Der Grosse Raub : Freitag ist Hightag
Enis Maci über Speech-to-text-Software und das antike Scherbengericht
Die Kolumnistin bewegt sich ja im Tätigkeitsfeld der Mitschreibenden. Die Woche in Anekdoten: So ist es gewesen. Ähnlich Ärzte und Therapeutinnen. Die allerdings müssen zeigen, dass sie zuhören, während sie mitschreiben. Daher also der Siegeszug der Speech-to-text-Software. Auf welchen Servern die Informationen über Zwangsstörungen, Ausschläge und dergleichen liegen und gegen eine Gebühr welcher Höhe sie wohl von meinen Feinden einzusehen sind?
Letzten Freitag hatte ich mit einer Goldschmiedin zu tun, deren Name selber Freitag lautet: Vivi. Ein Omen, klar, ist doch schon das Auftauchen von Robinson Crusoes «Freund» und Diener Freitag Ausdruck einer Sehnsucht nach den geringfügigeren, unterwerfbaren Instanzen, von denen vorletzte Woche hier zu lesen war. Instanzen, die in mir das kleinere Übel sehen, sehen müssen, da ich kein Kannibale bin.
Ich haderte also damit, wie zu sprechen sei von KI in der Praxis, von meldepflichtigen Wahnvorstellungen, von Kapital und Ausgrenzung, da erzählte Vivi mir von den Ostraka. Ostraka sind Tonscherben, die einmal als Notiz- oder Stimmzettel dienten. In ägyptischen Grabungsstätten etwa findet man das Krickelkrakel des Schülers und darüber, meisterlich, die Zeichnung des Lehrers. So wurden Hieroglyphen geübt, Bilder also, die auf Worte verweisen: das Gegenteil des Prompts.
Das Ostrakon lebt weiter im englischen Wort «ostracise»: ächten, verbannen, verfemen. Wollte man jemanden loswerden, so ritzte man seinen Namen auf eine Scherbe. Stimmte die Mehrheit gegen ihn, so musste er die Stadt verlassen. Der Fluch auf seinen Namen wurde besiegelt, indem das Stimmvolk sich nach erfolgtem Stuhl- und Wahlgang mit der Scherbe den Arsch sauber kratzte. Schmutz auf deinen Namen und dein Haus. Moment mal – wem gehört das eigentlich, wenn du nicht mehr da bist? Kann ich das vielleicht haben? Peter Thiels Lehrer René Girard schreibt, jede Gesellschaft brauche Sündenböcke. Zur Reinigung: sauber, blitzblank, wieder funktionabel.
Demokratie, zurück zu den Ursprüngen, zur Sklavenhaltergesellschaft, als wäre sie je weg gewesen. Die rechtlosen Frauen der Causa Epstein ähneln uns ja. Sie kommen vom Rand der westlichen Welt, aus der Peripherie des Weissseins – das arme Amerika, der Ostblock. Wenn ihr Tod scheissegal ist, warum nicht auch meiner? Wer Teil des Demos ist, stand immer zur Diskussion. Ob Leibniz’ beste aller Welten, Girards Sündenbock oder Curtis Yarvins Gramsci-Pastiche – immer heisst es, es sei gut so, wie es ist, schlecht nämlich, dafür ausweglos. There is no alternative, TINA, wie die zur Wählerin gewordene Diva, deren Leben das Gegenteil beweist.
Das Ostrakon lebt weiter auf dem Monte Testaccio in Rom, der eine Müllkippe ist oder ein künftiges Wahllokal, Scherbenhügel, Amphoren und Lose und Schulaufgaben, dasselbe Wort, derselbe Gott, immer und immer wieder, Wiederholung als Tat gewordene Liebe zur Sache. Neu ausholen, wieder machen, wieder neu taufen, was gestern schon da war: Wunder aus Müll, Glass Beaches, Abraumhalden.
Auch wenn die Datencenter nicht den Kathedralen der Schwerindustrie ähneln, so haben sie doch, was Albert Speer in perverser Weitsicht Ruinenwert nannte. Ein zweites Leben, das über ihre kurze erste Existenz hinausweist. Tore, die sich ohne Stechuhr öffnen: jeden Freitag, ausserhalb der Stadt. Da, wo angeblich nichts mehr ist, da sehen wir uns. In einem aufgelassenen Haus. ●
Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.