Aus der Küche des Wahnsinns : Glauben macht nicht selig
Karin Hoffsten über die Grenzen des menschlichen Urteilsvermögens
«Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man aufhört, daran zu glauben», soll der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick gesagt haben. Über diese Feststellung bin ich zufällig im Kommentarfeld gestolpert, als ich den fantastischen Text las, den der Journalist Christof Gertsch kürzlich über den weltweit tauenden Permafrost fürs «Magazin» geschrieben hat und den zu rühmen ich seither nicht müde werde. Was mir nicht mehr bei vielem passiert, das dem Hause Tamedia entspringt.
Zur Einstellung, mit der ein Grossteil der Menschheit den Phänomenen der Klimaerhitzung begegnet, passt das Zitat doch wie Arsch auf Eimer. Da möchte man die Dettlings dieser Erde so lange mit dem besagten Artikel in ein Zimmer sperren, bis auch sie akzeptieren, dass ihre geliebten Berge jetzt öfter bröckeln als auch schon.
Eine Wirklichkeit, die hingegen ich gar nicht gern habe, ist das Archaische, das beim Menschen immer wieder auf allen Ebenen durchbricht. Da kann ich noch so begeistert die Folgen der Aufklärung lobpreisen und den Homo sapiens als mündiges Wesen feiern: Die Menschen hören trotzdem nicht damit auf, sich gegenseitig zu meucheln, seis in chaotischer oder auch in bürokratischer Form, Letzteres als Todesstrafe.
Die ist ja in den USA ein abstruses Konglomerat aus Rachegelüst und medizinischem Fortschritt, wie gerade ein Beispiel im Staate Tennessee zeigte. Dort wurde eine Hinrichtung mit der Todesspritze abgebrochen, weil man trotz mehrerer Versuche nur eine Vene für die Injektion fand, gesetzlich aber ein zweiter Zugang vorgeschrieben ist. Wer jemals erlebt hat, wie diverse Medizinpersonen an einer herumstochern, ohne die Vene zu treffen, ahnt, was der Verurteilte durchgemacht haben muss.
So fromm, wie man im Bible Belt ist, müsste man das jetzt für ein Gottesurteil halten und den Mann, der schon dreissig Jahre sitzt, sofort freilassen. Stattdessen hat man die Hinrichtung bloss um ein Jahr aufgeschoben, um dann das infernalische Personal wieder ans Werk zu lassen.
Auch die zwei kleinen Buben, drei- und fünfjährig, die von ihrer Mutter und deren Partner an einer einsamen Strasse am Waldrand in Portugal ausgesetzt wurden, lassen mich nicht los – wobei nicht nur mir Hänsel und Gretel dabei in den Sinn gekommen sein dürften.
Dass in diesem Fall nicht die Hexe, sondern ein guter Mann vorbeikam, der die Kinder in seine Obhut nahm, kann eine:n aber auch wieder ein bisschen mit der Menschheit versöhnen. ●
Eigentlich will Karin Hoffsten weiter an das Gute im Menschen glauben. Einfach mal vorsorglich.