Wetterleuchten : Bei uns im Golfklub
Anna Jikhareva wehrt sich gegen den Nützlichkeitsrassismus
Vor zwei Wochen wurde an dieser Stelle des italienischen Arbeiters Alfredo Zardini gedacht, der 1971 als Saisonnier in die Schweiz kam – und nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Zürich von einem Rassisten totgeprügelt wurde.
Zardini war einer von Hunderttausenden, deren Arbeitskraft die Schweiz über lange Jahre ausbeutete. Am Wochenende, beim Blättern durch die Sonntagspresse, musste ich wieder an ihn und die vielen anderen, namenlosen Arbeiter:innen denken. FDP-Ständerat Andrea Caroni, so las ich, findet, sie würden sich «in ein gemachtes Nest setzen», wenn sie in die Schweiz kämen, weshalb er eine «Zuwanderungsgebühr» fordert, Eintrittsgeld also. Mit einer solchen Massnahme liessen sich dann auch all die im Stau stehenden und in vollen Zügen sitzenden Gemüter besänftigen: «So wüssten sie, dass die Zuwanderer einen besonderen Beitrag leisten.»
Ob Caroni vergessen hat, wer das Nest, von dem er spricht, gebaut hat und heute Tag für Tag unterhält? Wohl kaum. Eher erscheint es ihm in seinem Herrenmenschendenken als selbstverständlich, dass die Gewinner:innen der Schweizer Geburtslotterie von Natur aus mehr Rechte haben als jene, die ins Land kamen oder noch kommen werden. Die früher Staudämme oder Tunnel bauten und heute Gemüse ernten und Hotelzimmer putzen. Die Schweiz als überdimensionierter, exklusiver Golfklub.
Fast schon tragikomisch ist es, wie fantasielos bürgerliche Migrationssteuerungsfantasien sind. Zu Caronis Geschwistern im Geiste zählt Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen, die sich neulich darüber beschwerte, dass sie überall Baukräne sieht, und schon eine Zuwanderungsgebühr als Gegenvorschlag zur «10-Millionen-Initiative» ins Spiel brachte. Auch Partners-Group-Milliardär Fredi Gantner hält das für eine gute Idee, ebenso Ökonom und Medienliebling Reiner Eichenberger.
Nicht verwunderlich, dass die Idee der Eintrittsgebühr ebenfalls von einem Ökonomen stammt. Gary Becker, ein neoliberaler Denker par excellence, verbrachte sein Leben damit, menschliches Verhalten mit Kosten-Nutzen-Rechnungen zu vermessen, und präsentierte die Abgabe für Migrant:innen schon 2011 als «radikale Lösung». Migration, so Becker, müsse man sich als Markt vorstellen. Übersteige die Nachfrage nach Einwanderung in reiche Länder das Angebot, sei der Preis zu niedrig – und müsse entsprechend erhöht werden. Migration als Ware. Blinde Marktapologetik. So weit, so neoliberal trivial.
Singapur erhebt schon länger eine solche Abgabe, bezahlen müssen sie die Unternehmen. Aber dass die hiesige Rechte die Schweiz als eine Art Singapur der Alpen imaginiert, ist ja nichts Neues. Auch, dass im Kapitalismus alles ein Preisschild trägt, der Mensch insofern auch nur eine atmende Ware ist. Oder, wie Schorsch Kamerun mal gesungen hat: «Über euer Scheissmittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär.»
Im Golfklub der Sonntagszeitungen hat sich am Wochenende auch SVP-Chefcampaigner Thomas Matter vernehmen lassen. «Qualität statt Masse» forderte er, Caronis utilitaristisches Denken noch menschenverachtend zugespitzt. Und vielleicht ist es das, was einen an dieser Zuwanderungsdebatte am meisten beelendet: wie tief sich der Nützlichkeitsrassismus ins Denken eingeschrieben hat, der Migrant:innen nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bewertet. Nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei jenen, die es eigentlich gut meinen, dann aber trotzdem nur mit Fachkräftemangel und Rentensicherung argumentieren. Und damit die Würde von Menschen ebenfalls der Verwertungslogik unterwerfen. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ- Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.