Durch den Monat mit Ece Temelkuran (Teil 4) : Warum wollen Sie nicht über Erdoğan sprechen?

Nr. 22 –

Im Sommer jährt sich der Putschversuch in der Türkei zum zehnten Mal. Die Repression seither kann als Blaupause für den globalen Faschismus gelesen werden.

WOZ: Ece Temelkuran, während des Putschversuchs in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 waren Sie zu Hause in Istanbul. Wie haben Sie diese Nacht erlebt?

Ece Temelkuran: Es war furchteinflössend. Ich sass vor dem Fernseher, als Soldaten begannen, die Bosporusbrücke zu überqueren, und von Zivilist:innen aufgehalten wurden. Dann flogen Kampfjets über unsere Köpfe hinweg. Kurz darauf erklang aus allen Moscheen Istanbuls das Sela-Gebet – das islamische Gebet zur Verkündung eines Todesfalls. Da wurde mir klar, dass hier für die Türkische Republik selbst gebetet wurde und dass wir am nächsten Morgen in einem Land aufwachen würden, das Menschen wie mir nicht mehr gehören würde. Als ich auf die Weinreben in meinem Garten blickte, dachte ich: Das ist das letzte Mal, dass ich sie sehe. Interessanterweise hatte mir der Vermieter beim Einzug gesagt, die Reben würden niemals Früchte tragen. Nach fünf Jahren taten sie es doch. So viele Menschen haben unermesslich gelitten, dass es mir fast peinlich ist, das zu sagen, aber ich werde noch immer melancholisch, wenn ich an diesen Garten denke.

WOZ: Der Name Recep Tayyip Erdoğan taucht in Ihrem neuen Buch «Nation of Strangers» nur ein einziges Mal auf. Warum?

Ece Temelkuran: Ich wollte ihm die Anerkennung verweigern. Nachdem ich 2016 die Türkei verlassen hatte, begann ich, in vielen Ländern Vorträge über Faschismus zu halten. Manchmal stand ich auf einer Bühne, während hinter mir ein riesiges Foto von Erdoğan projiziert wurde. Einmal sagte ich: «Könnten Sie bitte dieses Bild entfernen? Auf der Bühne wirkt er grösser als ich.» Bis heute ist bei Interviews mit mir Erdoğans Bild oft grösser als meines. Ohne es zu merken, reproduzieren die Menschen die Bildsprache des Regimes. Dabei sollten die Kritiker:innen mehr Raum einnehmen. Vielleicht sollte ich seinen Namen in der nächsten Auflage des Buches ganz streichen.

WOZ: Sie wirken zurückhaltend, wenn es darum geht, über den Präsidenten zu sprechen.

Ece Temelkuran: Er ist nicht der einzige Grund dafür, dass die Türkei heute eine Diktatur ist. Man hätte ihn politisch schon sehr früh stoppen können, wenn Menschen wie ich nicht als paranoid abgestempelt worden wären. Nach dem ersten Wahlsieg der AKP im Jahr 2002 warnte ich in einer Kolumne: Das ist keine gewöhnliche Partei, sondern eine politische Bewegung – und sie wird alles verändern.

WOZ: Man könnte allerdings argumentieren, dass Erdoğan in seinen ersten beiden Amtszeiten als Ministerpräsident Reformen umgesetzt hat, die der Gesellschaft zugutekamen.

Ece Temelkuran: Diese Reformen wurden oft als Zeichen der Demokratisierung interpretiert. In Wirklichkeit waren sie Teil einer Strategie der Machtkonsolidierung. Nach Erdoğans zweitem Wahlsieg 2007 hielt er eine Rede, in der er sagte: «Diejenigen, die nicht für uns gestimmt haben, sind die anderen Farben dieses Landes.» Wieder warnte ich in einer Kolumne davor, dass Kritiker:innen zu Bürger:innen zweiter Klasse gemacht und auf eine dekorative Rolle innerhalb der Nation reduziert würden. Viele Menschen, die ich damals als progressiv betrachtete, antworteten mir, das sei eine inklusive Rede Erdoğans gewesen, eine Botschaft an alle. Leider hatte ich recht. Ich musste meine Heimat verlassen, um dem im politischen Islam verwurzelten Faschismus zu entkommen.

WOZ: Heute wird kaum noch bestritten, dass dieses Verkennen ein historischer Fehler war: Die Repression gegen Kritiker:innen hält unvermindert an, nach Jahren drastischer Verfolgung der kurdischen Opposition gerät inzwischen auch die sozialdemokratische CHP unter Druck. Erdoğans stärkster Rivale, der frühere Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, sitzt seit März 2025 im Gefängnis.

Ece Temelkuran: Die Bedeutung des Falls İmamoğlu reicht weit über die Türkei hinaus. Was mit ihm geschieht, ist eine Blaupause für andere Länder, auch für Europa und die USA. Es zeigt, wie radikal und brutal der Konflikt zwischen progressiver Kommunalpolitik und autoritären Regimes werden kann.

WOZ: İmamoğlu erhält inzwischen kaum noch internationale Solidarität, nicht einmal von Sozialdemokrat:innen.

Ece Temelkuran: Das ist zutiefst verstörend, weil es zur Normalisierung von Ungerechtigkeit beiträgt. Die Leute sagen: «So etwas passiert dort eben, weil das ein verrücktes Land ist.» Aber nein – dasselbe kann und wird überall geschehen. Es geht nicht nur um die Menschen in der Türkei, sondern um uns alle. Auch andere Politiker:innen könnten wie İmamoğlu auf Grundlage erfundener Anschuldigungen im Gefängnis landen. Faschistische Bewegungen untergraben bewusst die Regeln der Rationalität. Das ist eine Form der psychologischen Kriegsführung.

WOZ: Können Sie sich vorstellen, in die Türkei zurückzukehren?

Ece Temelkuran: Im Moment weiss ich nicht, ob ich zurückkehren möchte. Wenn einem das Herz so sehr gebrochen wurde, weiss man irgendwann nicht mehr, was man will. Aber zumindest die Möglichkeit dazu hätte ich gern. ●

Ece Temelkuran (52) ist auch Juristin. 2016/17 schrieb sie die Kolumne «Türkisches Tagebuch» für die WOZ. Ihr aktuelles Buch steht in Grossbritannien auf der Shortlist des Women’s Prize for Non-Fiction – während der Arbeit daran stahl sie Kaffeelöffel aus Cafés in ganz Europa.