koreanische Regisseur Na Hong-jin mit «Hope» Reaktionen, wie man sie nur von Fan-Conventions kennt: Szenenapplaus, wenn bei der Monsterjagd die toughe kleine Polizistin das grosse Gewehr rausholt. Von den einen gefeiert, von anderen befremdet als blosse Unterhaltung aufgenommen, zeigt «Hope», dass Selbstironie und Metaebene nicht unbedingt für Tiefe sorgen, dafür aber gut über schlechte Tricktechnik hinwegtrösten. Eine Enttäuschung dagegen war «Moulin», László Nemes’ maues Résistance-Porträt mit Lars Eidinger als Klaus Barbie.

Es gab aber auch Filme, die belegen, dass das Kino immer noch ein aussergewöhnlicher Ort sein kann, um über die Bedingungen des Menschseins nachzudenken: etwa Paweł Pawlikowskis «Fatherland», der in Schwarz-Weiss und knappen 82 Minuten von Thomas Manns Rückkehr ins geteilte Deutschland erzählt. Die Reise gab es wirklich: Der Nobelpreisträger, der 1933 kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigriert war, kehrte im Sommer 1949 nach sechzehn Jahren im Exil zusammen mit Ehefrau Katia erstmals zurück, um in Frankfurt am Main und Weimar je einen Goethe-Preis in Empfang zu nehmen.

Eine Ohrfeige für Gründgens

Pawlikowski erlaubt sich ein paar künstlerische Freiheiten mit der Historie. Die wichtigste ist, dass er Tochter Erika zu Manns Begleiterin macht. Das Zentrum des Films ist nicht der «Zauberberg»-Autor, von Hanns Zischler nuanciert-zurückhaltend gespielt, sondern die einmal mehr grandiose Sandra Hüller als Erika Mann, die ihren Vater unterstützt und ihm auch die Stirn bietet. Zwar verschafft Pawlikowski seinen Figuren ein paar Momente billiger Katharsis: Erika darf ihren Exmann, den «Mitläufer» Gustaf Gründgens, ohrfeigen, Thomas die Wagner-Enkel, die ihn als Schirmherrn eines «neuen Bayreuth» anwerben wollen, abkanzeln. Abgesehen davon lebt «Fatherland» ganz von der Suggestion. Unter der Oberfläche der zerbombten Städte brodeln die Widersprüche, Schock und Schmerz über die Trümmerlandschaft genauso wie Entsetzen und Wut über die Menschen, die einfach weitermachen wie bisher.

Ganz in der Gegenwart spielt «All of a Sudden», der neue Film des Japaners Ryusuke Hamaguchi. Dass dieses Drama über eine Frauenfreundschaft und das Thema Altenpflege einen über drei Stunden bei der Stange hält, liegt auch an der Belgierin Virginie Efira. Bekannt geworden mit französischen Wohlfühlkomödien, spielt sie hier die Leiterin eines Heims für Demenzkranke, das neue Massstäbe in der menschenwürdigen Pflege setzen will. Im Kampf mit Personal, das an alten Erfahrungen festhalten will, und Betreibern, die Profit sehen wollen, ist sie nah am Burn-out. Dann begegnet sie einer japanischen Theaterregisseurin (Tao Okamoto) mit Krebs im Endstadium.

In langen Gesprächen – Efira hat eigens Japanisch gelernt – tauschen sich die Frauen über Fragen des Lebens, über Klimakatastrophe und Kapitalismus aus. Im Wesentlichen handelt «All of a Sudden» davon, was alles passieren kann, wenn man seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Hamaguchi greift damit eines der zentralen Themen unserer Zeit auf: unseren Umgang mit Menschen, die «nicht mehr bei Verstand» sind. Er macht daraus ein berührendes Drama über Empathie und menschliche Fragilität, voll Trauer, aber auch voller Hoffnung. ●