Sabotage : Feuer fürs geteilte Glück
Was Brände in Lagerhäusern über die moralische Ökonomie und den Zustand der Klassenkämpfe in den USA verraten.
Was sagt es aus, wenn in einem der reichsten Länder der Welt ein Mann, der mutmasslich ein Lagerhaus für Toilettenpapier niedergebrannt und sich selbst dabei gefilmt hat, gefeiert wird wie ein Held? Wenn der Brand Menschen in anderen Bundesstaaten inspiriert, ihrerseits Lagerhallen abzufackeln; wenn der mutmassliche Brandstifter über Nacht eine Fangemeinde mobilisiert und seine Aussage im Video aus der brennenden Halle, «Ihr hättet uns nur einen Lohn zahlen müssen, der zum Leben reicht», auf T-Shirts und Poster gedruckt wird?
Man darf sich ins Gedächtnis rufen, dass sechzehn Monate zuvor ein anderer Mann – Luigi Mangione – dafür gefeiert wurde, dass er mutmasslich den CEO des grössten privaten US-Krankenversicherers wegen des Geschäfts mit dem Leid Hunderttausender auf offener Strasse erschoss. Und das nicht nur von Linken. Rechte Medien oder Influencer wie Ben Shapiro, die den Mord als linksextreme Gewalttat verdammten, mussten sich wüste Beschimpfungen von ihrer Anhänger:innenschaft anhören. Auf Social Media berichteten Nutzer:innen, dass ihre konservativen Eltern auf Mangione anstiessen und mehr solche Attentate forderten. Eine lagerübergreifende Freude auf beiden Seiten des politischen Spektrums, wie sie dieser Mord auslöste, hatte man lange nicht gesehen.
Jetzt also wieder: Am 7. April, kurz nach Mitternacht, ging im Kimberly-Clark-Lager in Ontario, Kalifornien, der Feueralarm los. Als die 175 herbeigerufenen Feuerwehrleute beim 110 000-Quadratmeter-Gebäude eintrafen, war es schon zu spät. Die Flammen hatten erst das interne Löschsystem, dann die ganze Halle zum Kollabieren gebracht, sie brannte schliesslich bis auf die Grundmauern ab. Waren im Wert von 500 Millionen US-Dollar seien dabei in Rauch aufgegangen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Verletzt wurde niemand. Der Lagerarbeiter, der sich beim Anzünden der Ware filmte, ist mutmasslich ein 29-Jähriger namens Chamel Abdulkarim.
«Viele werden es verstehen»
Auf den Videoaufnahmen, die kurz nach dem Brand auf Social Media auftauchten und sich ihrerseits wie ein Lauffeuer verbreiteten, ist eine Männerstimme zu hören: «Ich habe diese Arschlöcher gerade Milliarden gekostet», sagt sie neben dem eingangs zitierten Satz. «Zahlt uns mehr von dem Wert, den wir schaffen. Nicht das Unternehmen. Habe hier keine Aktionäre eine Schicht schieben sehen.» Und: «Viele werden es verstehen … genau wie als Luigi diesen Scheisskerl abgeknallt hat.»
Er sollte recht behalten. Noch während Abdulkarim, der für das Subunternehmen NFI Industries in der Halle gearbeitet hatte, verhört wurde (ihm drohen mindestens zehn Jahre Haft), trudelten auf Social Media die ersten Huldigungen ein. «Das ist kein Verbrechen, sondern eine revolutionäre Tat» oder «Gewalt ist die Antwort, die Reichen wissen das» waren noch vergleichsweise sachliche Kommentare.
Es blieb nicht bei Beifall. In den Tagen nach dem 7. April brannten Lagerhäuser, unter anderem in New York, New Jersey, Pennsylvania, Ohio und Florida, darunter ein Amazon-Depot – und am 10. April abermals in Ontario. Diesmal hatte ein 28-Jähriger mehrere Geschäfte einer Mall angezündet. Zwar sind bei vielen Bränden die Ursachen nicht offiziell bestätigt, aber zumindest einige Nachahmer:innen gab es.
