Sammelklage : Der grosse Bücherraub
Um ihre Sprachmodelle zu trainieren, haben KI-Firmen massenhaft Bücher geplündert – auch meines war dabei. Der Techkonzern Anthropic soll jetzt zahlen.
Auf den ersten Blick hatte ich es für Spam gehalten. 1 500 000 000 Dollar? Bei Mails, in denen solche Geldbeträge genannt werden, fühle ich mich in der Regel nicht angesprochen, die lösche ich gleich. Trotzdem las ich weiter, als mich im November 2025 diese Nachricht erreichte: «Ein Bundesgericht hat diese Mitteilung autorisiert. Dies ist keine Junkmail, keine Reklame und keine Kundenwerbung von einem Anwalt.»
Absender war eine grosse Anwaltskanzlei in Seattle, die gegen den KI-Konzern Anthropic eine Sammelklage wegen Urheberrechtsverletzungen führt. Im August 2025 hatten sich die Parteien auf einen Deal geeinigt: Anthropic erklärte sich bereit, eineinhalb Milliarden Dollar Schadenersatz zu zahlen. Es ist der teuerste Vergleich in der Geschichte von US-Urheberrechtsfällen – und auch ich, so teilte man mir nun mit, könne mich als potenziell geschädigter Autor der Klage anschliessen.
Tatsächlich: In der Datenbank der betroffenen Werke taucht auch mein Buch über den Komiker Andy Kaufman auf, das im Jahr 2005 bei University of Minnesota Press erschienen ist. Geschrieben hatte ich es ursprünglich als Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich. Und nun hat Anthropic das Buch womöglich benutzt, um die KI-Sprachmodelle zu trainieren, auf denen sein Chatbot Claude beruht.
Trainieren erlaubt, Klauen nicht
Lanciert haben die Sammelklage die Krimiautorin Andrea Bartz und zwei weitere US-Autoren. Die Klage gegen Anthropic geht, wie viele andere dieser Art, auf Recherchen des Investigativreporters Alex Reisner zurück. Dieser hatte im August 2023 in der Zeitschrift «The Atlantic» publik gemacht, welche Bücher die Techkonzerne Meta und Open AI geplündert haben, um ihre Sprachmodelle zu trainieren. Damals war noch die Rede von über 170 000 Büchern. Inzwischen weiss man: Es sind Millionen – und andere KI-Firmen haben das genauso gemacht, darunter eben auch Anthropic.
Seither sehen sie sich mit Dutzenden von Klagen konfrontiert. Die Copyright Alliance, der Dachverband der US-Urheberrechtsgesellschaften, verzeichnet allein für den Printbereich 46 Klagen seit Oktober 2023, und laufend kommen neue dazu. Wobei die KI-Konzerne vor Gericht schon Teilerfolge feiern konnten. So sind die Komikerin Sarah Silverman und der Schriftsteller Michael Chabon mit Klagen gegen Meta und Open AI gescheitert, weil die Gerichte es als zulässig erachteten, wenn urheberrechtlich geschützte Werke als Trainingsdaten für KI-Systeme verwendet werden.
Zu diesem Schluss kam im Juni 2025 auch das Bundesbezirksgericht in San Francisco betreffend die Klage gegen Anthropic: Ein solcher Gebrauch von Büchern, so urteilte der zuständige Bundesrichter im Schnellverfahren, verstosse nicht gegen das Urheberrecht, weil das Ausgangsmaterial dabei ausreichend verändert werde. Die andere Frage sei jedoch, ob die Techkonzerne diese Bücher auch rechtmässig erworben hätten. Spoiler: Haben sie nicht.
Man fragt sich: Sind die so blöd? Oder sind sie einfacher dreister, als das Gesetz erlaubt? Das Vorgehen von Konzernen wie Anthropic und Meta verrät jedenfalls einiges darüber, was diese Branche vom Schutz geistigen Eigentums hält. Da brauchen sie also massenhaft Bücher, um ihre Sprachmodelle zu füttern, was rechtlich sogar zulässig ist – aber dann laden sie einfach Raubkopien aus dem Netz, bei sogenannten Schattenbibliotheken wie Library Genesis. So hat diese Branche ganze Geschäftsmodelle aus Diebesgut gebaut.
