Söldner in der Ukraine : Der Krieg der anderen

Nr. 21 –

Unter den internationalen Kämpfer:innen in der Ukraine stellen Kolumbianer die grösste Gruppe. Ein Pfarrer ist zu ihrer wichtigsten Anlaufstelle geworden.

Kaplan Serhii
«Gefühlt hat jeder Kolumbianer hier meine Nummer»: Kaplan Serhii hilft jenen, die verletzt wurden oder in bürokratischen Sackgassen feststecken.

Kaplan Serhii, Rufname Padre, steht vor einem Kaffeehaus und versucht, Probleme zu lösen. Um ihn herum rauchen Männer mit Gesichtstattoos, Tränen unter den Augen, Kreuze an den Schläfen. Die Kolumbianer tragen Camouflagerucksäcke, in den Händen ukrainische Dokumente in Klarsichtfolie: Entlassungsschreiben von Spitälern, Bescheinigungen über ihren Dienst in der Armee, medizinische Befunde. Zwischen Zigarettenrauch, dem Motorenlärm von der Strasse und dem lauten spanischen Stimmengewirr wirkt der Pfarrer wie ein improvisierter Infoschalter.

«Ihm hier fehlt ein Dokument aus dem Krankenhaus in der Stadt Riwne», sagt Serhii und deutet auf einen jungen Mann. «Die Ärzte haben ihm nur einen Teil der Unterlagen gegeben.» Ein anderer müsse zuerst eine Geldstrafe bezahlen, weil er seine Aufenthaltsdauer überzogen habe. «Ohne diese Zahlung kann er keine neue Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Aber Geld hat er keines.» Andere versuchen, an die versprochene Entschädigung zu kommen, die ihnen als Veteranen in der Ukraine zusteht.

Serhii trägt ein olivgrünes Poloshirt, auf der Schulter ein Badge mit der kolumbianischen Flagge. In seinen Haaren steckt eine Sonnenbrille, zwischen den Schneidezähnen hat er eine kleine Zahnlücke. Dass der fünfzigjährige Ukrainer fliessend Spanisch spricht, liegt daran, dass er von 2018 bis 2021 als Priester im spanischen Murcia gearbeitet hat. Seit Beginn der russischen Vollinvasion hilft Serhii mit seiner Frau Irina, die von den Kolumbianern den Spitznamen Patrona (Chefin) erhalten hat, bedürftigen Menschen im Land – das Geld dafür kommt über Spenden an ihre Kirche, von Bekannten, Freund:innen, anderen Organisationen.

Auf Tiktok motiviert

2024 traf das Paar die ersten kolumbianischen Kämpfer, seither sind die beiden zu einer Art inoffizieller Anlaufstelle für spanischsprachige Soldaten geworden, besonders für jene, die verletzt wurden oder in bürokratischen Sackgassen feststecken. «Gefühlt hat jeder Kolumbianer im Land meine Nummer», sagt Serhii, «sie wird einfach weitergegeben.»

Kennengelernt habe er viele der Männer zufällig. «Wenn ich mit einem bei der Einwanderungsbehörde bin, sprechen mich sofort die nächsten an.» Manche erkennen ihn bei McDonald’s oder auf der Strasse. Jeden Tag erhalte er Nachrichten von zwei, drei neuen Soldaten, die Hilfe brauchten. Oft werde er gefragt, ob er beim Militär sei. «Und ich sage dann: ‹Nein, ich bin einfach Pfarrer.›»

Die Sprachbarriere sei eines der grössten Probleme. Ausser «Stop!», «Go!» oder «dawai» – das viele als ein ukrainisches «vamos» abgespeichert hätten – könnten die meisten weder Ukrainisch oder Russisch noch Englisch. Manche würden nach Verletzungen in regionalen Spitälern zurückbleiben, ohne wirklich zu verstehen, was mit ihnen passiere, andere sogar an der Front vergessen.

Vor kurzem habe ihn ein Anruf von der Front erreicht, erzählt Serhii. Drei Kolumbianer und drei Brasilianer hätten an einer Stellung in einem Erdloch festgesessen, ohne Wasser, ohne Essen, unter ständigem Drohnenbeschuss. «Sie haben uns ihre GPS-Koordinaten geschickt und gesagt: ‹Padre, bitte helft uns. Niemand holt uns hier raus.›» Das Problem sei oft die Kommunikation mit den ukrainischen Einheiten. «Manchmal glauben die Kommandanten dann einfach, die Männer seien schon tot.»