«Wenn Arbeitnehmer den Eindruck haben, dass das, was ihnen die Unternehmen zahlen, nicht ausreicht, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken, kann das zu Gefühlen von Ungerechtigkeit, Stress und Angst führen, was wiederum Verzweiflung, Depressionen und Wut zur Folge haben kann.» Das erklärt der Gründer der Firma Empathic Security Cultures, John Rodriguez, auf dem Portal des weltweit grössten Berufsverbands für Sicherheitsfachkräfte. Für viele bedarf es keiner Erläuterung.
Mit den 18 Dollar pro Stunde, die Abdulkarim verdiente, kam er auf etwa 3000 Dollar brutto im Monat, 37 000 Dollar im Jahr. Die durchschnittliche Monatsmiete für eine Einzimmerwohnung in Kalifornien liegt zwischen 2095 und 2350 Dollar. Die Lebenshaltungskosten im «Golden State» gehören zu den höchsten in den USA.
Der CEO von Kimberly-Clark, Michael Hsu, erhielt 2025 eine Vergütung von 15,3 Millionen Dollar. Der Konzern machte von 2015 bis 2025 einen Nettogewinn von 21,5 Milliarden Dollar. Wie Chris Brooks, Gewerkschafter und Kolumnist des Magazins «Jacobin», vorrechnet, gab das Unternehmen im selben Zeitraum 22,8 Milliarden Dollar für Dividenden und Aktienrückkäufe aus, um den Wert der Unternehmensaktie hochzutreiben, also Geld für die Aktionär:innen zu generieren. Ein verbreitetes Vorgehen: Eine grosse Mehrheit der Unternehmen, die wie Kimberly-Clark im Aktienindex S&P 500 gelistet sind, hat im zurückliegenden Jahrzehnt fast ihren vollständigen Nettogewinn für Rückkäufe eingesetzt.
«Das Geschäft dieser Konzerne besteht nicht darin, Dienstleistungen oder Produkte anzubieten, sondern Aktien zurückzukaufen. Das ist legalisierte Plünderung», zitiert Brooks den US-Autor Les Leopold. «Sie entlassen Arbeiter:innen, zerschlagen Gewerkschaften, lagern Arbeitsplätze aus, drücken die Löhne und treiben die Preise in die Höhe. Unternehmen nehmen oft Schulden auf, nur um Rückkäufe zu tätigen. Das ist eine der wichtigsten Ursachen für die extreme Ungleichheit, die wir heute erleben.»
Man könnte also sagen, in den USA tobt ein brutaler Klassenkampf von oben, dem diejenigen, die unten sind, wenig entgegenzusetzen haben. Umso mehr schweisst es Maga- wie Mamdani-Anhänger:innen zusammen, in glühendem Hass auf ihre Ausbeuter:innen und geteiltem Glück und Genugtuung, wenn es einen von denen erwischt – oder wenigstens deren Ware.
Wie Frankreich 1788
Dabei sticht ins Auge, wie moderat die Forderungen im Vergleich zur Aktionsform sind. Einen Lohn, der «zum Leben reicht», wünschte sich Abdulkarim. Eine funktionierende Krankenversicherung hätte den mutmasslichen CEO-Mörder Mangione von seiner Tat abgehalten. Man fühlt sich an die Schriften des britischen Historikers E. P. Thompson erinnert, der anhand von Brotaufständen der englischen Unterklassen im 18. Jahrhundert die «moralische Ökonomie» der ländlichen Armen nachzeichnete. Ihre Wut richtete sich nicht gegen den Preis an sich, sondern gegen einen als ungerecht empfundenen, überzogenen Marktpreis, der nicht nur das Brot teurer machte, sondern tradiertes Gerechtigkeitsempfinden verletzte.
Den Eindruck, dass das Land «aus dem Gleichgewicht» geraten sei, äussern auch viele, die nun auf Social Media den Brand kommentieren. «Ich glaube, unsere Gesellschaft steuert auf einen Bruchpunkt zu; das Wohlstandsgefälle ist untragbar», schreibt jemand auf Reddit. «Die Vermögenskonzentration heute gleicht der in Frankreich 1788», ergänzt ein anderer. «Das wird nicht die letzte Aktion dieser Art gewesen sein», sind sich viele Plattformnutzer:innen einig.