Die rechtlichen Bedenken kamen erst später. Bei Anthropic ging man im Jahr 2024 dazu über, Millionen von gedruckten Büchern zu kaufen, viele davon gebraucht. Die Bücher wurden industriell zerlegt, gescannt und digitalisiert, die Originale anschliessend im Altpapier entsorgt. In seinen ersten anderthalb Jahren jedoch, von Januar 2021 bis Juli 2022, hat Anthropic über sieben Millionen raubkopierte Bücher aus dem Netz geladen und für alle erdenklichen künftigen Nutzungen gespeichert.
Der Vergleich bewahrt Anthropic nun vor einem möglichen Schuldspruch in diesem Punkt – und die an der Klage beteiligten Rechteinhaber:innen dürfen dafür rasch mit Schadenersatz rechnen, ohne langwieriges Gerichtsverfahren. Die Liste der anspruchsberechtigten Werke umfasst in unserem Fall rund eine halbe Million Bücher. Der Anwaltsfirma zufolge sind für rund 92 Prozent dieser Werke entsprechende Ansprüche angemeldet worden. Bei der vereinbarten Schadenersatzsumme von eineinhalb Milliarden Dollar heisst das: Pro Titel bleiben rund 3000 Dollar Abfindung übrig, abzüglich zwanzig Prozent für Anwaltskosten und weitere Gebühren.
Wer, wie ich, im Rahmen des Vergleichs auf Schadenersatz pocht, verzichtet auf sein Recht, weiter gegen Anthropic zu klagen. Inzwischen laufen jedoch bereits neue Klagen von Geschädigten, die aus dem Vergleich ausgetreten sind. Erst letzte Woche hat eine Gruppe von 28 Autor:innen um den Schriftsteller Dave Eggers eine eigene Sammelklage gegen Anthropic eingereicht. Und seit Dezember 2025 läuft eine Klage, mit der eine Gruppe um den Investigativreporter John Carreyrou fast sämtliche Branchenführer ins Visier nimmt: neben Anthropic auch Google, Meta, Open AI, Perplexity AI und xAI.
Der Deal mit Anthropic sollte dieser Tage gerichtlich besiegelt werden. Aber noch sind nicht alle Fragen geklärt, und von verschiedenen Seiten gibt es starke Vorbehalte. Etwa weil Anthropic damit einem Schuldspruch entgeht, der zum Präjudiz für solche Fälle hätte werden können. Zudem werden die Verstösse nicht gewichtet: Der Vergleich behandelt alle Geschädigten gleich, ganz egal, ob es sich um einen Bestseller von Stephen King handelt oder um das Buch eines WOZ-Journalisten, von dem bis heute rund 1600 Exemplare verkauft wurden. Moniert wird auch, dass die Anwaltskanzlei für ihre Leistungen zwanzig Prozent der Abfindungssumme beansprucht – also rund 300 Millionen Dollar.
Abfindung zum Billigtarif
Für Kritik sorgt zudem die Vergleichssumme, so astronomisch sie für unsereins anmuten mag. Der geschätzte Firmenwert von Anthropic stand zuletzt bei rund 380 Milliarden Dollar – und gerade hat CEO Dario Amodei neue Beteiligungen über 30 Milliarden Dollar angekündigt, die den Wert des Konzerns auf rund 900 Milliarden Dollar steigern sollen. Das bisschen Schadenersatz über 1,5 Milliarden? Portokasse. Bedenkt man zudem, dass das US-Gesetz für Urheberrechtsverletzungen Geldstrafen in Höhe von bis zu 150 000 Dollar erlaubt, liegt der Schluss nahe: 3000 Dollar Schadenersatz pro Titel, das ist ein Spottpreis für den Milliardenkonzern.
Das hält auch die Klageschrift der Gruppe um John Carreyrou fest. Solche Deals dienten eher den beschuldigten KI-Konzernen als den Geschädigten, heisst es darin: Die wahren Kosten der Verstösse würden missachtet, wenn man diesen Firmen erlaube, Abertausende solcher Ansprüche «zum Billigtarif» zu tilgen.
Oder wie es eine Schriftstellerin, ähnlich unbekannt wie ich, in ihrer brieflichen Einsprache zum Vergleich formuliert hat: «Anthropic muss nur einmal zahlen und wird weiterhin finanziell von meinem Werk profitieren, und zwar für immer.» Weil sie arm sei, werde sie sich mit dem Vergleich abfinden, es sei besser als nichts. «Aber Gerechtigkeit ist das nicht.» ●