Kommentar : Wie Trump Raúl Castro jagt
Die USA bauen rund um Kuba ein ähnliches Drohszenario auf wie Anfang Jahr in Venezuela. Aber so leicht wie dort wird es nicht werden, vermutet Toni Keppeler.
Dieses Drehbuch kennt man schon: Zuerst schickt US-Präsident Donald Trump einen Emissär, der nicht verhandelt, sondern nur Forderungen vorträgt. Dann fährt in der Karibik eine gewaltige Seestreitmacht auf. Es folgt ein militärischer Überfall. Durchgespielt wurde dies vor ein paar Monaten in Venezuela, mit dem Höhepunkt am 3. Januar, als Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores entführt und mehr als hundert Menschen getötet wurden. Nun sitzen die beiden in den USA in Haft und warten auf einen Prozess wegen angeblichen Drogenhandels.
Dasselbe Szenario wird jetzt rund um Kuba aufgebaut. John Ratcliffe, Chef des US-Geheimdiensts CIA, war schon auf der Insel und hat Raúl Rodríguez Castro die Forderungen Trumps vorgetragen: Die angeblich vorhandenen Abhörstationen Russlands und Chinas sollen geschlossen, die vom Staat dominierte Wirtschaft für den Kapitalismus geöffnet werden. Rodríguez Castro hat zwar kein Regierungsamt, aber er ist der Enkel des ehemaligen Staats- und Parteichefs Raúl Castro. Vom 94-Jährigen hat man zwar lange nichts Öffentliches mehr gehört; er ist gebrechlich und schwerhörig und hat Mühe, sich zu artikulieren. Aber er soll noch immer die graue Eminenz im Hintergrund mit grossem Einfluss auf die Regierungsgeschäfte sein.
Parallel zur trumpschen Forderungsdiplomatie wird Kuba ganz offen ausspioniert: Seit Tagen kann man mit blossem Auge bemannte und unbemannte Aufklärungsflugzeuge über der Insel sehen. Die «New York Times» hat von militärischen Quellen erfahren, dass man im US-Kriegsministerium eine Aufstockung der Streitkräfte in der Region plane. Tatsächlich ist die «USS Gerald F. Ford», der grösste Flugzeugträger der USA, auf dem Rückweg vom Einsatz im Krieg gegen den Iran. Das Schiff hatte auch vor dem Überfall auf Venezuela vor dessen Küste gelegen. Und schliesslich bereiten Bundesanwält:innen in Miami eine Klageschrift gegen Raúl Castro vor. Es soll dabei gemäss Medienberichten um angeblichen Drogenhandel gehen – das gehört anscheinend zum Standardprogramm –, aber auch um Mord.
Letzterer Vorwurf bezieht sich auf den Abschuss zweier Kleinflugzeuge im Februar 1996. Die vier Besatzungsmitglieder kamen damals ums Leben. Es waren Flugzeuge einer Organisation rechter Exilkubaner:innen, die sich Hermanos al Rescate (Geschwister zur Rettung) nannte. Sie hatten bei früheren Flügen konterrevolutionäre Flugblätter über Havanna abgeworfen. Die beiden abgeschossenen Flugzeuge waren von kubanischen Jagdbombern gewarnt worden, hatten aber nicht beigedreht. Raúl Castro war damals Verteidigungsminister und ist heute die letzte noch lebende grosse historische Figur der kubanischen Revolution. Mit einer Anklage gegen ihn hätten die USA eine scheinbar juristische Rechtfertigung für ein Eingreifen.
Aber auch wenn alle Karten nach dem Drehbuch von Venezuela ausgelegt sind, so leicht wie dort wird es in Kuba nicht werden. Auch wenn die Kubaner:innen von der schweren Krise zermürbt sind und auch wenn viele ihre Regierung kritisieren – die Mehrheit ist bereit, die Souveränität der Insel zu verteidigen. Das hat tiefe historische Wurzeln. Kuba war die letzte spanische Kolonie in Amerika. Die Kubaner:innen fochten zwei Befreiungskriege aus, und der Sieg war 1898 schon greifbar, ehe die USA eingriffen und die Insel als faktisches Protektorat übernahmen. Der Sieg der Revolution 1959 wurde deshalb auch als die zweite, die eigentliche Unabhängigkeit gefeiert. Sie war immer nur durch die USA gefährdet.
Die Kubaner:innen haben seither ihre Souveränität verteidigt. Sie werden es auch tun, wenn Trump Soldaten schickt. ●