Unter den interantionalen Kämpfer:innen stellen die Kolumbianer die grösste Gruppe. Wie viele tatsächlich im Dienst der ukrainischen Armee stehen, weiss aber niemand genau. Zahlen von bis zu 20 000 kursieren. Serhii hält selbst das für zu niedrig. «Es ist eine regelrechte Flut», sagt er. Um die Männer besser betreuen zu können, brauche es Treffpunkte, eine Art Hub, wo Informationen verteilt würden und sich die Soldaten austauschen könnten. «Der Bedarf ist so gross, dass wir ihn zu zweit nicht mehr bewältigen können.»

Einige kämen, sagt Serhii, weil sie die Demokratie verteidigen wollten, die meisten aber wegen des Geldes. Über Tiktok und andere soziale Netzwerke erfahren sie von den vergleichsweise lukrativen Jobs als Soldaten in der Ukraine – oft von Bekannten oder ehemaligen Kameraden. Viele reisen offiziell als Touristen in die Ukraine ein und unterschreiben schliesslich in einem Registrierungszentrum ihren Vertrag – «dabei wissen die meisten nicht, was sie da unterschreiben», sagt Serhii. «Die meisten, die hierherkommen, sind erfahrene Soldaten. Es ist gut, dass sie kommen. Aber wir müssen die Herangehensweise ändern. Wenn sie den Vertrag unterschreiben, dann in ihrer eigenen Sprache.» Viele würden glauben, dass sie 10 000 US-Dollar erhielten. Aber in der Realität sei es meist weniger, sagt Serhii.

Langes Warten auf Entschädigung

Warum in der Ukraine so viele Kolumbianier kämpfen, beantwortet einer der Männer, dem Serhii helfen will, ohne lange nachzudenken: «Viele von uns waren Soldaten. Manche wurden pensioniert, andere entlassen, andere haben einfach den Krieg kennengelernt und mögen dieses Leben», sagt der 32-Jährige, der sich als Davis vorstellt. «Kolumbien erlebte Jahrzehnte voller Gewalt. Dort musst du ständig aufpassen, dass du nicht ausgeraubt oder getötet wirst. Das ist bei uns normal geworden.»

Es gebe überall Korruption, bewaffnete Gruppen, Drogenbanden und Kriminalität. Sieben Jahre lang habe er als Berufssoldat gedient, verdient habe er dabei umgerechnet nur wenige Hundert Franken im Monat. «Ich habe meine Mutter unterstützt, und vom Rest blieb fast nichts übrig.» Tagelang sei er mit schwerem Gepäck durch Berge und Dschungel gezogen, auf der Suche nach bewaffneten Banden. «Und wenn man sie gefasst hat, wurden sie wegen der Korruption oft wieder freigelassen.»

Vor drei Jahren kam Davis deshalb in die Ukraine und kämpfte in einem Sturmbataillon der Internationalen Legion. Nach acht Monaten verlor er bei einer Minenexplosion sein linkes Bein unterhalb des Knies. Trotzdem will er bleiben – obwohl er weder Ukrainisch noch Englisch spricht. «Ich würde gerne hier eine Frau finden», sagt er und lacht kurz. In Kolumbien habe er keine eigene Familie. «Nur meine Mutter, meine Geschwister, Grosseltern und Neffen. Aber ich mag dieses Land hier. Ich würde mir hier gerne ein Leben aufbauen.»

Nicht alle in seiner Heimat würden verstehen, warum er in die Ukraine gegangen sei. Manche verurteilten ihn dafür, andere unterstützten ihn. «Jeder denkt anders», sagt er und zieht an seiner Zigarette.

Der 38-jährige Oscar aus Bogotá dagegen will zurück nach Hause. Er zeigt die Narben auf seinem Oberarm, die nach der Operation langsam blasser werden. «Ich dachte, der Krieg wäre anders. Nicht so blutig, nicht so grausam», sagt er. Vor allem die Drohnen hätten ihn überrascht. «Ich hätte nicht gedacht, dass künstliche Intelligenz und Technologie hier so eine grosse Rolle spielen.»

Oscar kämpfte im Donbas – in Lyman, Slowjansk, Kramatorsk. In seinem Bataillon seien siebzig oder achtzig Kolumbianer gewesen, erzählt er. Der Kommandant, ein Ukrainer, habe übersetzt. Schlechte Erfahrungen mit der Ukraine habe er trotz seiner Verletzungen nicht gemacht. «Ich wurde medizinisch sehr gut versorgt», sagt er. Physiotherapie, Reha – all das habe funktioniert.