Dass da etwas dran sein könnte, dämmert auch einigen, zu denen der Reichtum in den letzten Jahren gewandert ist. Sam Altman, CEO des KI-Unternehmens Open AI, sprach sich Anfang April für die Viertagewoche und eine Beteiligung der Allgemeinheit an den Gewinnen von AI aus, weil «die Balance von Arbeit und Kapital zu sehr in Richtung Kapital» zu kippen drohe. Das war wenige Tage bevor ein Zwanzigjähriger einen Molotowcocktail gegen Altmans Wohnhaus schleuderte und dann mit einem Anti-AI-Manifest und dem Vorschlag, Tech-CEOs zu ermorden, zur Firmenzentrale weiterfuhr, um auch diese in Brand zu setzen. Der Milliardär David Friedberg nannte kürzlich in einem Podcast eine Vermögenssteuer «unumgänglich, um einen Bürgerkrieg zu verhindern». Was die mutmasslichen Taten von Mangione, Abdulkarim und anderen erreicht haben, ist noch keine Umverteilung von Reichtum. Aber eine gewisse Umverteilung von Angst.
Hass auf die Met-Gala
Dass sich diese Angst mehr auf Bürgerkriegsszenarien und Mordanschläge als auf Streiks und Gewerkschaftsmacht bezieht, sagt auch etwas über den Zustand der organisierten Arbeiter:innenbewegung in den USA aus. Die Gewerkschaften verlieren, trotz einiger aufsehenerregender Streiks in den letzten Jahren, weiter Mitglieder. Heute liegt der Organisationsgrad landesweit bei zehn Prozent, Mitte der achtziger Jahre war er doppelt so hoch. In der Lagerlogistik gab es zuletzt beeindruckende Mobilisierungen – nur waren sie bisher vergleichsweise wenig erfolgreich.
So war es Amazon-Arbeiter:innen auf Staten Island 2022 zwar gelungen, erstmals ein grosses Amazon-Lager gewerkschaftlich zu organisieren. Seither versucht die Gewerkschaft aber vergeblich, den Konzern zu Verhandlungen zu bewegen. Ähnlich ergeht es der Transportarbeiter:innengewerkschaft Teamsters, die seit Jahren die bei Subunternehmen beschäftigten Amazon-Fahrer:innen organisiert – das Unternehmen stellt sich quer. Gerade erst machte der bekannteste Amazon-Gewerkschafter, Chris Smalls, Schlagzeilen, als er bei der Met-Gala Anfang Mai mit einem Protestschild gegen den Gala-Financier Jeff Bezos auftauchte und festgenommen wurde. Individueller Protest statt kollektiver Gegenmacht.
Was bei der diesjährigen Met-Gala, einem Promi-Benefizevent des Metropolitan Museum of Modern Art in New York, aber auch deutlich wurde: Reichenhass ist salonfähig geworden. Waren in der Vergangenheit die Outfits der Stars Anlass für detaillierte Würdigungen auf Social Media, ergingen sich Nutzer:innen dieses Jahr vor allem in hasserfüllten Kommentaren über die entkoppelte Parallelwelt der Superreichen.
Die Schriftstellerin Şeyda Kurt hat in ihrem Buch «Hass» beschrieben, wie dieser eine Triebkraft für Widerstand gegen Ungerechtigkeit sein kann – oder wenigstens ein Schritt aus der Gleichgültigkeit, die sich mit den Verhältnissen abgefunden hat. «Im Kapitalismus erscheint alles austauschbar, der Lauf der Dinge unveränderbar», sagte sie dazu in der WOZ. «Hass dagegen fixiert und ist eine Anklage der Gleichgültigkeit der Gegenwart» (siehe WOZ Nr. 16/23).
Im Unterschied zur spontanen, explosiven Wut attestiert Kurt dem Hass das Potenzial für Ausdauer und Zielsetzung. Damit liegt sie auf einer Linie mit einem Reddit-Nutzer, der nach dem Lagerhallenbrand in Kalifornien schrieb: «Viele Leute vergessen oder haben nie begriffen, dass wir deshalb Wochenenden, eine Vierzigstundenwoche und keine Kinderarbeit haben, weil Menschen solche Aktionen gemacht haben, um Unternehmen und der Klasse der Reichen eine Botschaft zu senden.» ●