Stromgeschichte : Wasserkraft voraus

Nr. 21 –

Warum die geplante Marktöffnung vor über zwanzig Jahren an der Urne scheiterte.

Foto: Kaspar Thalmann
Foto: Kaspar Thalmann

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste sich auch die Schweiz der Herausforderung stellen, Strom zu erzeugen. Es gab hierzulande kaum fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl oder Erdgas, dafür aber dank der vielen Höhenunterschiede energetisch gut nutzbare Wasserläufe. So wurden in der Industrie Maschinen noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts oft direkt mit Wasserkraft und nicht mit Dampf betrieben. Die Elektrifizierung ermöglichte es, die einheimischen Wasserkräfte effizienter und flexibler zu nutzen.

Entsprechend ist die Schweizer Stromproduktion heute zusammengesetzt: Strom aus Wasserkraft macht fast sechzig Prozent aus, gefolgt von dreissig Prozent aus Atomkraft. Deutlich geringer, aber mit klar steigender Tendenz fällt mit knapp zehn Prozent der Anteil der erneuerbaren Energien (Sonne, Wind, Holz, Biogas) aus. Nur leicht über drei Prozent des Stroms werden in konventionellen thermischen Kraftwerken (Erdgas, Kohle, Öl, Abfälle) erzeugt. Im internationalen Vergleich ist der Anteil der Wasserkraft an der schweizerischen Stromerzeugung damit sehr hoch, derjenige der konventionellen thermischen Stromerzeugung dagegen sehr tief.

Besonders schwierig war der Import von Kohle und Öl während der beiden Weltkriege. Damals kam es zu politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen, die die Elektrifizierung der Schweiz und die Erschliessung der Wasserkräfte beschleunigten. So wurde zwischen dem Ersten Weltkrieg und den sechziger Jahren das Bahnnetz vollständig elektrifiziert, während die Eisenbahnen andernorts bis heute teilweise fossil betrieben werden.

Der Wille zur Liberalisierung

Seit der Ölkrise der siebziger Jahre nimmt der Stromanteil am gesamten Energieverbrauch in der Schweiz stetig zu. Das gilt insbesondere für die aktuelle Phase, wo E-Autos und Wärmepumpen für die Dekarbonisierung und Rechenzentren für die Digitalisierung das Wachstum des Stromanteils am Gesamtenergieverbrauch weiter vorantreiben. Die Schweiz produziert übers ganze Jahr gesehen eigentlich mehr Strom, als sie benötigt. Für die Abdeckung des Spitzenverbrauchs sind vor allem die grossen Stauseen in den Alpen sogar weit über die Landesgrenzen hinaus wichtig. Im Winter muss die Schweiz dagegen Strom aus Frankreich und Deutschland importieren.

Zentral für eine stabile Stromversorgung sind dabei Speichermöglichkeiten, denn anders als viele Energieträger wie Holz, Öl oder Kohle muss Strom immer in dem Moment erzeugt werden, in dem er auch verbraucht wird. Speichermöglichkeiten entstehen erst durch eine Umwandlung in andere Energieformen, die zu gegebener Zeit wieder in Strom umgewandelt werden können. Den wichtigsten Beitrag daran liefern bis heute die in der Schweiz besonders verbreiteten Speicherkraftwerke in den Alpen. Sie können das gespeicherte Wasser in Zeiten erhöhter Nachfrage (Spitzenlast) auf die Turbinen leiten. Pumpspeicherwerke können zu demselben Zweck zusätzlich Wasser wieder in die Stauseen hinaufpumpen. Weitere Techniken wie Batterien, Dampfspeicher und die Herstellung synthetischer gasförmiger oder flüssiger Brenn- und Treibstoffe («Power to gas» und «Power to liquid») werden in einer zunehmend von Wind- und Solarkraftwerken geprägten Stromversorgung stark an Bedeutung gewinnen.

Bis heute sind in der Schweiz rund 600 kommunale, öffentliche und gemischtwirtschaftliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen gesetzlich verpflichtet, die Grundversorgung eines bestimmten Gebiets mit Strom sicherzustellen. Doch seit dem Durchbruch neoliberaler Ideologien in den Neunzigern steht die Forderung im Raum, dass die Verbraucher:innen ihren Stromanbieter auf dem Markt frei wählen sollen.

Der «freie Strommarkt» unterscheidet sich vom Versorgungsmodell vor allem durch den gewählten Mechanismus bei der Preisfestsetzung: Im Versorgungsmonopol sind die Durchschnittskosten der Stromerzeugung Grundlage für die Tarife. Der Strompreis im «freien Markt» bildet sich dagegen entsprechend den Kosten des teuersten Kraftwerks, das jeweils gerade noch in Betrieb genommen werden muss, um die Nachfrage befriedigen zu können (Grenzkosten). Daraus ergibt sich eine Tendenz des «freien Strommarkts» zu höheren Strompreisen in Zeiten starker Nachfrage (Spitzenlast), beispielsweise am Mittag oder im Winter.

Vom Nein zum Kompromiss

1996 beschloss die EU die schrittweise Liberalisierung der Stromversorgung. Der Bundesrat wollte durch das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) mit dieser Entwicklung Schritt halten, und im Dezember 2000 verabschiedete das Parlament das EMG deutlich mit 160 zu 24 Stimmen. Auch eine Mehrheit der sozialdemokratischen und grünen Ratsmitglieder stimmte zu, weil das Gesetz einige Fördermassnahmen für erneuerbare Energieproduzenten enthielt. Doch mehrere SP-Kantonalparteien, die Gewerkschaften und kleine linksalternative Gruppierungen aus der Romandie oder der Stadt Zürich ergriffen das Referendum. Als «Vater» des Referendums gilt der damalige Waadtländer SP-Nationalrat und heutige Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds Pierre-Yves Maillard, der sich zurzeit lautstark gegen das geplante Stromabkommen mit der EU ausspricht.

Dem EMG-Referendum wurden anfänglich kaum Chancen eingeräumt. Doch bereits bei der Unterschriftensammlung zeigte sich, dass die Skepsis gegenüber dem Privatisierungs- und Deregulierungstrend bis weit in bürgerliche Kreise hineinreichte. In der Linken konnten sich nach teils heftigen Kontroversen schliesslich die EMG-Gegner:innen durchsetzen, indem sie die Bedeutung der Versorgungssicherheit und der demokratischen Kontrolle der Strombranche betonten. So gaben SP und Grüne schlussendlich die Nein-Parole aus. Und standen am Ende als Sieger:innen da: In der Abstimmung vom 22. September 2002 lehnten 52,6 Prozent der Stimmberechtigten das EMG ab.

Das Nein ermöglichte 2007 beim neuen Stromversorgungsgesetz einen Kompromiss: Zwar haben Grossunternehmen seither die Möglichkeit, Strom von Drittanbietern zu beziehen. Für die Kleinverbraucher:innen gilt aber weiterhin ein reguliertes Monopol der jeweiligen lokalen und regionalen Versorgungsbetriebe. Gerade die letzten Jahre mit ihren kriegsbedingt steigenden Marktpreisen legen nahe, dass sie damit besser fahren. ●

Adrian Zimmermann ist Historiker. Er engagierte sich 2001/02 gegen das Elektrizitätsmarktgesetz.