Jahrzehnte des Bürgerkriegs und wirtschaftliche Instabilität haben in Kolumbien eine grosse Gruppe gut ausgebildeter ehemaliger Soldaten hervorgebracht – viele von ihnen mit schlechten beruflichen Perspektiven, niedrigen Löhnen und kaum Aussicht auf eine Pension. Die kolumbianische Regierung versucht, die Teilnahme ihrer Staatsbürger an ausländischen Kriegen zu erschweren. Erst im vergangenen Dezember wurde in Kolumbien ein Gesetzesentwurf gegen die Rekrutierung, Finanzierung und Ausbildung von Söldnern verabschiedet. Trotzdem sehen viele den Krieg in der Ukraine als eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen. Nur: Der Einsatz in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, fordert einen hohen Preis.

Schätzungen zufolge sind seit Beginn der russischen Invasion Hunderte Kolumbianer gefallen. Weil es auf ukrainischer Seite generell keine belastbaren Zahlen über die Verluste gibt, dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen.

Mit dem Tod eines ausländischen Kämpfers – die Kämpfer sind inzwischen offiziell in die ukrainische Armee eingegliedert und gelten nicht mehr als Söldner – beginnt für viele Angehörige ein zermürbender Behördenmarathon. Denn Kolumbien verfügt in der Ukraine über keine diplomatische Vertretung, zuständig ist diejenige in Polen. Familien steht eine Entschädigung von 15 Millionen Hrywnja zu, umgerechnet rund 266 000 Franken. Doch bis das Geld tatsächlich ausgezahlt wird, vergehen oft Monate, manchmal Jahre. Anspruch auf diese Entschädigung haben Kinder, Ehepartner, Eltern oder andere Angehörige. Dafür müssen Pässe, Geburtsurkunden, Sterbeurkunden, Steuernummern und weitere Dokumente eingereicht werden. Das Geld wird auf ein ukrainisches Konto überwiesen.

«Mitten im Chaos spürt man Frieden»

María Camila, die dafür extra nach Europa gereist ist, steckt mitten in diesem Prozess. Die zierliche 32-Jährige, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, trägt ihre dunkelbraunen Haare zu einem Zopf gebunden. Sie spricht nur Spanisch. An einem kühlen Nachmittag im Mai bestellt sie in einem Lokal im Zentrum Kyjiws einen Kaffee und setzt sich an einen schattigen Tisch direkt neben einer mehrspurigen Strasse, an der Plakate verschiedener Armeeeinheiten um neue Rekruten werben.

Die Ukraine habe sie sich anders vorgestellt, sagt die Mutter eines zehnjährigen Sohnes, die sich Geld von Verwandten und Bekannten geliehen hat, um nach Kyjiw reisen zu können. Sie beschreibt die Hauptstadt als schön – trotz des Krieges sei sie sicherer als viele Orte in Kolumbien. «Man spürt Ruhe, wenn man hier spazieren geht. Viele werden wahrscheinlich denken, das klingt verrückt. Aber wenn man hier ist, fühlt es sich anders an als das Bild, das man von aussen hat. Mitten im Chaos spürt man trotzdem Frieden.»

Camilas Mann kam 2023 in die Ukraine, um seiner Familie zu Hause ein besseres Leben zu ermöglichen. Als ehemaliger Soldat habe er in Kolumbien kaum Aussicht auf einen gut bezahlten Job gehabt. Vor einem Jahr starb er mit 31 Jahren an der Front – durch einen Splitter in der Brust. Der Leichnam wurde inzwischen nach Kolumbien überführt und dort beigesetzt. Über seinen Tod habe zunächst ein Kamerad über soziale Netzwerke informiert, später hätten sich auch Mitarbeiter des Aussenministeriums telefonisch und per E-Mail gemeldet, erzählt María Camila.

Ob sie anderen Kolumbianern empfehlen würde, denselben Weg einzuschlagen? Sie schüttelt den Kopf. «Für Eltern, Ehefrauen und Kinder ist das eine furchtbare Situation. Einen geliebten Menschen zu verlieren – einen Vater, Sohn oder Bruder. Viele informieren sich vorher nicht genug darüber, worauf sie sich hier einlassen. Manche kommen an und sterben schon nach wenigen Tagen. Das hier ist ein brutaler Krieg, den viele unterschätzen.» ●