Valie Export (1940–2026) : Mit den Waffen einer Frau
Schamhaare und Maschinenpistole: Österreichs prägendste Medienkünstlerin Valie Export ist kurz vor ihrem 86. Geburtstag verstorben.
Kunsthaus Bregenz. Ennio Leanza, Keystone
Ihr karottenroter Haarschopf, ein Markenzeichen der späten Jahre, war auf Vernissagen in ihrer Heimatstadt Wien häufig zu sehen: Valie Export war stets neugierig auf junge Kunstpositionen. So radikal Österreichs prägendste Medienkünstlerin in ihren Performances war, persönlich wirkte sie entspannt und sehr nahbar.
Ihr Motto lautete: «Kunst muss aggressiv sein.» Mit der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verband sie nicht nur eine Freundschaft, sondern auch der Hang zu pointierter feministischer Satire. In ihrer Fotoserie «Identitätstransfer» von 1969 steht Valie Export breitschultrig wie ein Mann da und schaut selbstbewusst in die Kamera. Ein gutes Beispiel ist auch die Collage «Die Geburtenmadonna» von 1976: In Anlehnung an Michelangelos berühmte «Pietà» sitzt eine Schmerzensmutter auf einer Waschmaschine. Als Hausfrau muss sie die Wäsche machen, die religiöse Überhöhung ist im profanen Alltag angekommen.
Genitalpanik im Kino
1940 als Waltraud Lehner in der Stahlstadt Linz geboren, wurde Valie Export unter ihrem Künstlerinnennamen ein früher feministischer Popstar. Ihre berühmte Fotoserie «Aktionshose. Genitalpanik» von 1969 stellt sich dem voyeuristischen Blick auf den nackten Frauenkörper provokant entgegen: Ihre Jeans ist aufgeschnitten, die Schamhaare sind freigelegt. Breitbeinig sitzt die Künstlerin da, heute würde man Manspreading dazu sagen, damals gab es diesen Begriff für raumgreifendes männliches Verhalten noch nicht.
Man erkennt aber auch Exports genreübergreifende Arbeitsweise. Am Anfang stand nämlich eine Aktion in einem Münchner Kino: Export lief mit der im Schambereich ausgeschnittenen Hose durch die Reihen des hell erleuchteten Kinos, um die Zuschauer:innen möglichst direkt mit deren Schaulust zu konfrontieren. In der Fotoserie, die später im Studio entstand, kam eine Maschinenpistole dazu, weil Export das aggressive Potenzial steigern wollte.
Ihre Kunst spricht uns nach wie vor sehr direkt an. Trotzdem ist ihr Werk komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Viele Aktionen hatten einen doppelten, oft sogar dreifachen Boden, waren nicht so eindeutig zu lesen. In ihrem legendären «Tapp- und Tastkino» ging sie mit einem Pappkarton vor der nackten Brust durch eine Münchner Fussgängerzone. Wer wollte, durfte zugreifen. Sanft lächelnd liess Export die Fummelei über sich ergehen. Die Herren seien sehr sorgfältig gewesen, erinnerte sie sich später ironisch. Männer, die bei der Aktion gefilmt wurden, waren plötzlich selbst ein Objekt.
Gegen den Machoverein
In Videos erforschte sie die menschliche Stimme (wobei die Stimmritzen wie eine Vagina aussahen), ihren Lebens- und Kunstpartner Peter Weibel führte sie an der Hundeleine durch die Wiener Innenstadt. In der Performance «Homo Meter II» (1976) schnürte sie sich einen Brotlaib vor den Bauch und lud Passant:innen ein, sich ein Stück abzuschneiden.
Zum Feminismus sei sie durch ihre eigene Erfahrung mit der Kunstszene gekommen: «Ich habe bemerkt, dass ich als Künstlerin vom Publikum viel weniger beachtet werde als meine Kollegen.» Der Wiener Aktionismus war ein ziemlicher Machoverein: «Frauen waren Modelle und Begleiterinnen. Ich hatte ein vollkommen konträres Frauenbild.»
Mit der serbischen Performanceikone Marina Abramović war sie in den siebziger Jahren in Innsbruck auf einer gemeinsamen Schau vertreten. Abramović ritzte sich mit einer Rasierklinge einen Stern auf den Bauch – und legte sich auf Eisblöcke in Kruzifixform. Nach einer halben Stunde griff Export ein – und holte die halb bewusstlose Kollegin vom eisigen Kreuz. Das war gelebte weibliche Solidarität von einer, die genau wusste, wie schmerzvoll es sein konnte, sich seiner Kunst und seinem Publikum auszuliefern. ●